Den "Armen" ins Wohnzimmer schauen

  • Voyeurismus ist für Slumtouristen meistens nicht das angegebene Motiv, sich durch die Armenviertel führen zu lassen.
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    foto: reuters/ricardo moraes

    Voyeurismus ist für Slumtouristen meistens nicht das angegebene Motiv, sich durch die Armenviertel führen zu lassen.

Wer schon alles gemacht und erlebt hat, sucht nach neuen Herausforderungen. Armutstourismus entwickelt sich zum neuen Massentrend

Cluburlaub? Strandurlaub? Städtetourismus? Ferien im heimischen Gebirge oder Sommerfrische am See? Haben wir alles schon gehabt. Wir wollen etwas Neues, etwas richtig Spannendes, etwas Sensationelles, Unerhörtes, Ausgeflipptes.

Armutstourismus oder "Slumming" lautet der neue Trend. Wer Geld und Zeit hat, verbringt seinen Urlaub in der Favela, im Ghetto, bei den Hungerleidern und Drogendealern. Man bemitleidet ein wenig befremdet den Dreck, die Armut, die katastrophalen hygienischen Zustände und das miese Essen, schlendert durch die heruntergekommenen Gassen, fühlt sich verantwortlich und schuldig und vermeidet es, den Kindern Zuckerln zu schenken, weil schlecht für die Zähne. Bleistifte sollen sie ja ganz gerne haben, die Kleinen. Auch wenn viele von ihnen kaum oder gar nicht zur Schule gehen. Natürlich geschehen diese Führungen im sicheren Rahmen, und Besucher müssen nicht befürchten, in eine Drogenschießerei zu geraten oder sich in einem Stapel brennender Reifen wiederzufinden. Das wäre zu viel der Realität.

Slumtouristen betonen natürlich, dass die Hintergründe keineswegs Voyeurismus oder Sensationsgier seien, sondern der Wunsch, sich hautnah mit den Ursachen der Entstehung von Armensiedlungen auseinanderzusetzen und ihre Solidarität mit den Armen der Welt auszudrücken.

Slumtourismus gibt es seit dem 19. Jahrhundert, als wohlhabende New Yorker durch die Armenviertel der Stadt schlichen, um zu schauen, wie es sich so lebt auf der anderen Seite. Inzwischen ist der Besuch bei "den Armen" ein Phänomen, das sich zum Massensport entwickelt. Filme wie "Slumdog Millionär" und "Tropa de Elite" sorgen für Nachschub, tausende Touristen wollen sehen, wo Gewalt und Armut zu Hause sind. Für die Veranstalter sind die Führungen ein gutes Geschäft, für die Slumbewohner sind sie wohl eher eine moderne "Völkerschau". (Mirjam Harmtodt, derStandard.at, 8.8.2012)

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