"Mehr Konsum würde China in eine Krise stürzen"

Interview |

Investitionen seien der Schlüssel zum wirtschaftlichen Aufstieg der Schwellenländer, meint Justin Yifu Lin, Ex-Weltbank-Chefökonom

Ex-Weltbank-Chefökonom Justin Yifu Lin hält Investitionen für den Schlüssel zum wirtschaftlichen Aufstieg der Schwellenländer. Mehr Konsum in China würde zudem die europäischen Exporteure schwer treffen, warnt er im Gespräch mit Lukas Sustala.

STANDARD: China war in den beiden vergangenen Jahrzehnten das Zugpferd des weltweiten Wachstums. Jüngst hat sich die Konjunktur eingetrübt. Droht eine Vollbremsung?

Lin: Ich bin sehr zuversichtlich, dass China noch zwanzig Jahre sehr dynamisch wachsen kann, mit acht Prozent oder mehr. China hat noch viel aufzuholen. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei 21 Prozent von jenem der USA. Diesen Niveauunterschied zu den USA hatte man in Japan 1951, Taiwan 1975 und Korea 1977. Alle drei Länder haben in den zwanzig Jahren danach zwischen 7,6 und 9,3 Prozent Wachstum erzielt.

STANDARD: China erntet gerade aus den USA viel Kritik für seine Währungspolitik. Das Land halte den Yuan niedrig, um sein Wachstum anzukurbeln. Das würde Jobs in den USA vernichten.

Lin: Das Argument basiert nicht auf Fakten. Wenn China wirklich seine Währung so massiv unterbewerten würde, um die Exporte anzukurbeln, würde es nicht nur mit den USA einen Handelsüberschuss aufbauen, sondern auch mit Japan, Deutschland oder Korea. Doch China hat ein enormes Handelsdefizit mit diesen Ländern.

STANDARD: Ökonomen, auch vom IWF, fordern aber, dass China den privaten Konsum fördern und seine hohen Infrastrukturinvestitionen eindämmen muss, gerade um die globalen Ungleichgewichte zu schließen.

Lin: Diese Forderung würde China in eine Krise stürzen. Jedes Land, das durch schuldenfinanzierten Konsum gewachsen ist, endete in der Krise. Zudem würde es in der heutigen Wirtschaftslage nicht helfen. Was exportieren denn die Industrienationen? Kapitalintensive Güter, Maschinen, eben Investitionsgüter. Das Geheimnis des deutschen Wirtschaftswunders sind die Investitionen in China. Wenn China also mit seinen Investitionen in Infrastruktur aufhört, wird es kein deutsches oder österreichisches Exportwunder geben. Das wäre ein Desaster für die Weltwirtschaft.

STANDARD: Apropos Desaster. Die Wirtschaft der Eurozone hat aktuell mit einer veritablen Krise zu kämpfen. Ihr Rezept?

Lin: In einer normalen Krise sollten Volkswirtschaften Strukturreformen durchführen und ihre Währung abwerten, um die Exporte zu steigern. Diesmal ist das Problem aber global. Die Krise ist in allen Industrienationen gleichzeitig aufgetreten. Die Eurozone könnte natürlich sehr lockere Geldpolitik machen und den Euro schwächen. Doch auch die USA und Japan müssen Strukturreformen angehen. Auch sie brauchen eine Abwertung.

STANDARD: Wie kommt man aus diesem Dilemma?

Lin: Wir brauchen anstatt der Abwertung ein neues Instrument, um die Nachfrage anzukurbeln, einen globalen Marshallplan, der Investitionen in Infrastruktur forcieren sollte. Kurzfristig schafft das Beschäftigung und Nachfrage und erhöht zudem langfristig die Produktivität.

STANDARD: Aber es würde auch die Schulden erhöhen. Und die Staatsausgaben von heute sind die Steuererhöhungen von morgen.

Lin: Die Skepsis ist angebracht, wenn es sich um eine klassisch-keynesianische Stimulierung der Wirtschaft handelt: ein Loch buddeln und es wieder zuschütten. Das erhöht nicht die Produktivität. Wir müssen aber über Keynes hinausgehen. Gerade in den Entwicklungsländern gibt es enorme Möglichkeiten für diese Art von Investitionen.

STANDARD: Sollen also andere Schwellenländer China nacheifern und mehr investieren?

Lin: Die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass Länder wachsen, indem sie sich eine reichere Wirtschaft als Vorbild nehmen und ihre Wirtschaftsstruktur modernisieren. Im 15. Jahrhundert haben die Briten von Holland gelernt, im 19. haben die USA aufgeholt, ab 1868 hat Japan in der Meiji-Restauration aufgeholt, in den 1960er-Jahren die ostasiatischen Länder. Heute geht das noch viel schneller, weil der Unterschied in der Wirtschaftsstruktur von reichen und armen Ländern viel größer ist als etwa im 15. Jahrhundert. Damals konnte der Nachzügler vielleicht einen Prozentpunkt schneller wachsen als die reichen Länder. Heute sind mit der richtigen Wirtschaftspolitik sechs Prozentpunkte schnelleres Wachstum möglich.

STANDARD: Können das auch die afrikanischen Länder schaffen?

Lin: China gibt mir die Sicherheit, dass das gelingen kann. Das Land war über Jahrhunderte in Armut gefangen, vor den 1980er-Jahren war es ein hoffnungsloser Fall. Doch China konnte sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Schwellenländer müssen ihre Volkswirtschaften entlang ihrer Wettbewerbsvorteile aufbauen. Dafür brauchen sie marktwirtschaftliche Institutionen und einen Staat, der diese Entwicklung fördert und die nötige Infrastruktur bereitstellt.

STANDARD: Infrastruktur wirkt für Sie wie ein heiliger Gral der wirtschaftlichen Entwicklung.

Lin: Das ist sie auch. Nehmen Sie ein Beispiel: Die Arbeitsproduktivität in Äthiopien hat heute schon knapp 70 Prozent der Produktivität in China erreicht. Gleichzeitig sind die Arbeitskosten in Äthiopien deutlich niedriger, weil es in China erhebliche Lohnsteigerungen gab. Doch die Infrastruktur ist der Flaschenhals, der Unternehmen abschreckt. Die Länder müssen sich Wettbewerbsvorteile durch die reichlich vorhandene Arbeitskräfte erarbeiten, um Exportwachstum zu schaffen. Dafür sollten sich die Staaten genau die Industrien ansehen, die in den etwas reicheren Ländern florieren. Davon können sie lernen und das ebnet den Weg für die kontinuierliche Aufwertung der eingesetzten Technologien. China hat heute 85 Millionen Arbeitsplätze in der Industrie. Wenn das Land sich weiter entwickelt, technologisch aufsteigt und die Einkommen steigen, wird davon die ganze Welt profitieren. Diese Jobs werden nach Vietnam oder eben nach Afrika wandern. Diese Länder müssen nur ihre Chance ergreifen. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 10.8.2012)

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