"Zunehmende Zentralisierung Russlands"

Interview9. August 2012, 05:30
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Die Erweiterung der Stadtgrenzen ist ein Jahrhundertprojekt für Moskau

Experte Niko Rickert erklärt André Ballin, wo die derzeitigen und künftigen Probleme bei der Planung der russischen Hauptstadt liegen.

Standard: Wo liegen stadtplanerisch die Probleme Moskaus?

Rickert: In der mangelhaften Infrastruktur im Verkehrs- und Sozialbereich, unzureichender Beteiligung von Bürgern und unabhängigen Experten, sabotierten Stadtplanungen durch ausufernde Korruption und vielem mehr. Das Hauptproblem ist aber ein gesellschaftliches.

Standard: Was meinen Sie damit?

Rickert: Die Protestbewegung ist Beleg des gesellschaftlichen Wandels in Moskau. Diese Veränderungen wirken sich auf städteplanerische Positionen aus. Denn es gehen die kreativen und aktiven Köpfe der Gesellschaft auf die Straße. Sie wollen eine auf den Bürger zugeschnittene, gesündere Umwelt. Der Wunsch ist sozialpolitisch, aber auch kulturell und städteplanerisch ambitioniert. Es geht darum, gewachsene Strukturen und Kulturen zu erhalten und diese mit neuem Leben zu füllen. In einer Stadt wie Moskau gerät das oft in Konflikt mit kommerziellen Interessen.

Standard: Können diese Probleme durch die Stadterweiterung gelöst werden?

Rickert: Moskaus Erweiterung fördert die zunehmende Zentralisierung Russlands. Sie löst damit die akuten Probleme der Stadt nicht. Dazu müsste eher das Potenzial, das Moskau intern hat, genutzt werden: Ausbau der bestehenden Schlaftrabanten um Moskau zu voll funktionierenden Stadtquartieren und der Industrieareale innerhalb des Autobahnrings. Hier stehen sich aber föderale und städtische Interessen im Weg. Zudem ist die Stadterweiterung nicht ausreichend durchdacht. Es fehlen langjährige Bürgeranhörungen und Expertengutachten.

Standard: Welche Maßnahmen sind nötig, damit die Erweiterung tatsächlich das "alte" Moskau entlastet?

Rickert: Es muss zuerst die Infrastruktur - öffentliche Verkehrsmittel und Individualverkehr - geregelt werden. Das dauert viele Jahre, ist aber Garant für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Wichtig ist auch eine ökologisch, energietechnisch und politisch sinnvolle Stadtplanung.

Standard: Im "neuen Moskau" sollen keine Hochhäuser gebaut werden. Eine richtige Strategie?

Rickert: Das Bauen in die Horizontale ist teurer beim Bau der Infrastruktur und beim Betrieb der Gebäude. Andererseits dienen horizontale Stadtquartiere mit ihrer entstressten Bebauungsdichte zur Erholung der Innenstädter. Der neue Raum bietet viel Platz für Erholungsareale und Grünzonen. Eine gesunde Mischung von komprimierter und gelockerter Bebauung ist die richtige Lösung.

Standard: Was ist generell bei einer Stadterweiterung zu beachten? Wel che Schwierigkeiten können auf treten?

Rickert: Moskau hat sich jahrhundertelang im Ringmuster entwickelt. Heute wird einfach eine Fläche, 1,5-mal so groß wie Moskau, linear addiert. Es ist klar, dass es sich eher um einen Verwaltungsakt handelt als um einen kon kreten städtebaulichen Plan. Das Wichtigste ist die betriebliche Einbindung des neuen Quartiers in die alte Stadt. Das sind infrastrukturelle Erweiterungen und logische Ergänzungen in allen Bereichen von Verkehrsführung und Logistik. Bedürfnisse der Alt- und der Neustadt müssen genau analysiert werden, um eine nachhaltige Symbiose zu gewährleisten.

Standard: Moskau soll um 148.000 Hektar wachsen. Wie lange kann der Ausbau dauern, und welche Kosten sind zu erwarten?

Rickert: Nach dem Erweiterungsplan soll die Stadt eine Million neue Arbeitsplätze schaffen und zwei Millionen Bürgern Wohnraum bieten. Nach sehr groben Schätzungen aus Moskauer Immobilienkreisen sind es etwa 275 Milliarden Euro Gesamtkosten. Es wird wohl 15 bis 20 Jahre dauern, bis der neue Teil der Stadt voll funktionsfähig angeschlossen ist. Der Ausbau wird etappenweise vorangehen. (André Ballin, DER STANDARD, 9.8.2012)

Niko Rickert, Dipl.-Ing. Arch. (TU), Geschäftsführer des Architekturbüros +aap - Assoziierte Architekten und Planer (www.a-ap.ru) in Moskau und Hamburg -, ist seit 14 Jahren in Moskau tätig.

  • Niko Rickert, Dipl.-Ing. Arch. (TU), Geschäftsführer des Architekturbüros +aap - Assoziierte Architekten und Planer (www.a-ap.ru) in Moskau und Hamburg -, ist seit 14 Jahren in Moskau tätig.
    foto: privat

    Niko Rickert, Dipl.-Ing. Arch. (TU), Geschäftsführer des Architekturbüros +aap - Assoziierte Architekten und Planer (www.a-ap.ru) in Moskau und Hamburg -, ist seit 14 Jahren in Moskau tätig.

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