Ersehnte Schlagzeile, fatale Schlagseite

7. August 2012, 18:39
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Wasser predigen, Wein trinken: Eine angebliche Fahrt mit 160 km/h untergräbt die Glaubwürdigkeit von Grünen-Chefin Eva Glawischnig

Eva Glawischnig spragelt sich ab. Fünfeinhalb Wochen lang tourt die grüne Chefin quer übers Land. Sie durchradelt Täler, erklimmt Berge, sucht bei Brettljausen, Sommerfesten oder Grillabenden den Kontakt zu ihren Wählern - und natürlich die Aufmerksamkeit der Medien.

Nun hat Glawischnig die ersehnte Schlagzeile, doch die Schlagseite ist die falsche. "Grünen-Chefin als Auto-Raserin" titelte Heute, von einer "wilden Dienstfahrt" berichtet die Krone. Mit 160 km/h soll ihr Dienstwagen auf der A2 Richtung Süden gesichtet worden sein. Ein anderer Autofahrer hatte das auffällige, weil grasgrüne Fahrzeug gefilmt.

Viel beweist das verwackelte, auf Youtube verewigte Video nicht. Es zeigt den Opel, der offenbar auf der linken Spur drängelt, aber keinen Beleg für das Tempo - die Szene könnte sich genauso gut bei 130 abspielen. Gefahren ist ohnehin nicht Glawischnig selbst, sondern ihr Chauffeur.

Doch letztlich sind die Unklarheiten nebensächlich. Glawischnigs Sommertour wird sich in vielen Köpfen als Rowdyfahrt einbrennen, da kann sie noch so viele Hände schütteln. Der Vorwurf der Doppelmoral verfängt eben: Eine grüne Politikerin, die Autofahrer mit Tempo-30-Zonen drangsalieren will, aber selbst als Raserin auffliegt, hat in den Augen der Allgemeinheit Wasser gepredigt und Wein getrunken.

Wie können Politiker aus solch einer PR-Bredouille wieder rauskommen? Experten empfehlen allesamt die gleiche Grundregel. "Fehler zugeben und Asche aufs Haupt", rät der Politikberater Thomas Hofer, "Never lie!", der Politologe Peter Filzmaier. Auch der Kommunikationsstratege Lothar Lockl, einst selbst bei den Grünen, hält "Fakten auf den Tisch" für lohnender als das beliebte Durchtauchen: "Mut, Fehler einzugestehen, wird durchaus honoriert."

Mea culpa statt Herumeiern

Das Kalkül: Wer herumeiere, leugne, Ausflüchte suche, bausche eine blöde G'schicht oft noch weiter auf, zumal Gegner und Journalisten nachbohren können. Ein zerknirschtes Bekenntnis à la "Das darf nicht mehr vorkommen" biete hingegen - sofern das "Vergehen" nicht zu schwer ist - wenig Angriffsfläche. "Am besten, man macht ein bisschen mehr gut als erwartet wird", sagt Hofer: "Glawischnig sollte sich tunlichst nicht mehr in dieses Auto setzen, sondern den Bus nehmen."

Ein halbes "Mea culpa" haben sich die Grünen abgerungen, dieses aber gleich auch relativiert. Ja, der Wagen sei "flott unterwegs" gewesen, weil es Glawischnig halt eilig gehabt habe, doch niemals mit 160 - da hätte der Chauffeur den Opel Ampera, ein Elektroauto, schon bis zur Höchstgeschwindigkeit hochtreiben müsse. Überhaupt sei der Zeuge als FPÖ-Sympathisant unglaubwürdig. Aber "eine geringfügige Geschwindigkeitsüberschreitung" sei "nicht auszuschließen".

Anhand des Wörtchens "geringfügig" ließe sich, wenn die Kärntner Skandale nicht alles überdeckten, schon eine unliebsame (Sommerloch-)Debatte anzetteln, sagt Filzmaier: "Welche geringfügigen Gesetzesverstöße tolerieren die Grünen denn so? Tempo 150? Zeitung klauen am Sonntag? Die Putzfrau nicht anmelden?"

In grünen Kreisen kursiert mittlerweile eine spaßiges Kontra-Video, das ein Rallyeauto in mörderischem Tempo zeigt - "Glawischnig bei der nächsten Sonderprüfung". Doch der PR-Profi Josef Kalina warnt davor, Affären wie diese nicht ernst zu nehmen. So ungerecht Politiker eine Punzierung auch empfinden mögen: "Man bekommt sie kaum noch weg."

Als SPÖ-Sprecher hatte Kalina mit Alfred Gusenbauer einen Parteichef betreut, der sich das für seine politische Färbung fatale Image des luxusverliebten Prassers eingetreten hatte. Legendärer Fauxpas: Am Höhepunkt einer Debatte um eine harte Pensionsreform, brillierte Gusenbauer im Profil mit einer mehrseitigen Besprechung über exquisite Weine und passende Gaumenfreuden.

Ähnlich stark in Sachen Selbstbeschädigung: Fritz Verzetnitsch, der als Gewerkschaftsführer im City-Penthouse wohnte.

Politiker müssten höllisch aufpassen, sagt Kalina, der in der Raser-Affäre an keinen Zufall glaubt: "Dass ein FPÖler ihrem Auto nachfahren könnte, hätten sich die Grünen denken können." (Gerald John, DER STANDARD, 8.8.2012)

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