Spanien setzt auf genmanipuliertes Saatgut

Auf 100.000 Hektar baut Spanien transgenen Mais an - Greenpeace warnt vor Risiken für Menschen und Ökosysteme.

Spanien ist das EU-Land, das genmanipuliertem Saatgut am wohlwollendsten begegnet. 97.300 Hektar transgener Mais wurden im Vorjahr, primär wegen der Schweinezucht, angebaut.

Bereits 1998 erlaubte der damalige Premier José María Aznar von der Volkspartei (Partido Popular, PP) die Aussaat von transgenem Mais - zum Beispiel Pflanzen, denen ein oder mehrere Gene des Pestizidbakteriums Bacillus thuringiensis (Bt) eingefügt wurden. In Österreich wurde just in diesem Jahr das Verbot von gentechnisch veränderten Lebensmitteln gesetzlich verankert.

Bt-Mais produziert selbst Toxine, die etwa auf Raupen des Maiszünslers tödlich wirken. Der Schädling vernichtet laut Food and Agriculture Organization vier Prozent der weltweiten Mais-Ernten, Bt-Mais schützt sich selbst gegen die Insekten. "Genmais ist respektvoller für die Umwelt als Biomais", beantwortete das Umwelt- und Landwirtschaftsministerium unter Miguel Arias Cañete (PP) Ende Juni eine parlamentarische Anfrage der Linkspartei zu MON810, einer transgenen Sorte des US-Saatgutgiganten Monsanto. Der ließ schon 2004 über die US-Botschaft in Madrid ausrichten, "im EU-Parlament bei der Europäischen Volkspartei für transgenen Mais Lobbying zu betreiben".

Verringerte Distanz zu konventionellem Anbau

Die aktuelle PP-Regierung plant zudem die Distanz zwischen transgenen, konventionellen und biologischen Pflanzungen zu verringern. Das Ministerium bestätigte Alejandro Alonso, einem Abgeordneten der Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE), "an einem Regelwerk zur Koexistenz zu arbeiten".

Bannmeilen sollen verhindern, dass der transgene sich mit dem konventionellen Mais kreuzt. "Es reichen 50 Meter", sagt José Luis Romeo von der NGO proBio, die für Transgene Pflanzungen eintritt (siehe Interview). Konträr sieht dies die linksgrüne Abgeordnete Laia Ortiz: "Wegen der Kontaminierung können wir Spanier bald keine Biolandwirtschaft mehr betreiben." Sie fordert Daten, die die Aussage wissenschaftlich untermauern.

Umweltschützer warnen vor Risiken

"Der Unterschied zwischen konventionellen Maissorten und den genetisch veränderten ist, dass die einen mit Pestiziden besprüht werden, während die anderen ihre Pestizide selbst produzieren", sagt Luis Ferreirim von Greenpeace Spanien im Gespräch mit dem Standard. Dabei stelle transgener Mais wie auch Bt11 des Konzerns Syngentas bis zu einem Kilo an Toxin pro Hektar her. "Das ist das Hundertfache dessen, das Pflanzen aufnehmen können, würden sie besprüht werden."

Studien der ETH Zürich belegen auch eine deutlich erhöhte Sterblichkeit durch das Bt-Toxin bei Larven des Zweipunktmarienkäfers - einem Nützling. Für Menschen soll das Pestizid unschädlich sein, Auswirkungen wurden aber noch nicht endgültig erforscht. Im Blut Schwangerer soll es aber laut Ferreirim bereits nachgewiesen worden sein.

Der Umweltschützer Zweifel an den Studien des Ministeriums fußen auch in Gründen, die über das Wissenschaftliche hinausgehen: Die sozialistische Regierung hatte 2009 die USA gebeten, sie mögen Brüssel drängen, dass "Genmais eine Option für EU-Staaten bleibt". Eine "US-Regierungsintervention auf Untersuchungsergebnisse der Europäischen Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) in Parma über MON810" forderte Ex-Agrarstaatssekretär Josep Puxeu laut der Enthüllungsplattform Wiki- leaks. Wie er es wollte, sah es die EFSA damals, basierend auf Spaniens Erfahrung: "Es ist unwahrscheinlich, dass Bt11 und MON810 andere Risiken als der konventionelle Mais inhärent haben. In 15 Jahren gab es keinen Zwischenfall."

EU-Entscheid erst 2013

Frankreich verbannte 2011 MON810 von den Feldern. In Österreich, Deutschland, Griechenland, Italien, Ungarn, Luxemburg, Polen und Irland gelten Verbote. Die EFSA bewertete jüngst die Sorten MON810, Bt11 und 1507 von Pioneer positiv. EU-Kommissar John Dalli wies die Anträge zum Anbau der drei Maissorten aber im Juli 2012 ab und lässt die EFSA neuerlich überprüfen. Somit ist erst 2013 mit dem EU-Entscheid über eine etwaige Zulassung zu rechnen. (Jan Marot, DER STANDARD, 9.8.2012)

 

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