Wie das Ksindle das Tschechische lieben lernte

Wien war einst die größte tschechische Stadt der Monarchie - und profitiert bis heute davon

Wien - Als die Journalistin und STANDARD-Kolumnistin Barbara Coudenhove-Kalergi Ende der 80er-Jahre für den ORF eine Doku über Tschechen in Wien drehte, fiel ihr auf: "Die Tschechen gibt es nicht." Schon gar nicht, was deren Umgang mit der Sprache betraf: "Die schon lange hier waren, sprachen selten Tschechisch. Die Dissidenten kultivierten ihr Tschechentum."

In der Tat hatten jene Intellektuelle, die als Unterzeichner der "Charta 77" vor dem kommunistischen Regime aus der damaligen Tschechoslowakei flüchteten, einen ganz anderen Status als die Nachfahren der "Ziegelböhm", "Maltaweiber" (Mörtelmischerinnen) und Köchinnen der Wiener Herrschaften. Letztere waren im zusammenbrechenden Vielvölkerstaat zahlreichen Anfeindungen aufgrund von Nationalität, Sprache und politischer Gesinnung (die meisten waren Sozialdemokraten) ausgesetzt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Wien den größten Anteil an tschechisch sprechender Bevölkerung - mehr als Prag. Nicht nur der christlich-soziale Bürgermeister Lueger bemühte sich in der Folge, den "deutschen Charakter unserer Wienerstadt" durch Diskriminierung der Tschechen zu erhalten.

"Kauft nicht bei Tschechen"

"Kauft nicht bei Tschechen"-Schilder waren im Wien der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert genauso geläufig wie Ausschreitungen gegen Sommerfeste der Tschechen oder etwa der Boykott eines Ausflugsbootes mit tschechischen Arbeiterfamilien in der Wachau 1909 durch die Alldeutschen, wie ihn die Historikerin Brigitte Hamann in ihrem Buch "Hitlers Wien" beschreibt.

"Wer sich nicht in den politischen Kleinkrieg hineinziehen lassen wollte, hat sich schleunigst assimiliert", sagt Slawistik-Professor Gero Fischer. Der hinhaltende Boykott des Komenský-Schulvereins, der die Schulbehörden unter fadenscheinigen Begründungen jahrelang hinderte, tschechische Schulen zu errichten, tat ein Übriges. Viele Tschechen verlernten beinahe oder zur Gänze ihre Sprache.

Wobei der gegenseitige Einfluss, ob gewollt oder nicht, nicht zu unterschätzen war. Während sich die Wiener pomali bewegten und Golatschen schmecken ließen, wussten die Tschechen umgekehrt, dass das deutschsprachige "Ksindle", das Pogatschen haberte und Budweiser pivo soff, nicht zögern würde, die Schöpfer dieser Köstlichkeiten postwendend hinauszuwerfen, wenn's passte - da konnte nichts "helfnout" (helfen).

Manches ist heute powidl

Heute sind diese Kämpfe Geschichte und insofern powidl, als seit dem EU-Beitritt sowieso alles anders ist. "Vor 20 Jahren lernten ausschließlich Business-Kunden bei uns Tschechisch. Heute finden auch viele Privatklienten zu uns, die die Sprache ihrer Vorfahren lernen wollen", sagt Jitka Woodhams, Geschäftsführerin der Sprachschule "Ahoj Europa neu" im dritten Bezirk.

Auch die Komenský-Schule erfreut sich, laut Direktorin Jana Hanzl, immer größerer Beliebtheit: "Für die erste Klasse Volksschule mussten wir sogar einige Bewerber ablehnen, weil wir voll sind." Der Schulverein betreibt heute einen Kindergarten, eine Volks- und eine Sekundarschule sowie ein bilinguales Oberstufenrealgymnasium. "Das Tolle an Wien ist, dass man hier vom Kindergarten bis zur Hochschule Tschechisch lernen kann", meint etwa Hana Sodeyfi, Tschechisch-Lektorin am Slawistik-Institut. Das Interesse sei "riesig".

Von der Hofburg ins Nachtasyl

Die Jungen, so lautet dagegen eine oft gehörte Klage der autochthonen Wiener Tschechen, interessierten sich kaum mehr für die alteingesessenen Vereine. "Man verbindet sich heute über Facebook und andere soziale Netzwerke", sagt Martin Krafl, Direktor des Tschechischen Zentrums in Wien. Junge Tschechen seien international orientiert - in "echten" tschechischen Lokalen trifft man sich nur mehr sporadisch.

Das war 1987, als der ehemalige Dissident Jiri Chmel das "Nachtasyl" am Wiener Naschmarkt gründete, anders: Es galt als politisches Statement, dort zu sein. Prominente, im Exil lebende tschechische Künstler traten regelmäßig auf. In der Nacht der Samtenen Revolution am 24. November 1989 sendete Radio Freies Europa live aus dem Nachtasyl. Zu den ersten Gästen gehörten Karel Schwarzenberg und Václav Havel, der bei seiner ersten Wien-Reise als Präsident von der Hofburg direkt ins Nachtasyl kam. (Petra Stuiber, DER STANDARD, 9.8.2012)

GLOSSAR

Rakousko mluví cesky

Rund 9000 tschechische Staatsbürger leben derzeit in Österreich, etwa 2800 davon in Wien. Tschechisch sprechen dagegen rund 17.700 Menschen.

Hinlänglich bekannt ist, wie die "böhmischen Köchinnen" die Wiener Küche beeinflussten - von der Buchtel, die sich aus dem tschechischen buchta ableitet, zu den Klobasse (klobása) bis hin zu Knödeln (knedlíky). Aber auch die in Wien gebräuchliche Tugend doppelter Verneinung, für die uns Rest-Österreich verachtet ("er hat kein Geld nicht g'habt"), sowie der großzügige Gebrauch von Reflexivpronomen ("setz' ma sich hin") geht auf tschechische Grammatik zurück.

Ganz zu schweigen von den typischen Wiener Namen Cáp (Storch), Klestil (der geschnitten/kastriert hat), Blecha (Floh).

Deftig ist nicht nur die böhmische Küche: Dass in Wien gerne geschustert wird, hat wenig mit Handwerk zu tun, mehr mit soustat - und das heißt dieses und nichts sonst.

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gibts es ein wörterbuch ...

... für diese verwandten begriffe ?

das "kschischti-kschaschti" erscheint mir auch sehr böhmisch zu sein.

während unsere ständige zwischendurchnahrung "reis-mit-scheisch" schon eher wienerische neuzeit entsprungen hat.

gab es

und ist leider nur noch antiquarisch zu haben

Österreichisches Wb

Österreichisch = deutsch + slawisch

Oh ja, so "slawisch" wie z.B. Palatschinken ;-)

Wenn du konsequent bist, musst du folglich Quark statt Topfen sagen, denn das eine ist ein slawisches Lehnwort, das andere bairisch.

Knödel

Das tschechische "knedlík" (wie auch das italienische "canederli") geht auf das deutsche "Knödel" zurück und nicht umgekehrt wie der Artikel suggeriert. Es handelt sich um eine Verkleinerungsform des mittelhochdeutschen "knode" für "Knoten".

viele Journalisten schreiben viel

und viele sind auch nur Menschen

ja darum sagen wir ja auch

Aprikosenklösse statt der slawischen Marillenknedl ;-)

Also die Marille ist dem Italienischen entlehnt (auch in Bayern, Südtirol ebenso bekannt). Aprikose ist aus dem Niederländischen. Knödel und Kloß sind jeweils deutsche Wörter.

"Marille" hat sich überhaupt schon im gesamten deutschen Sprachraum (zumindest u.a.) etabliert. Siehe z.B.:

http://www.vanille-marille.de/

Interessant .. vermehr melden sich in diesem Thread nun deutschnationale zu Wort .. um den tschechischen Einfluss auf Österreich möglichst kleinzureden, wegzudeuten oder gleich als denkbar negativ hinzustellen ...

Unsere gemeinsame, auch, tschechische Seite tut den Deutschnationalen wohl am meisten weh. Was in Anbetracht der realen Geschichte Mitteleuropas ziemlich lächerlich ist.

In diesem Sinne: Strc prst skrz krk!

deutsch

wurde in Boehmen (Prag) vor allem in juedischen Familien gesprochen. Vielleicht freut das die "Deutschnationalen".

das war der einzige tschechische satz, den ich in der schule lernte! unser geschichtelehrer, herr walenta, hat ihn dem wort "euboia" gegenübergestellt.

ukoncete prosim

vystup a nastup - dvere se zaviraji!!

;)

Aber nur in der UBahn!

Und in der Straßenbahn:

"Bitte SICH festzuhalten"

Co je hezký, to je ceský!

was ist ein Ksindle?

Ein Kindle fürs Gesinde?
mWn ist das Lehnwort im tschechischen "ksindl", nicht "ksindle" ;-)

Praktischer ist es "ksindle" zu lernen, das ist die für nicht Tschechischsprechende die am einfachsten zu gebrauchende grammatikalische Form, der Vokativ.

Nett und ähnlich im Klang ist "Ksicht" - einfach einmal bei google die zumeist unschönen Bilder dazu suchen!

mit

verlaub, falsch.
Ksindl - hab ich überhaupt nie gehört = G´sindel
und Ksicht =Gesicht
eben nicht positiv besetzt, das ist das aber schon. Beide haben deutschen Stamm, nicht andersherum.

mit dank

für die roten stricheln - begründung?

"Maltaweiber"

ist keine gute verschriftlichung für mörtelweiber.

im dialekt klingts eher:
meitaweiwa oda mertaweiwa

Malta oder Malter ist Maurerjargon. Das kommt aus dem Italienischen.
http://gregor.retti.info/docs/malter.pdf

oder auch "meuta"-weiba

viele halten bis heute "meuter" und "mörtel" für zwei verschieden Dinge :-)

Das Nachtasyl is doch in der Stumpergasse?

Definitiv.

Ich frage mich, ob es vielleicht früher woanders war.

Die Tschechen sind mir aber 10x lieber als die Piefkenesn ...

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