Auch Helmut Schmidt war ratlos

Eric Frey
8. August 2012, 21:33
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    foto: reuters/peter

Die europäische Währungspolitik war in den 70er Jahren genauso chaotisch wie heute

Deutschlands legendärer Altkanzler Helmut Schmidt hat in seinem TV-Auftritt bei Sandra Maischberger den europäischen Krisenmanagern die Leviten gelesen und mangelnde Entschlusskraft vorgeworfen. Auch wenn Schmidt es nicht aussprach, schwang doch die Botschaft mit: In meiner Zeit war das ganz anders, und ich würde es heute auch viel besser machen.

Schmidt war von 1974 bis 1982 tatsächlich ein ausgezeichneter Bundeskanzler, der sein Land sicher durch schwierige politische und wirtschaftliche Zeiten führte; selbst die jüngste Enthüllung, dass er bei der Entführung der "Landshut"-Maschine auch den Tod von Geiseln in Kauf genommen hätte, zeigen ihn als entschlossene, präzise kalkulierende Führungspersönlichkeit.

Aber einen Bereich hat Schmidt nie wirklich beherrscht: die Währungspolitik. 1972 wurde er Finanzminister, als gerade das Wechselkurssystem von Bretton Woods zusammenbrach. Die Antwort der Europäer war die sogenannte Währungsschlange, ein informelles System zur Stabilisierung der europäischen Währungen.

So sehr die Europäer auch schwankende Wechselkurse fürchteten, konnte das Modell dennoch nicht funktionieren, weil Deutschland, Frankreich und Italien als Reaktion auf die Ölkrise, die 1973 einsetzte, eine ganz andere Wirtschaftspolitik verfolgten: Deutschland setzte auf Preisstabilität, die anderen auf die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit durch Deficit-Spending.

Von einer Koordinierung der Budgetpolitik war damals in Europa noch viel weniger zu spüren als heute.

1979 ergriffen Schmidt und der französische Staatspräsident Valery Giscard d'Estaing die Initiative und errichteten das Europäische Währungssystem (EWS), den Vorläufer der Währungsunion. Die Kurse von D-Mark, Franc, Lira und anderen Währungen sollten in einem engen Band (2,25 Prozent auf- und abwärts) gehalten werden.

Doch auch das EWS war trotz allen institutionellen Beiwerks nicht in der Lage, die Wechselkurse stabil zu halten, weil die wirtschaftspolitischen Philosophien weiterhin auseinanderliefen. Immer wieder kam es zu einer Änderung der Wechselkurse, mussten Franzosen und Italiener abwerten. Nur die Österreicher und Niederländer hielten sich fest an die D-Mark, indem sie völlig auf währungspolitische Autonomie verzichteten und dem "deutschen Diktat" folgten.

Als 1981 in Frankreich der Sozialist Francois Mitterrand die Präsidentenwahl gewann, verschärften sich die Spannungen. Mitterrands expansive Schuldenpolitik zur Ankurbelung der Wirtschaft brachte den Franc unter Druck und löste eine ganze Serie von Abwertungen aus. Als Schmidt 1982 aus dem Amt schied, war die Europäische Gemeinschaft von stabilen Wechselkursen so weit entfernt wie je. Auf dieser Ebene war Schmidt gescheitert.

Erst 1984 kam die Wende: Frankreich stand vor der Wahl, den EWS zu verlassen und damit auch die EG zu zerstören. Stattdessen entschied sich die Regierung Mitterrand für eine wirtschaftspolitische Kehrtwende in Richtung deutscher Sparpolitik. Erst dann begann die Phase stabiler Wechselkurse, die schließlich in den Euro mündete.

Auch in der Koordination der Weltwirtschaft war Schmidt wenig erfolgreich: Die US-Regierung unter Jimmy Carter forderte von Deutschland mehr Anstrengungen, um die eigene Nachfrage und damit die Weltkonjunktur in Schwung zu bringen.

Kaum gab Schmidt dem Drängen nach und spielte Lokomotive, stieg die Inflation im eigenen Land, was ihn und die Deutsche Bundesbank scharf auf die Bremse steigen ließ. Anfang der 80er Jahre waren die großen Industriestaaten genauso zerstritten wie heute. Da halfen auch die neuen G-7-Gipfel nicht, die Schmidt und Giscard d'Estaing 1975 eingeführt hatten.

Nur in Deutschland selbst war Schmidts Wirtschaftspolitik zumindest zeitweise sehr erfolgreich. Die größte Industrienation Europas überstand die zweite Ölkrise viel besser als ihre Nachbarn und erzielte einen Exporterfolg nach dem anderen.

Die Probleme sind heute nicht viel anders, nur noch etwas schärfer, und die Positionen der einzelnen Staaten sind verblüffend ähnlich. Und auch die handelnden Personen waren damals und heute nicht so viel anders: Ob Schmidt oder Merkel, Mitterrand oder Hollande, Obama oder Carter - die Unterschiede sind gar nicht so groß.

Was man daraus schließen kann: Die Eurokrise wird doch nicht so sehr durch das Versagen der Entscheidungsträger verschuldet, wie es viele behaupten, auch Schmidt. Es liegt an den Sachthemen selbst, deren Komplexität selbst die Fähigkeit der besten Politiker übersteigt. (Eric Frey, derStandard.at, 8.8.2012)

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Ein Angebot zum besseren Verstehen der Krise

http://www.dailymotion.com/video/xqe... ?start=142

Würde auch Helmut Schmidt verstehen!

Ratlosigkeit bei Schmidt? unglaublich!

Bis an die Grenzen des Rechts, und wenn es sein muss auch darüber hinaus! Vor dem Deutschen Bundestag!

UND KEIN "SCHWEiN" REGTE SICH AUF! Die haben damals schon nichts kapiert!! Schmidt hatte ein begriffen: man muss nur so tun als ob- dann glauben sie dir alles! (Bis heute)

Herr Frey, wir haben weniger eine Eurokrise, sondern eine.....

...Schuldenkrise mit mangelnder Wettbewerbsfähigkeit einiger "Südländer". Sie verwechseln Ursache und Wirkung.

Österreich und die Niederlande hielten sich an die DMark und stehen gut da.

Und die anderen - die ihre Arbeitslosigkeit, etc. durch Schulden finanzierten - schlecht.

Mmhh, warum sollen also aktuell genau jene Länder die es "drauf" haben, sich dem System unterordnen, was noch nie funktionierte?

Ach ich vergaß...der Süden will ja nicht funktionieren. Er will von uns finanziert werden.

Gut, ich akzeptiere ja noch, dass der innerdeutsche Diskurs oftmals derart klischeebetrieben und stumpfsinnig geführt wird, wie ihr Kommentar. Aber bitte versuchen Sie damit nicht auch noch im Ausland wie hier der Debatte einen falschen Spin zu geben

Ein wesentlicher Mitverursacher des innereuropäischen Ungleichgewichts in Wettbewerbsfähigkeit & Leistungsbilanz ist der innerdeutsche Verteilungskampf des Wohlstandes, der zumindest seit 2000 völlig unverantwortlich einseitig zulasten der Lohneinkommen geführt wird. Klassenkampf von oben sozusagen. Schön, dass die Leute dann gleich auch noch die FDP gestärkt haben...

Die Länder, die es in Ihrem Sinne also "drauf" haben, haben es vor allem dahingehend "drauf", als sie eine Öffentlichkeit herstellen konnten, die inferior niedrige Lohnerhöhungen bei gleichzeitig signifikanten Produktivitätssteigerungen durchdrücken konnten und so (auch selber) eine harmonische europäische Entwicklung verhinderten.

siehe u.a.: http://tinyurl.com/cdmf7hj

Ich danke Gott, dass es wenigstens einen gibt, der den totalen Durchblick hat. Nämlich Sie. Doch in Wirklichkeit reden Sie totalen Unsinn.....

Wie können Sie in Ihrem Sinne von einem Verteilungskampf von unten nach oben reden, wenn 10 % der Steuerpflichtigen für die überrgroße Mehrheit der Staatseinnnahmen die Verantwortung tragen? Ihr Statement ist klischeehaft und stumpfsinnig! Die Löhne werden im Konsens mit den Gewerkschaften ermittelt, nur ein Unterschied besteht zu Österreich: Die deutschen Gewerkschaften haben die Zeichen der Zeit, sprich Wettbewerbsfäihigkeit sichern, erkannt. Und Sie verdrängen völlig, dass unsere Performance im wesentlichen von den Deutschen abhhängt. Wenn Sie den deutschen Anteil rausrechnen, werden Sie feststellen, dass ohne Deutschland bei uns die Lichter ausgehen. Denken Sie nach, dann ersparen Sie den Lesern Ihere Einfältigkeit.

ich steh auf diesen

philosphisch-pseudoökonomischen, aber sehr gut vorgetragenen fast sozialistischen ...

mumpitz.

warum sollen wir draufzahlen, weil es nicht mehr so sein soll wie in den argen, hungergeplagten, kriegerischen 70/80er jahren, als der süden war wo er hingehörte (wirtschaftlich) und der norden ... auch.

aber nein, wir lieben uns alle, lassen uns in den nacken schei*** und freuen uns, dass die unser zeug kaufen.

das würden aber die brasilianer, die araber, die chinesen-russen auch.

aber gegen harte währung, öl und gegengeschäfte. so aber bauen wir uns mit den hungerleidern unser solidarisches paradies?

ich wär lieber mit tschechien, schweiz und ungarn solidarisch. 2 sind liberal, eins pleite.
auch die ukraine wär ein markt. mehr als GR.

Schmitt ist ein kluger Kopf

sowas gibts unter Politikern gar nicht mehr, allerding konnte er weder Brandt, noch Kreisky noch Olof Palme das Wasser reichen - zu sehr Kommißknopf ist er!

jojo das sind andere auch,

ich hör ihm auch gern zu, und seh ihm gern zu.
ich bin geneigt zu sagen, früher war alles etwas leichter. gut, er hatte immer bodenhaftung (hamburg hochwasser usw), was man ihm aber auch aus einer gewissen hochnäsigkeit heraus nachsagen kann, nicht unbedingt aus einem gefühl der nächstenliebe fürs gemeine volk. auch gut.

wer kissinger seinen busenfreund nennt ist mal per se schwer verdächtig. er scheint zwar kein blinder atlantiker mehr zu sein, wie früher, aber einen denkfehler hat er, nein zwei laut eig. aussagen:

ohne schulden gibts kein guthaben
der staat muss schulden machen, sonst..

und da haben wir wieder unser kleines problem der staatsintervention/gläubigkeit und das ignorieren der sparquote/entschuldung als vwl-teilkonzept

Trotz vieler seiner Fehler

wird heute erst klar, welches Format dieser Mann hat. Stichwort Schröder & Co. Von Östererich gar nicht zu sprechen.

Zudem ist es schön zu sehen, dass er sich nicht von den TV-Kasperln zwingen lässt, auf ne Zigarette während des Interviews zu verzichten. Wahrscheinlich heute der einzige Mensch, der im TV sich das Rauchen nicht verbieten lässt und dennoch gesendet wird. Übrigens, er ist über 90! Nur so für die fanatischen Gesundheitslulus.

andererseits gibts nichtraucher, die schon mit 50 sterben. die beiden argumente kombiniert ergibt den einzig logischen schluss: rauchen erhöht die lebenserwartung jedes menschen um 40 jahre!

Wie lang hat die Red. da suchen müssen ..

.. für ein Photo, wo der keinen Tschick in der Pappn hat?

Fehlinterpretation

Ich denke, Herr Frey versteht selbst nicht, was er geschrieben hat:

1) Das aktuelle Europroblem ist darauf zurückzuführen, dass es in der EU keinen Konsensus zu essentiellen wirtschaftspolitischen Fragen gibt und Regierungen vollkommen divergierende wirtschaftliche Strategien in den 2000ern verfolgten, alles laut Artikel auch schon vorher dagewesen.

2) Daneben ist Währungspolitik so schwierig auch wieder nicht, wenn man sich damit befasst. Ich denke doch, dass jeder Regierungschef auf Leute zurückgreifen können sollte, die so etwas beherrschen, erklären und vernünftige Vorschläge ausarbeiten können. Zu behaupten Währungspolitik sei schlichtweg zu komplex um erfolgreich gemanagt werden zu können ist schlichtweg einfältig.

der artikel ist eine katastrophe, das interview gäb sehr viel her

ein neues highlight aus der reihe: die böse kreyse ... heute mach ich mal den schmidt nieder.

als kleiner öst. "journalist" sollte man sich nicht so weit rauslehnen über den grössten lebenden ex-kanzler des nachbarlandes: .... ausgezeichnet ... keine ahnung ...

aber er tut das. für herrn frey war sicher kohl der grösste (europäer ever). der hatte aber nachweislich (lt eig. aussagen) keine ahnung von wirtschaft und finanzen. schmidt hats studiert wenigstens, aber ihm kam die ideologie dazwischen.

ps: schmidt war nicht ratlos, sondern beherrscht und lässt sich nicht auf gewisse niederungen ein.

er ist ein macher (stratege), kein zauderer. sowas fehlt heute lt. interview!

und das wars thema. gäb doch was her oder?

nicht so einfältig wie ihr Kommentar

Es regieren starke Marktkräfte, die so manche Staatsbudgets mehrfach übersteigen, bereits hohe Schuldenstände, demokratische Rücksichten und Psychologie - alles zusammen macht viele Effekte kaum vorhersehbar und managebar. Auch wenn man es im nachhinein gut erklären kann!

Naja

Ich weiss nicht wieviel Sie von Währungspolitik verstehen, aber als früherer Investmentbanker und hier und da Uniprofessor zum Thema an ausländischen Universitäten glaube ich doch, etwas von der Sache zu verstehen.

Eh klar dass man nicht alles in theoretische Modelle verpacken und damit 100% richtig vorhersagen kann. Aber relativ gut kann man heute schon die Finanzmärkte verstehen.

Was heute mit dem Euro passiert, hätte jeder durchschnittlich begabte Absolvent einer Wirtschaftsuni ohne Probleme schon um 2006/2007 vorausahnen können (siehe "real effektiver Wechselkurs" oder "Finanzmarktblasen"?) und daher auch jeder europäische Politiker ebenso.

Denke daher, mein Kommentar war im Gegensatz zu anderen daher nicht allzu einfälltig ..

Lieber Herr Frey!

Was Herr Schmidt in seinem Leben geleistet hat werden Sie niemals zuwege bringen.
Mit freundlichen Grüßen.

ja für die Bilderberger

Unter Schmidt war die Arbeitslosigkeit höher....

...als in Österreich unter Kreisky. Und das ist es, was schließlich die Menschen betrifft, und nicht der Wechselkurs!

das ist ein reines Ablenkungsmanöver von Helmut schmidt indem er denn leuten weismachen will das es heute genau so ist wie in denn 70 jahren, das ist reiner unsinn heute ist es um vieles schlimmer geworden

z.B. die Interpunktion!

Ich denke es ist nicht nur die Komplexität der Sache an sich, die viele Politiker nicht verstehen. Es kommt noch eine enorme psychologische Komponente dazu. Ich glaube immer, dass wenn die EU Griechenland von Anfang an voll unterstützt hätte ("wir lassen kein Land pleite gehen"), könnte man jetzt viel Geld sparen und Spekulanten hätten niemals gegen Griechenland oder den Euro gewettet.

zusammenhalten ist stärker als Zweifel der Märkte

Zusammenhalten hätte konstruktiv wirken können. Usa Leben trotz höherer verschuldung von diesem psycholog. Effekt.

Schmidt ist Sozialdemokrat

In der Welt von Vulgärliberalen ist es definitionsgemäß ausgeschlossen, dass er jemals so etwas wie Wirtschaftskompetenz hatte.

Wirtschaftskometenz haben dann Ihrer Meinung nach nur Kaliber eines Hr.Graf(ehemaliger Wirtschaftsminister der ÖVP und Bankrotteur-der Mann mit dem Goldketterl)oder ein Hr.Bartenstein,der trotz eines Vermögens von über 110 Mill.Euro von sich behauptet nur dem Mittelstand anzugehören.Dann gibt es da noch einen Mann,mit schütteren Haar,der offen gesagt hat,dass er vielen Privatstiftungen vorsteht und diese im Parlament wie wild vertritt.Den Job bei der Glücksspielmafia hat er ja bleiben lassen müssen.
Auch Fr.Rauch-Kallat hat eigene Wirtschaftskompetenz bewiesen.Martinz,Grasser,Strasser und Konsorten haben auch ein goldenes Händchen für eigene Wirtschaftskraft entwickelt.
Pfui Deibl!
LG M.

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