Kleine Steine im Schuh des Alltags

  • Die wunderliche Band The xx gastiert nächste Woche beim Frequency Festival in St. Pölten.
    foto: xl rec.

    Die wunderliche Band The xx gastiert nächste Woche beim Frequency Festival in St. Pölten.

Im Festival-Programm befindet sich die Band The xx - Ihr im September erscheinendes Album "Coexist" ist so schön, dass man am liebsten zu Hause bliebe

Wien - Es gibt Momente, in denen ist das die schönste Musik der Welt. Diese Momente kommen immer in der Nacht und sind nie öffentlich. Nur Abgeschiedenheit und Ruhe garantieren die Entfaltungsmöglichkeiten dieser minimalistischen Tonsetzerkunst, die so unerhört Atmosphäre freisetzt.

Die Rede ist von dem Album Colossal Youth der walisischen Band Young Marble Giants. Erschienen ist es 1980 und liefert in seiner Mischung von Bass, Elektronik, geiziger Gitarre und dem verstrahlten Gesang von Alison Statton den Blueprint für die Musik von The xx. Dabei denkt man bei beiden Bands nicht unbedingt an Giganten aus Marmor. Im Gegenteil: The xx wirken eher teigig, wie Outsider, die bei Teamspielen im Turnunterricht immer zuletzt gewählt wurden.

2009 veröffentlichten Romy Madley Croft, Oliver Sim und Jamie Smith, der Young Marble Giants unkundig, ihr erstes Album und machten mit dieser zutiefst introvertierten Musik eine erstaunliche Karriere. Auch für das Werk von The xx gilt: Es gibt Momente, in denen ist das die schönste Musik der Welt.

Dass dieses seltsame britische Trio nun bei einem Festival wie Frequency zum ersten Mal in Österreich auftritt, das schmerzt. Aber man kann es sich nicht aussuchen. Auch Bob Mould folgte dem Ruf des Geldes und führt sein Album Copper Blue nun in St. Pölten auf, anstatt, wie ursprünglich gebucht, in der Wiener Arena. Wegen solcher Steinchen im Schuh des Alltags leiden The xx in ihren Liedern. Und wegen der Liebe.

Anfang September erscheint ihr zweites Album Coexist, und es sollte am Ende des Jahres diverse Bestenlisten schmücken. Immer noch verweigert sich diese Musik mehr, als sie sich anbiedert. In fast schmuckloser Zurückgenommenheit spielen The xx mit dem Raum zwischen den Noten, platzieren sparsam gesetzte Bässe, Minimelodien und unsicheren Gesang.

Die Bettstatt für diese dennoch kuscheligen Kleinodien produziert Jamie Smith als verantwortlicher Elektroniker. Auch er lässt lieber aus, als dass er allzu großzügig auftragen würde. The xx sind Nerds, keine Angeber.

So ähnlich sich das erste und das neue Album sind, eine Entwicklung lässt sich an Coexist ablesen. Man biegt die Schmolllippe zwar immer noch bis in die Mundwinkel durch, wirkt aber nicht mehr so pampig. Fröhlichkeit oder Optimismus zeichnen sich am Horizont ab - zumindest als dunkelgraue Streifen. Musikalisch manifestieren sie sich in verfremdeten Steeldrums (etwa in Reunion) und Herzschlag-Rhythmen mit angezogener Handbremse.

Der intim in die Mitte produzierte Gesang wirkt wie ein verschwörerisches Geflüster ins Ohr der Hörer, wie Liebesgeständnisse von diesbezüglich wenig routinierten Bekennern: "My heart is beating in a different way", stellt Sim erstaunt fest und hat nur eine vage Ahnung davon, was das bedeuten könnte. Das ist Musik ohne Zynismus, gespielt mit den staunenden Augen eines Kindes. Angesichts des grausamen Lebens füllen sich zwar die Hosen und sinken auf Halbmast, aber man ist dennoch fest entschlossen, sich dieser Zumutung zu stellen. Volle Hose, volles Herz. Großartig.

Drei Tage lang vorglühen

Diese Musik wird kommenden Samstag der heimischen Alternative Jugend vorgeworfen, die bis dahin schon drei Tage lang vorgeglüht haben wird. Ja, da drücken die Steinchen schon wieder.

Das Vorglühen beginnt am Mittwoch, wenn die US-amerikanischen Südstaatenrocker The Black Keys ihre Österreichpremiere geben. Ebenfalls am Mittwoch: The Killers aus Las Vegas, eine Art Bon Jovi für die coole Jugend. Am Donnerstag gastieren Placebo, dann Noel Gallagher mit den High Flying Birds, zuvor Lykke Li mit ihrem Sixties-Girlie-Group-Pop.

Ebenfalls am Donnerstag: die ewig beliebten Hamburger Tocotronic sowie Wilco. Und St. Etienne stellen ihr neues, schrecklich banales Album vor. Den Freitag nutzen denkende Menschen wegen Korn, Bush, Mia oder den Beatsteaks zur Rekreation, am Samstag gibt es neben dem Auftritt von The xx ein Wiedersehen mit der Kajalstiftlegende Robert Smith von The Cure, mit dem Fußballer-Pop der Sportfreunde Stiller, mit Bloc Party und Hot Chip - auf Deutsch: kalte Füße. (Karl Fluch, DER STANDARD, 8.8.2012)

Detaillierte Infos zu allen Bühnen und Beginnzeiten unter www.frequency.at

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