Major Toms brennende Lippen

    9. August 2012, 17:48
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    Anstrengend: The Flaming Lips veröffentlichen ein Album mit Freunden. Psychedelischer Irrsinn und rare Schönheit gehen Hand in Hand

    Die Flaming Lips sind durchgeknallt. Vollkommen. Das wundert niemanden, der die Band aus Oklahoma kennt, aber man muss es wieder einmal sagen. Gegründet aus Motiven, die normalerweise mit dem Prädikat "niedrig" versehen werden, startete die Band in den mittleren 1980er-Jahren eine musikalische Laufbahn. Zu bürgerlichen Karrieren unfähig und um nicht gleich als Opfer von McJobs und Drogen im Trailerpark zu enden, nützte man die Selbstermächtigungschance, die Punkrock bot.

    Ein paar Alben und kosmische Zufälle später waren The Flaming Lips eine weltberühmte Band, deren Album The Soft Bulletin als eine der innovativsten Arbeiten im zeitgenössischen Rock gilt. Mit diesem 1999 erschienenen Album legten sie sich die Latte so hoch, dass alle seitdem veröffentlichten Nachfolger aufrecht unten durchmarschieren können. Dennoch fielen dabei Werke ab, die neben höherem Irrsinn durchaus Genialität ebenso besaßen wie jene Infantilität, die die Flaming Lips ausmacht. Yoshimi Battles the Pink Robots aus dem Jahr 2002 etwa oder At War With the Mystics (2006).

    Seit damals haben sie alles daran gesetzt, um ihr Label Warner vor den Kopf zu stoßen. Oder anders gesagt, die Flaming Lips forderten von Warner Music jene Toleranz ein, die das Label in den goldenen Zeiten der Musikindustrie, in den 1970er- und 1980er-Jahren, ihren Künstlern entgegengebracht hat. Als es Geld in Künstler steckte, die dann mit Werken daherkamen, die erst 20 Jahre später als genial erkannt wurden. Heute leistet sich das Business diesen langen Atem nicht mehr. Ja, die Flaming Lips sind heute weg von Warner. Dem Irrsinn haben Wayne Coyne, Michael Ivins, Steven Drozd und Kliph Scurlock deshalb aber nicht abgeschworen.

    Das belegt das Album The Flaming Lips and Heady Fwends. Es ist eine Sammlung von Kollaborationen mit Musikern und Bands wie Bon Iver, Nick Cave, Yoko Ono, Lightning Bolt oder der Soul-Sängerin Erykah Badu. Mit der Badu gab's Ärger. Zu ihrer Interpretation des von Roberta Flack berühmt gemachten Songs The First Time Ever I Saw Your Face drehten die Lips ein Video mit Badus kleiner Schwester Nayrok. Diese rekelt sich darin nackt in der Badewanne, bekleckert von roter Sauce, weißen Säften und anderem Zeugs. Das erregte Erykah Badu vollkommen unsexuell und sie beschimpfte Wayne Coyne so wortreich wie medienwirksam mit "Kiss my glittery ass!". Coyne entschuldigte sich mit einer faulen Ausrede (eine falsche Version sei online gegangen), fertig war das Spektakel.

    Ungeachtet dieses Schaukampfs zählt dieses Stück zu den Höhepunkten des Albums. Als drastisch verlangsamte Hypnoseübung entfaltet es in zehn Minuten seine ganze Schönheit vor dem Hintergrund eines psychedelischen Rauschens. Doch nur selten klingt das Rauschen so lieblich wie hier. In Stücken wie I'm Working At Nasa On Acid mit Lighning Bolt nervt das bis zum Anschlag gedrehte Gedröhns ordentlich. Schade, dass stattdessen nicht das ebenfalls gemeinsam eingespielte Stück I Wanna Get High But I Don't Want Brain Damage verwendet wurde.

    Mit den geistesverwandten Tame Impala ist ein hübsches Stück Psychedelic Rock entstanden, Nick Cave zappelphilippt; far-out im Sinne galaktischer Distanzen fiel das Resultat mit Neon Indian aus: Im Song Is David Bowie Dying? treffen die Flaming Lips auf Major Tom und die Spiders vom Mars. Brain Damage in schönster Blüte. (Karl Fluch, Rondo, DER STANDARD, 10.8.2012)

    "The Flaming Lips and Heady Fwends" (Universal)

    • The Flaming Lips ziehen mit ein paar Freunden durchs Weltall.
      foto: universal

      The Flaming Lips ziehen mit ein paar Freunden durchs Weltall.

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