Timoschenko droht nun Mordprozess

Verfahren wegen Beihilfe zum Mord soll im September eröffnet werden

Kiew/Moskau - Die ukrainische Staatsanwaltschaft will in Kürze den dritten Prozess gegen Julia Timoschenko starten. Der 51-jäh rigen Ex-Regierungschefin wird Beihilfe zum Mord vorgeworfen. Nach Angaben des stellvertretenden Generalstaatsanwalts Renat Kusmin soll die Anklage Mitte September erhoben werden. Bis dahin sei die medizinische Rehabilitation Timoschenkos vorbei.

Die Mordvorwürfe gehen auf das Jahr 1996 zurück. Damals wurde im ostukrainischen Donezk der Abgeordnete und Geschäftsmann Jewgeni Scherban erschossen. Scherban galt zu der Zeit als einer der reichsten und einflussreichsten Männer des Landes. Die Auftragsmörder wurden vor einigen Jahren gefasst und verurteilt, die Hintermänner der Tat blieben jedoch lange unbekannt.

Im vergangenen Jahr tauchten dann die ersten Vorwürfe gegen die Oppositionspolitikerin auf. Kusmin erklärte, dass Timoschenko und ihr politischer Ziehvater, der damalige Premier Pawel Lasarenko, den Mord eingefädelt hätten. Kurz nach dem Mord sei von deren Konto eine größere Summe auf das Konto der Killer geflossen, sagte Kusmin.

Unterstützung erhielt die Anklage vor einigen Monaten von Scherbans Sohn, der erklärte, er habe Informationen für eine Beteiligung Timoschenkos an dem Verbrechen. Deren Verteidiger Sergej Wlassenko hingegen sieht Präsident Wiktor Janukowitsch in den Fall verwickelt. Schließlich habe er vom Tod am meisten profitiert. Kurze Zeit nach dem Mord wurde der damalige Gouverneur von Donezk, ein Scherban-Vertrauter, ab gesetzt und durch Janukowitsch ersetzt. Anschließend sei ein massiver Umverteilungsprozess in der Region erfolgt.

Angriff an allen Fronten

Timoschenko wurde bereits im vergangenen Jahr zu einer siebenjährigen Haftstrafe wegen Amtsmissbrauchs verurteilt. Ihr wird die Unterzeichnung der für die Ukraine nachteiligen Gasverträge mit Russland vorgeworfen. Die Verträge wurden im Jänner 2009 geschlossen und bedeuteten das Ende des "russisch-ukrainischen Gaskriegs", durch den auch Europa in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Derzeit läuft ein zweites Verfahren gegen die Politikerin wegen Steuerhinterziehung. Der Prozess wurde wegen der Gesundheitsprobleme Timoschenkos unterbrochen. Obwohl die sie behandelnden Ärzte aus der Berliner Charité eine zweimonatige Prozesspause gefordert hatten, sollen die Verhandlungen schon in der nächsten Woche wieder aufgenommen werden. Laut Wlassenko soll Timoschenko bereits am Wochenende aus dem Krankenhaus wieder zurück in ihre Zelle überführt werden.

Die Timoschenko-Prozesse gelten international als politisch motiviert. Aus Protest haben europäische Politiker die Fußball-EM in der Ukraine boykottiert. (André Ballin /DER STANDARD, 10.8.2012)

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