Spielzeug-Verschwörung

    Glosse9. August 2012, 15:00
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    Wicht! Mittlerweile glaubt unser dreijähriger Sohn, das sei sein Vorname. Doch es ist nur der Ausdruck unserer ohnmächtigen Wut, wenn er die Bonus-Features eines neuen Spielzeugs entdeckt

    Sein alter Bagger ruht seit kurzem auf dem Friedhof der Baustein-Spielzeuge. Deswegen bekommt unser Sohn einen gelben Bagger aus Plastik, so einen, den Kinder in China für Kinder in Europa machen. Der Bagger ist sehr detailliert ausgeführt: Ein Geländer ist da, die Fahrerkabine mit Fahrer, Hydraulik und ein Auspuff auch. Und eine Ausbuchtung aus durchsichtigem Plastik, neben dem Auspuff, deren Zweck uns erst nach Stunden trifft.

    Der untote Bagger

    Zunächst wirkt der neue Bagger so wie von uns geplant, denn unser Sohn spielt damit und wir essen in Ruhe das Rumpsteak, das seine letzten fünf Tage in einer Marinade im Kühlschrank lebt. Es ist etwas Dämonisches in seinen Augen, als unser Sohn auf den Auspuff drückt und die durchsichtige Ausbuchtung blau-rot zu blinken beginnt. Gleichzeitig brummt mehrmals "startend" der "Motor" des Baggers. Als er endlich läuft, lässt ihn der "Fahrer" mehrmals aufheulen und betätigt ganz oft die "Sirene". Nach drei Tagen ist der Bagger noch immer nicht kaputt und wir entschließen uns, ihm eigenhändig auf den Friedhof der Plastik-Spielzeuge zu helfen.

    Dazu spielen wir mit unserem diabolischen Sohn ein diabolisches Spiel. Es heißt Baggerertränken und begeistert unser Kind bis zum bitteren Ende. Wir füllen den grünen Eimer mit lauwarmem Wasser, reichen den Bagger von Hand zu Hand, sprechen ein Baustellengebet ("Lieber Gott du, mach diese Baustelle ewig zu!"), und unser Sohn drückt ein letztes Mal den Auspuff. Während das Licht zum letzten Mal aufblinkt und der Motor zum letzten Mal aufheult, ertränken wir den Bagger langsam. Minuten später blinkt das Licht noch immer. Wir holen den Bagger aus dem Eimer. Erst blubbernd und dann ganz deutlich heult der Motor auf, die Sirene trötet ganz oft.

    Nachdem viele weitere Ertränkungsversuche fehlschlagen, müssen wir einsehen, dass dieser Bagger offenbar nicht ertränkt werden will. Wir beschließen, den Hammer zu holen. Unser Sohn klatscht begeistert in seine Händchen.

    Teddy ist sehr krank!

    Eigentlich ist es ein Spielzeug zum Kuscheln und Gute-Nacht-Liedchen-Anhören. Es gibt mehrere Ausführungen. Unser Sohn will den Teddy. Diese Art Teddy hat am Unterleib einen Plastikring, der an einer Schnur hängt. Zieht man am Ring und lässt dann los, startet ein mechanisches Laufwerk, das ein Heia-heia-Liedchen auf Metallzungen zupft. Das klingt nett und heimelig nostalgisch. Anfangs.

    Bald ist das Einschlafen am Abend und am Nachmittag nur mit Teddy und zigfachem Zupfen an seinem Unterleib möglich. Wir memorieren gezwungenermaßen die Melodie und sie überfällt uns manchmal auch tagsüber, wenn unsere Konzentration nachlässt. Zu unserem Entsetzen bemerken wir, dass die Schnur aus dem Unterleib immer kürzer austritt. Unser Zorn auf den Teddy verleitet uns zu einer sehr unklugen Handlung. Wir nennen ihn hasserfült "Der Onkel, der aus dem Arsch singt". Und unser Sohn nennt ihn auch so. Im Kindergarten.

    Wir erklären der Leiterin des Kindergartens nüchtern, freundlich und (fast) wahrheitsgetreu, meine Schwester, die öfter auf unseren Sohn aufpasse, spreche vier Sprachen und würde am Tourette-Syndrom leiden. Zu Hause surft meine Freundin im Internet und sucht einen neuen Kindergartenplatz. Ich schneide den Teddy auf, reiße die Spieluhr heraus und nähe ihn wieder zu. Wir sagen in der Gegenwart unseres Sohnes mit eiserner Disziplin böse Worte nur noch in Buchstabier-Deutsch. Unserem Sohn erklären wir, dass der Onkel Doktor dem Teddy nach seiner schweren Operation für ein paar Wochen das Singen verbietet.

    Das etwas andere Spielzeug

    Manche meinen, diese Burger-Kette sei in mindestens jede Verschwörung unseres Planeten, gerne auch darüber hinaus, ursächlich verwickelt. Und das ist leider wahr. Viel zu lange verschließen wir unsere Augen vor dem Offensichtlichen. Wie zum Beispiel der schamlosen Missachtung der deutschen Sprache. Doch diese Leute haben auch dafür eine perfide Erklärung: "Wer kauft seinem Kind etwas, das 'Fröhlich-Mahlzeit' heißt? Das klingt ja nach Hamburgern mit geheimen Psycho-Drogen!" Ja! Stimmt! So lassen wir uns bisher einlullen. Doch an diesem Tag erkennen wir die Wahrheit.

    Es ist ein eckiges, rotes Gummimännchen mit dem Firmenlogo, ein Geschenk zur Fröhlich-Mahlzeit und nur scheinbar harmlos. Im Inneren ist ein harmloser Bewegungssensor, der bei Erschütterung ein harmloses Lachen der Puppe auslöst. Alles harmlose Elektronik, ein Chip nur! Mehr oder weniger. Unser Sohn ist begeistert und schüttelt den Mac-Folterknecht fast den ganzen Nachmittag. Das Lachen, so scheint uns, wird graduell zum Gekichere von Chucky der Mörderpuppe. In derselben Nacht stellen wir mit Entsetzen fest, dass der Bewegungssensor von Chucky bis zu fünf Meter entfernte Erschütterungen registriert. Und anschließend gefühlte Ewigkeiten lang kichert.

    Wir wissen bis heute nicht, was der Zweck dieser weit verzweigten Verschwörung ist. Aber wir leben in der ständigen Angst, ein falscher Schritt, ein unbewusstes Wälzen im Bett, vielleicht sogar nur ein strenger Blick auf unseren Sohn könnte das kranke Gekicher auslösen, das irgendwie aus allen Richtungen gleichzeitig zu hören ist. Unser kleiner Sohn jedoch, dieser Wicht, ist glücklich. Jeden Tag wechselt er heimlich das Versteck seines besten Psycho-Gummifreundes und ergötzt sich an unserer fortschreitenden Zermürbung.

    Es hat begonnen ...

    Täuscht euch nicht! Glaubt bloß nicht, euch könnte nicht dasselbe geschehen! Es ist alles miteinander verbunden! Die Leute in China, die Tanten im Kindergarten und unser Wicht! Und wahrscheinlich auch Herr Slobodan, der Waschmaschinen-Dealer aus dem Hoflager. Endlich wissen wir genau, wer hinter allem steckt und was die wahren Ziele dieser Leute sind! Und wenn es so weit ist, dass diese Leute die Macht übernehmen, werdet auch ihr ihnen im Weg sein! Und hier ist, wie ihr sie erkennen könnt: Wenn euch einer von ihnen auf der Straße begegnet, dann achtet auf ihre ... (Abbruch der Aufzeichnungen, Anm. der Untersuchungskommission). (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 9.8.2012)

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