Ochsentour mit Zugpferd

Reportage7. August 2012, 18:28
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Grünen-Chefin Eva Glawischnig hat sich für den Sommer viel vorgenommen: In knapp sechs Wochen tourt sie durch ganz Österreich. Sie will mit den Menschen reden. Die nehmen das Angebot gerne wahr - in erster Linie, um sich über korrupte Politiker zu beschweren.

Dreimal geht sie fort. Dreimal kommt sie wieder zurück. Die Frau Mitte vierzig ist irritiert. Fragende Augen, verlegenes Lächeln. Sie kennt die Frau auf der Holzbank - nur woher?

Der Frau auf der Holzbank ist der unsichere Gast auch schon aufgefallen. Sie steht auf, geht hin und schüttelt der verdutzten Frau die Hand. "Grüß Sie! Eva Glawischnig mein Name. Wie geht's Ihnen?" Nach einem kurzen Gespräch setzt sich die Grünen-Chefin wieder auf die Bank und murmelt: "Zum Glück bin ich in einem Gasthaus aufgewachsen."

Das helfe ihr jetzt, denn dort habe sie sich die Scheu im direkten Umgang mit anderen Menschen abgewöhnt, ergänzt sie.

Eva Glawischnig hat sich diesen Sommer aufgemacht, um sich den Österreichern vorzustellen. Fast sechs Wochen tourt die Bundessprecherin der Grünen durch das Land - stilgerecht in einem schicken grünen Bus, auf dem ein überdimensionales Foto von ihrem Gesicht affichiert ist, breites Zahnpastalächeln inklusive.

Eine Ochsentour: Neun Bundesländer, 45 Stopps. Gestartet hat die sogenannte Sommertour 2012 am 27. Juli, bis 3. September geht sie noch. Besucht werden Orte "vom Neusiedler See bis zum Bodensee, von den Karawanken bis zum Waldviertel", wie Glawischnig sagt. Auf dem Programm stehen unter anderem Wandern, Radeln, Baden, ins Kino gehen, "grillen und chillen".

Das Anliegen: direkte Demokratie wörtlich nehmen. Mit den Menschen in Kontakt treten und Politik zum Angreifen praktizieren. Beabsichtigter Nebeneffekt: der Chefin und den Grünen ein Profil verleihen und sie fit machen für den Wahlkampf vor den Nationalratswahlen im Herbst 2013.

Hilfe kommt dabei von unerwarteter Seite: Die Grünen haben mit den Korruptionsvorfällen der vergangenen Wochen nichts zu tun - und erstmals scheint es, als könnte die Partei daraus auch Stimmen-Kapital schlagen.

Vergangene Woche war Glawischnig in der Steiermark, dieser Tage ist sie im Burgenland unterwegs. Mit Kindern aus dem Kinderdorf Pöttsching besuchte sie am Montag den Märchenpark St. Margareten, nahe dem Neusiedler See. Ebenfalls mit dabei sind ihr Mann, der Moderator Volker Piesczek, und ihre beiden Söhne.

Die Kinder laufen kurz nach Betreten des Parks in alle Richtungen - Glawischnig bleibt hängen. Gleich beim Eingang spricht eine ältere Frau sie an. Es gibt Probleme bei der Obsorge für ihr Enkelkind, sie hofft auf das Mitgefühl der Politikerin. "Diese Tour ist ein Dialogangebot an die Österreicher. Also reden wir und hören zu", sagt Glawischnig.

"Alle Politiker reden von Bürgernähe, aber keiner ist wirklich bürgernah" , sagt die Frau mit dem Obsorgeproblem. Dass Glawischnig sich so viel Zeit für sie nehme, rechne sie ihr "hoch an".

Tatsächlich wird das Angebot, mit Glawischnig in direkten Kontakt zu kommen, gerne und oft wahrgenommen. Es gestaltet sich schwierig, ein längeres Gespräch mit ihr zu führen - alle paar Minuten bleibt jemand anderer stehen, will ihr die Hand schütteln.

Nicht alle haben drängende Probleme, manche wollen tatsächlich nur reden. Ein Pensionist, der mit seinem Enkel im Spielpark ist, erzählt weit ausholend vom Rücken, der Familie, dem Haus. Ein junger Familienvater stöhnt unter der Hitze und beklagt die "Falotten in Kärnten".

"Es ist ein Experiment"

Dass die Tour für die Chefin einer Parlamentspartei zu unpolitisch sei, glaubt Glawischnig nicht. Im Gegenteil: Damit werde eher der Politikverdrossenheit im Land entgegengewirkt. Dennoch sei es "ein Experiment". Danach werde man reflektieren und Schlüsse ziehen.

Eine Beschwerde gibt es im Kinderpark dann doch: Ein Vater von zwei unter 10-Jährigen kritisiert, dass zwei Jugendliche aus dem Team von Glawischnig T-Shirts tragen mit der Aufschrift "Fuck Ushima", eine Anspielung auf das japanische Atomkraftwerk Fukushima. "So etwas muss hier wirklich nicht sein", wettert er. Beim Abschied wünscht er trotzdem: "Alles Gute für die Wahl!" (Saskia Jungnikl, DER STANDARD, 8.8.2012)

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    Glawischnig startete ihre Tour vor dem Parlament in Wien.

  • Nach der Steiermark ist sie nun im Burgenland angekommen - sieben Länder liegen noch vor ihr.
    foto: standard/urban

    Nach der Steiermark ist sie nun im Burgenland angekommen - sieben Länder liegen noch vor ihr.

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