Rolle vorwärts im Kindergarten

Reportage | Lisa Mayr
31. Jänner 2013, 17:00
  • Mädchen spielen bei "Fun & Care" Fußball. Auch in Rosarot.
    foto: der standard, www.corn.at

    Mädchen spielen bei "Fun & Care" Fußball. Auch in Rosarot.

  • Das Symbol Rosa. Farbvorgaben gibt es in diesem Kindergarten keine.
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    foto: apa/neubauer

    Das Symbol Rosa. Farbvorgaben gibt es in diesem Kindergarten keine.

Ein Wiener Kindergarten vermittelt Mädchen und Buben Rollenbilder jenseits des Klischees - Das Konzept polarisiert

Ein milder Tauwetter-Tag im Jänner, zehn Uhr vormittags. Vom Regen draußen ist im Kindergarten in der Wiener Gablenzgasse nichts zu spüren. Etwa 20 Mädchen und Buben zwischen drei und sechs Jahren sitzen im Kreis auf kleinen bunten Holzsesseln. An den Fensterscheiben kleben Kinderzeichnungen, es riecht nach Malfarben. Pädagoge Michael Fimberger spielt Gitarre, die Kinder singen begeistert aus vollen Kehlen. Dass eine Reporterin im Raum ist, motiviert sie besonders; manche Kinderstimme überschlägt sich fast vor Freude.

Fimberger ist ein fröhlicher Endzwanziger mit rundem Gesicht und kurzem blondem Haar. Er arbeitet seit neun Jahren hier. Der letzte Akkord des Liedes ist noch nicht verklungen, da rufen die Kinder schon laut Liedwünsche durcheinander. Fimberger fragt ein stilles Mädchen, was es gerne singen würde. Es wünscht sich schüchtern das Lied von Pippi Langstrumpf.

Kaum Männer

Der "Bildungskindergarten Fun & Care" ist Wiens einziger mit geschlechtssensibler Kleinkindpädagogik. Was sperrig klingt, ist eigentlich ein simples Konzept. Es gehe darum, die Handlungsspielräume der Kinder zu erweitern, indem man ihnen vielfältige Rollenbilder anbietet, erzählt Kindergartenleiterin Sandra Haas. "Wir zeigen den Kindern täglich, dass ich als Frau etwas reparieren, laut sein und mir Raum nehmen kann. Umgekehrt können die männlichen Betreuer fürsorglich sein, wickeln und trösten." Deshalb werden die Kinder hier von Frauen und Männern betreut. 

Eine Seltenheit. In Wien kommen derzeit auf 3.355 Kindergärtnerinnen nur 54 Kindergärtner - das sind 1,6 Prozent. Bundesweit ist der Anteil männlicher Betreuer in Kindergärten noch geringer. Eröffnet wurde der private Kindergarten im Jahr 1999, die Stadt Wien startete ihn als Pilotprojekt. Längst läuft er im Regelbetrieb, die Warteliste für die begrenzten Plätze ist lang.

Angelernt und daher veränderbar

Grundlage der geschlechtssensiblen Pädagogik ist die Überzeugung, dass Geschlechterrollen nicht naturgegeben, sondern angelernt und daher veränderbar sind. Das Konzept geht davon aus, dass Mädchen und Buben aufgrund familiärer und gesellschaftlicher Prägungen nicht gleich sind. Um Gleichstellung zu erreichen, reiche es daher nicht, sie einfach "gleich" zu behandeln. Vielmehr müssten sowohl bei Mädchen als auch bei Burschen bestimmte Dinge gezielt gefördert werden - etwa die Freude an Technik oder der Zugang zu den eigenen Gefühlen.

"Gerade in der Kindheit tut sich ganz viel", sagt Sandra Haas. "Kinder werden schon vor der Geburt auf ihr Geschlecht geprägt. Wir versuchen, ihnen Rollenmöglichkeiten anzubieten, die für Gleichberechtigung im späteren Leben die Basis sind - wirtschaftlich, sozial, gesellschaftlich." Gleiche Chancen- und Lastenverteilung zwischen Frauen und Männern könne in der Praxis nur funktionieren, wenn die dafür notwendigen Fähigkeiten früh vermittelt werden. Die Betreuerinnen und Betreuer bei "Fun and Care" leben den Kindern täglich vor, dass Frauen nicht "von Natur aus" für Küche, Haushalt und Trösten zuständig sind. Und dass Männer schwach, sensibel und schlechte Handwerker sein können.

Keine Lust aufs Kicken

Oder Fußball nicht mögen. So wie Michael Fimberger. "Ich bin generell ein bisschen atypisch", sagt er. "Arbeiten an der Werkbank, Sägen und Hämmern interessiert mich nicht. Meiner Kollegin taugt das dafür irrsinnig. Fußball spielen mit den Kindern ist auch ihr Metier." Er kümmere sich lieber um die Kreativitätsförderung der Kinder, ums Singen, Tanzen, Musizieren. Und natürlich renne auch er im Kindergarten mit dem Wischmop herum. Warum auch nicht.

Die Dachdeckerin verdient 300 Euro mehr

"Ich möchte, dass jetzt alle Mädchen ihre Sessel zu den Tischen zurücktragen", ruft Fimberger in die lärmende Kinderschar hinein. Die Mädchen greifen sich die Sessel und schleppen sie quer durch den Raum zu den Basteltischen. Die Plätze können sie selber wählen, je nachdem, was sie spielen wollen und wie viel Platz sie dafür brauchen. Erst dann stellen die Buben ihre Sessel dazwischen.

Fimberger erzählt, dass es nicht reiche, den Kindern zu sagen, dass sie unabhängig vom Geschlecht "alles machen dürfen". Er will gezielt anregen, dass Mädchen werken und sich dafür Raum nehmen. Oder dass Buben kochen und Freude daran entwickeln. Wenn Mädchen nur mit Puppen spielen und Buben nur mit Werkzeug hantieren, würden Weichen gestellt. "Sollen Mädchen später nur aus zehn Lehrberufen wählen können?", fragt Fimberger. "Für die sie sich nur deshalb interessieren, weil sie nichts anderes kennen? Eine Dachdeckerin verdient schon im ersten Lehrjahr 300 Euro monatlich mehr als eine Frisörin!"

"Gutmenschenpädagogik"

Politisch korrekte Gleichmacherei, die den natürlichen Unterschied zwischen Buben und Mädchen ignoriere. Gutmenschenpädagogik für Bobokinder. Feministische Zwangsbeglückung, die Buben in Prinzessinnenkleider zwinge: Kritiker der geschlechtssensiblen Pädagogik reagieren verunsichert bis gehässig auf das Konzept. Sandra Haas kennt die Vorbehalte.

"Man wirft uns vor, dass wir Mädchen zu Buben und Buben zu Mädchen machen wollen", erzählt sie. "Dabei geht es nicht darum, den Kindern etwas wegzunehmen, sondern ihnen etwas Neues anzubieten. Ihnen die Freude an Fürsorge oder Technik zu vermitteln - unabhängig vom Geschlecht." Es gehe darum, Geschlechterklischees abzubauen und Rollenbilder zu hinterfragen, um den Handlungsspielraum der Kinder zu erweitern.

Skateboard fahren, Kuchen backen

Deshalb gibt es einmal in der Woche einen Mädchen- und Bubentag. Da werden die Kinder für ein paar Stunden nach dem Geschlecht voneinander getrennt. An solchen Tagen können die Mädchen etwa Skateboard fahren in den Park, und die Buben backen einen Kuchen. Die Mädchen lernen so, sich Raum zu nehmen, laut, fordernd und stolz auf ihre Leistungen zu sein. Buben lernen, emotional, fürsorglich und kreativ zu sein. Die Trennung nach Geschlechtern nehme den Kindern den Zwang, so zu sein, wie Mädchen und Buben in der Gesellschaft zu sein hätten, erklärt Sandra Haas.

Boys do cry

Doch wie erfolgreich sind diese Maßnahmen? Sandra Haas: "Die Mädchen bei uns sagen schon mal: Ich will Mechanikerin werden. Und wir haben Buben, die andere weinende Buben sehr fürsorglich trösten. Wir merken am Verhalten der Kinder ganz stark, dass Dinge übernommen werden."

Geschlechtergerechte Sprache, Kinderbücher mit Superheldinnen, weibliche und männliche Betreuer - auf allen Ebenen gehe es hier darum, den Handlungsspielraum der Kinder zu erweitern. "Wir wollen sie ermächtigen, ihre Wünsche und Befindlichkeiten auszudrücken und auszuleben", sagt Haas. "Selbstbestimmt zu leben abseits von Klischees, Stereotypen und gesellschaftlichen Vorstellungen davon, wie Frauen und Männer zu sein und was sie zu tun haben." Eigentlich ganz einfach. (Lisa Mayr, derStandard.at, 31.1.2013)

Info

Der "Bildungskindergarten Fun & Care" bietet vier Kinderkrippen, drei Kindergartengruppen, eine Vorschulgruppe und eine Familiengruppe für Kinder von drei bis zehn Jahren. Infos unter office@fun-and-care.at oder 01/7865088.

Bildungskindergarten Fun & Care

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meine kinder besuchen diesen kindergarten

und ich bin überrascht über die postings. natürlich kann ein zeitungsartikel nur einen ausschnitt bringen, allerdings ging da mit einigen leserInnen die fantasie durch.
von drill/zwang ist da die rede, eigenartige attacken auf den betreuer, den nie jemand getroffen hat...
es ist selbstverständlich, dass meine kinder zu nichts gezwungen werden... im gegenteil es wird einfach darauf geachtet, dass man seinen eigenen vorurteilen nicht verfällt und allen kindern geschlechts-unabhängig alles anbietet.
das ist nicht selbstverständlich.
zu meiner zeit (78 jhg) - ist noch nicht sooo lang her - habe ich noch sehr oft gehört: "lass die burschen das machen, das is nix für mädchen" und ähnliches

das beste für jungen

ist es in der hinsicht eine ältere schwester zu haben. stärkt die soziale kompetenz von jungen ungemein. bei den mädchen ist das wichtigste vielleicht die vorbildwirkung der mutter? jedenfalls war bei uns die spielzeugwahl auch ein wichtiges und effektives mittel, um die interessen der kinder nicht zu eingleisig werden zu lassen. außerdem: fernsehen nur maßvoll. kann ja die reinste gehirnwäsche sein. und immer schön: über geschlechterstereotype mit den kindern diskutieren. die lieben lillyfee- und starwarswitze.

50% Männer bei Kindergärtner_-*^Innen

Haha, das fehlt uns noch..

na, ob da nicht am End genau das Gegenteil rauskommt, von dem was gewollt wird.... nämlich ein gutes Miteinander.

Nach der Schilderung im Artikel kann ich wohl sagen, dass ich zwar viele Kindergärten kenne, aber mit Sicherheit keinen, in dem so viel auf das Geschlecht von Kleinkindern geachtet wird, als im Kindergarten in der Gablenzgasse.

Wäre interessant wie die Kinder in diesem Kindergarten sich auf Dauer entwickeln

Sind die Frauen dann alle Technikspezialistinnen und die Männer alle Kindergärtner bzw. Volksschullehrer?

alle sicher nicht...

"Man wirft uns vor, dass wir Mädchen zu Buben und Buben zu Mädchen machen wollen", erzählt sie. "Dabei geht es nicht darum, den Kindern etwas wegzunehmen, sondern ihnen etwas Neues anzubieten." ...
Deshalb gibt es einmal in der Woche einen Mädchen- und Bubentag. Da werden die Kinder für ein paar Stunden nach dem Geschlecht voneinander getrennt. An solchen Tagen können die Mädchen etwa Skateboard fahren in den Park, und die Buben backen einen Kuchen.

ohne Worte.

"Erst dann stellen die Buben ihre Sessel dazwischen."

warum nicht andersrum ? damenwahl war bitteschön vorgestern, von sozusagen "alten" wie schäfer-elmayer vorgetragen... gleichberechtigung wäre eher, die frau auch mal warten oder an dritter stelle drankommen zu lassen - aber das geht dann doch wieder nicht ?

Wo steht bitte dass das immer so ist?
Vielleicht stellen manchmal die Mädchen, manchmal die Buben, manchmal die Dreijährigen, manchmal die Kinder die irgendetwas gelbes anhaben... usw zuerst die Sessel zurück? Wo ist bitte das Problem?

ja ja, getroffene hunde bellen.

im kindergarten, den mein aktuell fiebernder sohn die ehre zu besuchen hat, gibt es eine einfache reihung: nämlich wurst, wegräumen tun alle.

die tatsache, dass hier so stolz zwischen buben und mädchen unterschieden wird, macht einen doch erst recht stutzig - wenn man denn eben keine klischees will. nachdem es aber hier als markenzeichen des "andersartigen" kindergartens angeführt wird, nehme ich mir die freiheit, das konzept zu hinterfragen.

zurück zum text: wollen sie es mir verbieten ?

Pädagoge Michael Fimberger spielt Gitarre, die Kinder singen begeistert

ja, das mach ich auch gerne, gebe dann auch immer percussioninstrumente aus und versuchen rhythmen zu erarbeiten

rot=musikhasser?

kp

ich find das voll lustig und bin deshalb auch musikalische früherziehung gangen.

ja, das unterrichte ich unter anderem im kiga, bin zertifiziert

Nicht völlig unproblematisch

An sich finde ich es ja schon gut, dass man Kindern auch gezielt Angebote abseits der Rollenklischees gibt und männliche Kindergärtner sollte es sowieso viel mehr geben, aber was ich hier jetzt im Artikel über diesen Kindergarten lese finde ich dann auch nicht unproblematisch. Der scheint mir dann wieder übers Ziel hinaus zu schießen und fast nur noch darauf aus zu sein die Kinder "umzupolen". Das wirkt schon mehr nach Zwang, als nach Angebot und ich frage mich schon, wie sich Kinder dort fühlen, welche "klassische" Interessen haben. Das dortige Konzept ist für mich sicher kritikwürdig, baut es letztendlich doch ebenso massiv auf Geschlechterstereotypen auf, wenn es bei jedem Kind gegen derartige Neigungen anzukämpfen scheint.

und männliche Kindergärtner sollte es sowieso viel mehr geben

ja, dringend

Vielleicht müsste die Stadt dann mehr bezahlen.....????

volksschullehrer wäre auch cool.

aber das eine wie das andere spielt sich wohl nur, wenn das gehalt ein bissl besser wird.

eher das image, das gehalt auch

und das weibliche Mobbing

eventuell auch?

ja, das auch leider

Die Frage ist immer...

...in welche Richtung haben die Eltern, uns vorallem die Omis & Opis die Kinder v o r dem Kindergarten hingedrillt ???
Ich finde der Kindergarten macht "Angebote", hat "anderes" auch auszuprobeiren !
Ist okei so,...

Ich finde, das klingt alles sehr interessant und sehr gut.

Was ich aber aus dem Artikel nicht herauslesen konnte: Ist es auch gestattet, männnlichen Wesen stereotyp männliche und weiblichen Wesen stereotyp weibliche Rollenbilder als Option auf den Weg zu geben?

ja, aber nicht ohne diese kritisch zu betrachten

Hinterfragen....

Ich hoffe, dass auch die nicht geschlechtsspezifischen angebote kritisch hinterfragt werden.

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