Russlands Metropole saugt an und ufert aus

9. August 2012, 05:30
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Moskau platzt aus allen Nähten - Dichter besiedelt als New York, ächzt die Megapolis unter der Vielzahl administrativer Funktionen

Mit der Erweiterung der Stadtgrenzen will der Kreml die Lage entspannen. Ein Milliardenprojekt.

Schüchtern blickt Dinara zu ihrem Gesprächspartner auf. Angestrengt versucht sie seinen Worten zu folgen und entblößt dabei mit einem unsicheren Lächeln ihre Goldzähne. In ihrer Heimat Kirgistan sind diese Goldzähne ein Statussymbol, hier in Moskau steht die zweifache Mutter in der Hierarchie ganz unten. Als Concierge eines Moskauer Wohnhauses lebt sie in einer zwei Quadratmeter großen Kammer im Hauseingang. Rund 300 Euro verdient sie im Monat, das meiste davon schickt sie nach Kirgistan an Mutter und Kinder. Nach dem Tod ihres Mannes ist Dinara die Alleinverdienerin in der Familie.

Gut 11,6 Millionen Menschen wohnen offiziell in Moskau. Hinzu kommen rund drei Millionen legaler oder illegaler Arbeitsimmigranten, die wie Dinara darauf hoffen, in Moskau einen besser bezahlten Job zu finden als in ihrer Heimat. Moskaus Einwohnerzahl steigt ständig, denn die Stadt ist nicht nur das politische, sondern auch das wirtschaftliche Zentrum Russlands. Sie zieht auch Menschen aus anderen Ex-Sowjetrepubliken an wie ein Magnet.

Die Infrastruktur ist den Anforderungen schon lange nicht mehr gewachsen. Moskaus Verkehrsnetz nimmt nur 8,7 Prozent der Fläche ein, selbst in Asiens engen Metropolen sind es laut Verkehrsexperte Michail Blinkin zehn bis zwölf Prozent. Tägliche Staus und fehlende Parkplätze sind die Folge. Enge Betonburgen bei horrenden Mietpreisen und zu wenige Erholungsmöglichkeiten sind weitere Schattenseiten der Megapolis.

Beamte raus aus der Stadt

Als Lösung des Problems gilt ein gigantisches Erweiterungsprogramm. Moskau wurden zum 1. Juli 148.000 Hektar an neuen Flächen zugeschlagen, fast das Eineinhalbfache des bisherigen Areals. Das Gebiet ist mit 250.000 Einwohnern nur schwach besiedelt und soll Moskaus Zentrum deutlich entlasten. Speziell die Beamten sollen ausgesiedelt werden. Laut dem spanischen Architekturbüro Ricardo Bofill kostet der Bau eines Regierungszentrums plus Infrastruktur 100 Mrd. Euro. Die Kosten für das VIP-Städtchen der rund 200.000 Beamten fallen mit sechs Mrd. Euro dagegen bescheiden aus.

Das ist aber nur die halbe Miete: Zwei Millionen Moskauer sollen ins Umland ziehen, dort sollen eine Million Arbeitsplätze entstehen. Damit würden die Kosten Schätzungen zufolge auf knapp 200 Mrd. Euro steigen. Allein für die Infrastruktur sind 70 Mrd. Euro fällig, denn im Gegensatz zu "Alt-Moskau", wo eng und in die Höhe gebaut wurde, soll es im neuen Moskau viel Grün und wenig Hochhäuser geben.

Experten sind skeptisch: Die Investitionen sind gewaltig, die Verzahnung von Alt- und Neustadt ein langwieriger und komplizierter Prozess. Das größte Problem aber wird damit nicht gelöst: Verwaltungsapparat und Wirtschaftskraft bleiben in Moskau konzentriert, die Zentralisierung bleibt erhalten. Somit bleibt auch der Zuzug ungebrochen.

Der Gouverneur des Moskauer Umlands, Sergej Schoigu, hat daher ketzerisch vorgeschlagen, die russische Hauptstadt in den Ural oder nach Sibirien zu verlegen. Doch so weit wollen die Beamten dann doch nicht aussiedeln. (André Ballin, DER STANDARD, 9.8.2012)

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    Der Moscow City genannte neue Geschäfts- und Finanzbezirk der russischen Hauptstadt. Nach dem Wachstum in die Höhe folgt nun die Ausdehnung in die Breite.

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