Die Handpuppen von Hass und Seligkeit

  • Puppentreff  im Salzburger Schauspielhaus in  Nonntal:  Tristan Vogt 
(Mi.) und Lutz Großmann bei der Arbeit - der filzige  Geselle mit den 
roten  Augen links  ist der "Hass".
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    foto: silvia lelli

    Puppentreff im Salzburger Schauspielhaus in Nonntal: Tristan Vogt (Mi.) und Lutz Großmann bei der Arbeit - der filzige Geselle mit den roten Augen links ist der "Hass".

Eine reizvolle Petitesse, die einen den "richtigen" Raimund schmerzlich vermissen lässt: "Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär" als Salzburger Puppen-Festspiel

Salzburg - Ferdinand Raimunds Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär scheint wie gemacht für Puppenspieler. Die wichtigen Figuren in dem "romantischen Original-Zaubermärchen" verteilen sich zu ungleichen Teilen auf Geisterreich und Menschenwelt. Wegen einer dünkelhaften Fee namens Lakrimosa geraten die menschlichen Verhältnisse unschön aus dem Lot. Warum? Lakrimosa weigert sich, dem "Neid" anzugehören.

Umgekehrt kommen die Biedermeier-Menschen gar nicht dazu, selbstbestimmt zu leben. Ihr Wirken wird von allegorischen Figuren gelenkt: besagtem "Neid", dem "Hass", der "Zufriedenheit".

Im Salzburger Schauspielhaus machen Thalias Kompagnons, die gefeierten Puppenspieler aus Nürnberg, jetzt einen Vorschlag zur Versöhnung. Wenn die Zauberer nicht aus Fleisch und Blut, die Menschen aber aus Papier sind - wunderbar poetisch beschriebenem Papier! -, warum nicht alle zu Puppen erklären? Im Feensaal, in dem das Stück seinen umschwei figen Ausgang nimmt, frönt man dem Free Jazz. Ein leibhaftiger Pianist (Peter Fulda) donnert in die Tasten, während Geister mit ausnehmend hässlichen Gesichtern über die Projektions folie huschen.

Die Produkte des fränkischen Puppenbauerhandwerks, hergestellt in der Werkstatt des Künstlers Joachim Torbahn, entstammen den Regionen des Wahns. Das ist zunächst richtig gedacht. In Lakrimosas Feenpalast hausen schließlich "Der Blödsinn" (eine überaus charmante Puppe!), "Die Trägheit", die Fee der "Wider wärtigkeit", genannt Antimonia. Die Hausherrin selbst, mit roten Flachshaaren und mächtiger Perlenkette, ähnelt der emeritierten Sängerin, die in Loriots Ödipussi mit ihrem Brunftgesang die Milch zum Stocken bringt.

Nun steht in Der Bauer als Millionär buchstäblich das Glück aller auf dem Spiel. Lakrimosa schickt ihre Geister hinunter auf die Erde, wo ein Waldbauer namens Fortunatus Wurzel durch das übelwollende Zutun des Neides einen Schatz gefunden hat. Das Puppengesicht des Bauern ist dasjenige eines Quartalsäufers.

Seine Ziehtochter Lottchen, eigentlich das Kind der Lakrimosa, ist einem Fischer zugetan, den sie heiraten muss, um ihrer entmachteten Mutter die Zauberkraft wiederzuschenken. Hier kurz die Puppenkritik: Lotte mit ihren seidigen blauen Haaren gleicht einer allzu hastig reanimierten Wasserleiche und passt somit hervor ragend in die Fischfangindustrie.

Die wahren Geister dieser ein wenig befremdlichen Festspielproduktion sind aber die Menschen. Wenn die Puppen nicht gerade an den bekritzelten Overhead-Folien vorüberhuschen, stehen sie in der Macht der Spieler. Diese sind schwarzgewandete Herrscher über Leben und Tod. Tristan Vogt, der neben Torbahn zweite Schöpfergott von Thalias Kompagnons, schenkt dem verwilderten Bartgesicht des Fortunatus eine zweite, so kaum für möglich gehaltene Identität. Wurzel, das Inbild der Wiener Biedermeierei, mutiert zum Franken.

Sprachenverwirrung

Somit herrscht auf der Bühne die entzückendste süddeutsche Dialektverwirrung. Ajaxerle, der berühmte schwäbische Lehrling in der Kunst der Magie, spricht ohnehin wie der deutsche Fußball-Bundestrainer Joachim "Jogi" Löw. Wurzel steuert nun ein paar kräftige Nürnberger Sprachtupfen bei. Man wähnt sich auf der Vollversammlung des FC Bayern München oder wenigstens des 1. FC Nürnberg!

Was würde man in der Festspiel-Stadt Salzburg dafür geben, einen "richtigen" Raimund auf geführt zu sehen. Der zu Unrecht verkitschte Melancholiker des Wiener Zaubertheaters hat gegen die Übermacht unleidlicher Verhältnisse sein ingeniöses Dekorationstheater in Stellung gebracht. Wie im Fieberschauer taumeln bei ihm Menschen und Geister durcheinander, und meistens sind es die Menschen, die gegen die Autorität der Allegorie recht behalten. Sie sind eben keine Puppen, sondern Verzauberte.

Wollte man daher gegen diese drollige Festspiel-Unternehmung etwas einwenden, dann doch das: Als aparte Fingerübung für ein paar Puppenspieler - seien diese noch so virtuos -, ist Das Mädchen aus der Feenwelt zu schade. Die Festspiele besäßen reichlich Tradition und genug Mittel, um den Biedermeier-Kosmos Ferdinand Raimunds zu besiedeln. Der überaus freundliche Applaus galt einer Petitesse. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 9.8.2012)

10., 13. bis 17. August

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