"Mehr Konsum würde China in eine Krise stürzen"

Interview | Lukas Sustala
9. August 2012, 18:13

Investitionen seien der Schlüssel zum wirtschaftlichen Aufstieg der Schwellenländer, meint Justin Yifu Lin, Ex-Weltbank-Chefökonom

Ex-Weltbank-Chefökonom Justin Yifu Lin hält Investitionen für den Schlüssel zum wirtschaftlichen Aufstieg der Schwellenländer. Mehr Konsum in China würde zudem die europäischen Exporteure schwer treffen, warnt er im Gespräch mit Lukas Sustala.

STANDARD: China war in den beiden vergangenen Jahrzehnten das Zugpferd des weltweiten Wachstums. Jüngst hat sich die Konjunktur eingetrübt. Droht eine Vollbremsung?

Lin: Ich bin sehr zuversichtlich, dass China noch zwanzig Jahre sehr dynamisch wachsen kann, mit acht Prozent oder mehr. China hat noch viel aufzuholen. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei 21 Prozent von jenem der USA. Diesen Niveauunterschied zu den USA hatte man in Japan 1951, Taiwan 1975 und Korea 1977. Alle drei Länder haben in den zwanzig Jahren danach zwischen 7,6 und 9,3 Prozent Wachstum erzielt.

STANDARD: China erntet gerade aus den USA viel Kritik für seine Währungspolitik. Das Land halte den Yuan niedrig, um sein Wachstum anzukurbeln. Das würde Jobs in den USA vernichten.

Lin: Das Argument basiert nicht auf Fakten. Wenn China wirklich seine Währung so massiv unterbewerten würde, um die Exporte anzukurbeln, würde es nicht nur mit den USA einen Handelsüberschuss aufbauen, sondern auch mit Japan, Deutschland oder Korea. Doch China hat ein enormes Handelsdefizit mit diesen Ländern.

STANDARD: Ökonomen, auch vom IWF, fordern aber, dass China den privaten Konsum fördern und seine hohen Infrastrukturinvestitionen eindämmen muss, gerade um die globalen Ungleichgewichte zu schließen.

Lin: Diese Forderung würde China in eine Krise stürzen. Jedes Land, das durch schuldenfinanzierten Konsum gewachsen ist, endete in der Krise. Zudem würde es in der heutigen Wirtschaftslage nicht helfen. Was exportieren denn die Industrienationen? Kapitalintensive Güter, Maschinen, eben Investitionsgüter. Das Geheimnis des deutschen Wirtschaftswunders sind die Investitionen in China. Wenn China also mit seinen Investitionen in Infrastruktur aufhört, wird es kein deutsches oder österreichisches Exportwunder geben. Das wäre ein Desaster für die Weltwirtschaft.

STANDARD: Apropos Desaster. Die Wirtschaft der Eurozone hat aktuell mit einer veritablen Krise zu kämpfen. Ihr Rezept?

Lin: In einer normalen Krise sollten Volkswirtschaften Strukturreformen durchführen und ihre Währung abwerten, um die Exporte zu steigern. Diesmal ist das Problem aber global. Die Krise ist in allen Industrienationen gleichzeitig aufgetreten. Die Eurozone könnte natürlich sehr lockere Geldpolitik machen und den Euro schwächen. Doch auch die USA und Japan müssen Strukturreformen angehen. Auch sie brauchen eine Abwertung.

STANDARD: Wie kommt man aus diesem Dilemma?

Lin: Wir brauchen anstatt der Abwertung ein neues Instrument, um die Nachfrage anzukurbeln, einen globalen Marshallplan, der Investitionen in Infrastruktur forcieren sollte. Kurzfristig schafft das Beschäftigung und Nachfrage und erhöht zudem langfristig die Produktivität.

STANDARD: Aber es würde auch die Schulden erhöhen. Und die Staatsausgaben von heute sind die Steuererhöhungen von morgen.

Lin: Die Skepsis ist angebracht, wenn es sich um eine klassisch-keynesianische Stimulierung der Wirtschaft handelt: ein Loch buddeln und es wieder zuschütten. Das erhöht nicht die Produktivität. Wir müssen aber über Keynes hinausgehen. Gerade in den Entwicklungsländern gibt es enorme Möglichkeiten für diese Art von Investitionen.

STANDARD: Sollen also andere Schwellenländer China nacheifern und mehr investieren?

Lin: Die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass Länder wachsen, indem sie sich eine reichere Wirtschaft als Vorbild nehmen und ihre Wirtschaftsstruktur modernisieren. Im 15. Jahrhundert haben die Briten von Holland gelernt, im 19. haben die USA aufgeholt, ab 1868 hat Japan in der Meiji-Restauration aufgeholt, in den 1960er-Jahren die ostasiatischen Länder. Heute geht das noch viel schneller, weil der Unterschied in der Wirtschaftsstruktur von reichen und armen Ländern viel größer ist als etwa im 15. Jahrhundert. Damals konnte der Nachzügler vielleicht einen Prozentpunkt schneller wachsen als die reichen Länder. Heute sind mit der richtigen Wirtschaftspolitik sechs Prozentpunkte schnelleres Wachstum möglich.

STANDARD: Können das auch die afrikanischen Länder schaffen?

Lin: China gibt mir die Sicherheit, dass das gelingen kann. Das Land war über Jahrhunderte in Armut gefangen, vor den 1980er-Jahren war es ein hoffnungsloser Fall. Doch China konnte sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Schwellenländer müssen ihre Volkswirtschaften entlang ihrer Wettbewerbsvorteile aufbauen. Dafür brauchen sie marktwirtschaftliche Institutionen und einen Staat, der diese Entwicklung fördert und die nötige Infrastruktur bereitstellt.

STANDARD: Infrastruktur wirkt für Sie wie ein heiliger Gral der wirtschaftlichen Entwicklung.

Lin: Das ist sie auch. Nehmen Sie ein Beispiel: Die Arbeitsproduktivität in Äthiopien hat heute schon knapp 70 Prozent der Produktivität in China erreicht. Gleichzeitig sind die Arbeitskosten in Äthiopien deutlich niedriger, weil es in China erhebliche Lohnsteigerungen gab. Doch die Infrastruktur ist der Flaschenhals, der Unternehmen abschreckt. Die Länder müssen sich Wettbewerbsvorteile durch die reichlich vorhandene Arbeitskräfte erarbeiten, um Exportwachstum zu schaffen. Dafür sollten sich die Staaten genau die Industrien ansehen, die in den etwas reicheren Ländern florieren. Davon können sie lernen und das ebnet den Weg für die kontinuierliche Aufwertung der eingesetzten Technologien. China hat heute 85 Millionen Arbeitsplätze in der Industrie. Wenn das Land sich weiter entwickelt, technologisch aufsteigt und die Einkommen steigen, wird davon die ganze Welt profitieren. Diese Jobs werden nach Vietnam oder eben nach Afrika wandern. Diese Länder müssen nur ihre Chance ergreifen. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 10.8.2012)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 107
1 2 3
dann wird es bald eine krise geben!

gerade in den bric-staaten wird es in ca 20 jahren einen reicheren mittelstand geben als in amerika oder europa!!viel spass den chinesen, wenn sie wieder etwas kürzer treten müssen.

Guten Nacht Mutter Natur...

Das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei 21 Prozent von jenem der USA. Diesen Niveauunterschied zu den USA hatte man in Japan 1951, Taiwan 1975 und Korea 1977. Alle drei Länder haben in den zwanzig Jahren danach zwischen 7,6 und 9,3 Prozent Wachstum erzielt..... Beste Grüße

Der Gewinn des einen ist die Schuld des anderen.

Wenn alle Länder aufholen, ... irgendwann bleiben dann keine Länder mehr übrig zum ausbeuten.

Oder keine Ressourcen! Denn fast alles muss mit Energie und Ressourcen Aufwand erzeugt werden und das dies auf einer Kugel nicht ewig geht werden wir in ein paar Jahren schmerzlich bemerken und dann neue Wege gehen müssen.

Ja dann gehe wir eben neue wege. Wo ist das problem?

an kas.

die wollen ja nur, dass die asiaten in die eu-schrott-wirtschaft investieren

klingt weniger nach wirtschaft als nach kampfstrategie: die eigenen löhne künstlich unten halten und damit anderen dritte-welt-ländern jede chance rauben, außerdem weiter devisen sammeln als druckmittel.

kann man nur hoffen, dass die chinesen bald vom schuften genug haben und sich auch mal was leisten wollen. tut sicher niemandem weh, ausser ein paar skrupellosen strategen wie lin.

China hat Devisen ja aber auch intern werden enorme Geldschöpfungen vorgenommen um die Infrastruktur Projekte voranzutreiben....Blase kann auch in China platzen...

So wie es Deutschland halt in der Eurozone macht....

bläh bläh

Jedes Land, das durch schuldenfinanzierten Konsum gewachsen ist, endete in der Krise

Eine vordergründig richtige Feststellung, die falsch ist. Denn es gilt:

alles was produziert wird, muß auch konsumiert werden.

Wer investiert und dann auf Lager produziert geht genauso Pleite wie der schuldenfinanzierte Konsum. Klar können Staaten, z.B. die Deutschen, mehr Investitionsgüter herzustellen und weniger konsumieren. Das müssen aber dann andere Staaten bezahlen, die in die Verschuldung abgleiten.

Das Problem liegt eben im Kreditgeldsystem und den wegen verknappender Ressourcen (Kostensteigerungen !!) immer geringeren Wachstumschancen. China könnte noch 20 Jahre mit 8% wachsen, würde dadurch sein jetziges BIP vervierfachen. Aus Ressourcen- und Umweltgründen halte ich das aber für nicht möglich!

den Artikel wohl nicht ganz verstanden ??

Investitionen in Infrastruktur - dazu gehört z.B. auch der Aufbau erneuerbarere Energie - was in China ja auch vehement passiert.
Das ewige Kreditgeldgequasel ist öd...natürlich haben wir im Westen ein riesiges Problem mit dem Finanzsystem..aber welches System hat den China??
nur Finanztechnische Gründe und Ursachen zu sehen ohne an die Realwirtschaft zu denken ist mechanisch und unsinnig . Das sind halt die zwei Seiten der unsinnigen monetaristischen Theorie. auf der einen Seite der neoliberalismus und dagegen die kreditgeld und "Zinseszins" Kritiker. beides ist unsinnig.

Ein Staat mit einer eigenen Währung und einem Leistungsbilanzüberschuss kann nicht pleite gehen. Auf China, bei dem die Geldschöpfung noch dazu komplett in staatlichen Händen liegt, trifft das zu.

Man kann deshalb die Aussagen von Lin dahigehend interpretieren, dass China weiterhin auf Exportüberschüsse und Überschüssen in der Leistungsbilanz setzen sollte. Was dann mit den Staaten, die sich China gegenüber verschulden, passiert, ist eine andere Frage.

Aber das eher ressourcenarme Chin versucht sowieso, mit ressourcenstarken Ländern, einige in Afrika, Russland, Brasilien, aber auch Australien, im Austausch von Ressourcen zu Halb- und Fertigprodukten und den chinesischen Export von Infrastruktur ins Geschäft zu kommen. Der Verlierer wäre der Westen:

"See How China Quietly Took Over Africa "

http://www.zerohedge.com/news/beij... ver-africa

ja - hat eine Ähnlichkeit mit dem was deutschland will

naja, vielleicht wirds zeit die brille zu wechseln:

http://www.youtube.com/watch?v=QN2-w2F_e84

das problem heute sind solche chef økonomen.

was genau ist schlecht an dem was er sagt??

Zu nationales Denken

Es muss immer auch jemanden geben, der konsumiert.

Wenn ein Land einen auf Export-Meister macht, dann gibt es immer auch einen "Import-Meister".
Mittelfristig führt das zu Verwerfungen und Krisen.

schon klar

nur ..der Leistungsbilanzüberschuss chinas ist 3,6% des BIPSs
vergleiche?
Deutschland: 5,1%
Schweiz 12,8%
Russland 4,9%
Austria 3,0%
Saudi Arabien 25,0%
defizite:

USA -3,3%
Türkei -8,8%
Italien -3,6%
Spanien -3,8%
griiechenland -7,9%

Investitionen und Konsum

Natürlich kann man nicht erwarten, dass ein Chefökonom auf diesen Zusammenhang hinweist. Die Chinesen sind gezwungen, ihr Geld auf Sparbuch zu legen, weil sie mit nur einem Kind und einer sehr schwachen Altervorsorge von seiten des Staates gezwungen sind, selber was zur Seite zu legen.
Mit diesem Geld können dann die staatsnahen Banken und Unternehmen arbeiten.

Also das, was die Chinesen nicht konsumieren (wollen), wird von den chinesischen Unternehmen und vom chinesischen Staat investiert. Die Sparer verstehen schon, dass sie in Form von zu niedrigen Zinsen schleichend enteignet werden, daher darf man gespannt sein, wie sie sich verhalten werden in den nächsten Jahren. Wenn sie nicht mitspielen, krachts.

Ich bin nicht sicher, wie das in China funktioniert,

aber in privatwirtschaftlichen Systemen gibts schon auch Privatinvestitionen, nicht warh?

Und zwar nicht nur solche, die eigentlich Konsum sind ("ich investier in an gescheiten Urlaub") sondern solche, die wirklich mit langfristiger Renditeabsicht gemacht werden ("ich kauf eine Eigentumswohnung, damit ich nicht ewig Miete zahlen muss").

Und diese wiederum werden schon durch Konsumverzicht (teil-)finanziert.

Oder versteh ich Ihren Gedanken jetzt völlig falsch?

Natürlich werden Privatinvestitionen durch Konsumverzicht finanziert.

Dieser Konsumverzicht ist halt in China sehr groß, weil die Leute sparen wollen/müssen. Die Spareinlagen betrachte ich schon als indirekte Investitionen.

Diese Investitionen sind für die Sparer sehr schlecht, sie haben aber wenige Alternativen. Wenn sie nun irgendwann weniger Geld sparen, und mehr konsumieren, dann fehlt dieses Geld, das sonst für günstige Kredite zur Verfügung steht.

Leider kann ich das nicht besser ausdrücken, das ist nicht wirklich mein Fachgebiet. Ich wollte nur zur Sprache bringen, was ich auf einigen englischsprachigen Blogs aufgeschnappt habe.

das ist schon richtig was du sagst, aber das ding hat noch mehrere aspekte (kurzgefasst in wenigen zeichen):

a.) der rubel muss rollen: dh, wenn leute konsumieren, sind unternehmen auch bereiter zu investieren (lustiges paradoxon dazu: wenn wir konsumieren, investieren eher die chinesen in konsumgüterprod., wenn chinesen investieren, exportieren wir die investitionsgüter dazu).
b.) ob gespart wird oder nicht, ist aus meiner sicht eher egal: in heutigen zeiten sind nämlich fast alle spareinlagen in banken verfügbar, welche in investitionskredite umgewandelt werden können. würden menschen das geld aus banken entnehmen, würden wir im system geld verknappen: das ist aber nicht der fall.

Wichtig ist nur, dass a. + b. balanciert ablaufen und die leut nicht mehr ausgeben als sie haben, funktionierts schon.

Klar, dass er eins nicht erwähnt hat "Kauft Produkte aus dem eigenen Land!!"

Zum Glück: EX Chefökonom.

Nur einzig und alleine der nachhaltige Konsum und die daraus resultierende nachhaltige Arbeit, kann eine Wirtschaft am Laufen halten, du Vollgneißer!
Kein Wunder dass uns Experten wie Du, du Exchefökonom, in die Bredullie reiten.

Posting 1 bis 25 von 107
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.