Valegro in Greenwich und Yazid in Zurndorf

  • Das ist Valegro im wechselnden Galopp und im olympischen Viereck zu Greenwich. In seinem Sattel sitzt Charlotte Dujardin, sie sind unterwegs zur ersten Goldenen, der eine zweite folgen soll.
    foto: epa/munns

    Das ist Valegro im wechselnden Galopp und im olympischen Viereck zu Greenwich. In seinem Sattel sitzt Charlotte Dujardin, sie sind unterwegs zur ersten Goldenen, der eine zweite folgen soll.

  • Das ist Yazid im Sichwälzen und auf der grünen Wiese in Zurndorf.
    foto: privat

    Das ist Yazid im Sichwälzen und auf der grünen Wiese in Zurndorf.

Auf den ersten Blick haben sie nicht viel gemeinsam. Der KWPN-Wallach Valegro (10) ist Olympiasieger, der Berber-Wallach Yazid (12) pfeift auf die hohe Schule der Dressur. Auf den zweiten Blick zeigt sich, dass es in ihrer Haltung durchaus Parallelen gibt

Zehn Jahre, kein Alter eigentlich für ein Dressurpferd. Und Valegro ist bereits Olympiasieger, hat Charlotte Dujardin (27) in Greenwich zu britischem Teamgold getragen. Heute, Donnerstag, sollte solo noch ein Titel folgen, alles andere wäre überraschend nach den bisherigen Auftritten des Braunen. Und der Blonden.

Yazid ist zwei Jahre älter als Valegro, in Zurndorf geboren und noch nie verreist. Er ist in seinem Leben jeden Meter zu Fuß gegangen. Vom Stall ins Viereck, zur Halle oder auf die Koppel. Und zurück. Manchmal eine Runde über burgenländische Felder, Pardon: Feldwege. Unvorstellbar, was Yazid aufführen würde, wollte man ihn in einen Transporter führen. Aus diesem und anderen Gründen war Olympia für den Schimmel kein Thema. Hauptgrund ist der Reiter, dem garantiert jegliche Klasse fehlt.

Valegro wird als KWPN geführt, das kürzt Koninklijk Warmbloed Paard Nederland ab, Niederlän disches Warmblut. Die Rasse ist jung, aus Groningern und Gelderländern entsprungen, auch Vollblüter mischten sich ein. Das KWPN gibt es seit sechzig Jahren. Man sagt ihm Lebhaftigkeit, Ehrgeiz, Freundlichkeit, Robustheit, Unerschrockenheit nach. Sportlich ist es sowieso.

Yazid ist ein Berber. Es wird ihm egal sein, aber er vertritt die älteste kultivierte Pferderasse des Mittelmeerraums. Ihr Ursprung liegt in Nordafrika und geht ins zweite Jahrtausend vor Christus zurück. Berber sind ausdauernd, genügsam, zäh, trittsicher, wendig und über kurze Strecken schnell. Yazids Reiter kann das alles hier und jetzt bestätigen.

Wie alles begann

Valegro ist oft auf Reisen, aber eigentlich auf einem Hof in der Nähe von Gloucester daheim, im englischen Südwesten an der Grenze zu Wales. Er steht mehrheitlich im Besitz von Carl Hester, dem besten britischen Dressurreiter, der Valegro als Zweijährigen entdeckt und erworben hatte. Vor fünf Jahren wurde Hester von einer Frau angesprochen, die ihn fragte, ob ihre Tochter bei ihm vorreiten dürfe. Charlotte, damals 21, durfte - und seit damals reitet sie am Hester-Hof.

Yazid hat seinen eigenen Kopf, er kann auch schwierig sein. Manchmal glaubt der Reiter, dass gar nichts weitergeht, und oft geht wirklich nichts weiter. Beim Angaloppieren, bei Schenkelweichen oder Haltparaden. Von der hohen Schule wollen wir gar nicht reden, aber auch die niedrige Schule will gelernt sein. Manchmal wird Yazid doch richtig weich, gibt er quasi den Kopf her. Und mehr darf man auch nicht verlangen bei bloß einmal Unterricht in der Woche.

Valegro ist mit Dujardin seit eineinhalb Jahren auf Grand-Prix-Niveau unterwegs, ganz hohe Schule. In dieser kurzen Zeit haben sie eine Perfektion erreicht, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat. Perfektion vor allem im Sinne von Harmonie. Es sieht so einfach aus, so locker, keine Spur von Anstrengung oder Verkrampfung, natürliche Bewegungen, alles im Fluss. Das Pferd geht, wie es gehen soll, die Reiterin geht mit. Anderswo wird eingewirkt, hier wirken zwei zusammen. Selbst schwierigste Übungen, ob sie nun Passage, Piaffe, Pirouette oder Galoppwechsel heißen, gehen Dujardin und Valegro mit unglaublicher Leichtigkeit von der Hand und vom Bein.

Wie alles ist

Dem Yazid geht es gut, jetzt sowieso, da sein Reiter verreist ist und ihn wochenlang nicht behelligt. Aber auch sonst. Er steht in einem Stall mit großem Freibereich. Wenn es regnet, geht Yazid hinein, wenn es aufgehört hat, geht er hinaus und wälzt sich. Im Bedarfsfall wählt er zwischen der angrenzenden Wiese und einer Koppel in der Nähe.

Valegro wird viermal die Woche dressurmäßig bewegt, jeweils nicht länger als dreißig Minuten. Er wird selten ausgesessen, Dujardin trabt ihn meistens leicht, das schont sein Kreuz. Der Zügelkontakt zum Pferdemaul, so sieht es Hesters Lehre vor, soll möglichst leicht sein. An zwei Tagen wird Valegro auch ausgeritten, er darf jeden Tag auf die Koppel und sich dort völlig frei bewegen. So gesehen fast yazidmäßig.

Wie alles weitergeht

Yazid, ein Wallach übrigens, hat keinen Preis, er ist unverkäuflich. So wie seine vier Freunde, mit denen er Stall, Wiese und Koppel teilt. Zugegeben, es kommt auch keiner daher und bietet Unsummen. Aber selbst ein spanischer Diamantenhändler und der Kaiser von China wären völlig chancenlos, weil Yazid das tollste Pferd der Welt ist.

Valegro, ebenfalls Ex-Hengst, hatte als tollstes Dressurpferd der Welt einen Vorgänger. Totilas, auch KWPN. Die Deutschen zahlten den Niederländern angeblich zehn Millionen Euro für den Hengst. Mit dem neuen Reiter ging die Harmonie ab, die Anspannung wuchs, der Reiter erkrankte, nun steht Totilas daheim im Stall. Valegro wiederum könnte den Briten bald abhandenkommen, ein spanischer Diamantenhändler will seiner Tochter ein Pferd schenken, dieses Pferd. Und Yazid? Bleibt in Zurndorf, wälzt sich und kann den Reiter schon gar nicht mehr erwarten. Wahrscheinlich. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 09.08.2012)

Share if you care