Deserteursdenkmal: "Die Sache wird verschleppt"

8. August 2012, 18:06
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Streitfall Deserteursdenkmal: Tempo und Standort sind umstritten

Wien - "Ich vermisse den Zug zum Tor", sagt Thomas Geldmacher, meint aber nicht den Fußball-, sondern den Heldenplatz. Dieser ist ein möglicher Standort für ein Denkmal zu Ehren der Wehrmachtsdeserteure, wie es das Personenkomitee "Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz" fordert. Doch Geldmacher, Sprecher der Initiative, kann sich "des Eindrucks nicht erwehren, dass die Sache verschleppt wird".

Dabei stehen auf den ersten Blick keine großen Hürden im Weg. Die rot-grüne Stadtregierung gibt sich Feuer und Flamme, außer der FPÖ läuft kaum wer gegen das Projekt Sturm. Mit umso mehr "Unverständnis" registriert Geldmacher, dass seit der letzten Sitzung der Arbeitsgruppen am 20. April nichts weitergegangen sei: "Schön langsam sind wir entnervt."

Rätseln über Bremser

Das Tempo ist keine Nebensache: Laut Schätzung leben nur noch etwa 100 Wehrmachtsdeserteure. Genaue Zahlen gibt es nicht. Viele haben sich aus Angst, als Verräter punziert zu werden, nie geoutet.

Über die Gründe, warum die Politik nun zögern könnte, will Geldmacher nicht spekulieren. Ein anderer Teilnehmer der April-Sitzung berichtet aber, wie der zuständige Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) mehrmals die Frage in der Raum geworfen habe, was denn die Kronen Zeitung von all dem halte. Auch Genossen aus der Kriegsgeneration werden als potenzielle Bremser gehandelt.

Im Büro Mailath-Pokornys weißt man diese Theorien zurück - die Krone etwa habe das Denkmal gar nicht torpediert. Von einer Verschleppung könne keine Rede sein, das Projekt liege voll im Zeitplan: Standort fixierung im Herbst, danach die Ausschreibung für einen Wettbewerb. 2013 soll das Monument stehen.

Recycelter Opfermythos

Fünf Plätze stehen zur Debatte, doch im Rathaus lässt man eine zarte Präferenz durchklingen. "Das Umfeld des äußeren Burgtores am Heldenplatz wäre ein würdiger Ort", heißt es aus Mailath-Pokornys Büro. Über diesen Standort kann die Stadt allerdings nicht nach Belieben verfügen. Der Heldenplatz untersteht dem Bund, in der Gestalt des Wirtschaftsministeriums.

Der Ort ist noch aus einem anderen Grund umstritten. In den Dreißigerjahren wurde das Burgtor zu einem Heldendenkmal umgebaut. In einer Krypta ruht dort die Skulptur des gefallenen Soldaten des Bildhauers Wilhelm Frass, einem frühen NS-Anhänger.

Das Verteidigungsministerium hat das Denkmal unlängst von einer versteckten Nazi-Botschaft befreien lassen und eine Umgestaltung angekündigt, die Stadt beteuert, keine Vermischung der verschiedenen Monumente zuzulassen. Dennoch dürfe das Deserteursdenkmal dort nicht integriert werden, weil damit der alte österreichische Opfermythos - "alle waren Opfer" - auflebe, findet Geldmacher und tritt für das nördliche Ende des Platzes ein - "um der Abwendung Ausdruck zu verleihen".

Für "vollkommen jenseits" hält Eva Blimlinger die Burgtor-Idee: "Die Deserteure stünden in einer Reihe mit Wehrmachtssoldaten." Die Rektorin der Akademie der bildenden Künste plädiert für das freie Eck an der Schnittstelle von Helden- und Ballhausplatz, das im Austrofaschismus für ein Denkmal für Engelbert Dollfuß reserviert war: "Mit dem Standort könnte die Republik demonstrieren, dass sie ein kritisches hostorisches Bewusstsein pflegt. Wenn dort regelmäßig Staatsgäste vorbeikommen, spricht das umso mehr für diesen Ort." Auch das Personenkomitee würde zum Ballhausplatz Ja sagen.

Weg mit dem Soldaten

Aus der Krypta sollte hingegen der gefallene Soldat entfernt werden, sagt Blimlinger. Den Staatsspitzen empfiehlt sie, an Feiertagen lieber vor dem Denkmal der Republik neben dem Parlament aufzumarschieren: "Denn was hat die heutige Republik mit einem Monument zu schaffen, bei dem der Soldaten der k. u. k. Armee und der Wehrmacht gedacht wird?"  (Gerald John, DER STANDARD, 9.8.2012)

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