Gewerkschaft will sechste Urlaubswoche für alle

Interview | Oliver Mark
8. August 2012, 17:03
  • Manfred Wolf, Vertreter der Handeslangestellten in der Gewerkschaft, fordert eine sechste Woche Urlaub.
    foto: gpa-djp

    Manfred Wolf, Vertreter der Handeslangestellten in der Gewerkschaft, fordert eine sechste Woche Urlaub.

Produktivität und Arbeitsdruck steigen seit Jahren, nur die Urlaubstage bleiben gleich, kritisiert Gewerkschafter Wolf

Teile der Wirtschaftskammer plädieren für ein Ende des Urlaubsablöseverbots. Eine klare Absage an diese Pläne kommt von der Gewerkschaft. Geld gegen Urlaubstage sei keine Option, sagt Manfred Wolf, Handelsangestellten-Gewerkschafter (GPA-djp), im Interview mit derStandard.at: "Urlaub dient der Erholung." Und die Zeit der Erholung müsse verlängert werden, fordert Wolf - in Form einer sechsten Urlaubswoche für alle.

derStandard.at: Was halten Sie von dem Vorschlag, der aus der Wirtschaftskammer kommt, das Urlaubsablöseverbot aufzuweichen? Reicht der Urlaub dafür?

Wolf: Angesichts der Tatsache, dass die Leute immer länger arbeiten müssen, wird eher die Frage nach der sechsten Urlaubswoche ein Thema werden und nicht das Auszahlen des Urlaubs. Wenn sich die Frau Lorentschitsch über die Einkommenssituation der im Handel Beschäftigten Sorgen macht, dann lässt sich das Problem auch über höhere Gehälter lösen.

derStandard.at: Das heißt, der Standpunkt der Gewerkschaft ist: Tabu, kommt nicht in Frage?

Wolf: Genau. Der Urlaub dient der Erholung. Das Pensionsantrittsalter wird angehoben, und wir müssen uns sowieso überlegen, wie wir die Lebensarbeitszeit gleich halten. Man hat offenbar übersehen, dass gerade das Konsumieren des Urlaubs ein wichtiges Instrument zur Vorbeugung von Burn-out ist.

derStandard.at: Krankheiten wie Burn-out sind auf dem Vormarsch.

Wolf: Alle Statistiken belegen das, auch die Wirtschaftskammer hat das Problem mittlerweile erkannt. Dann zu sagen, zahlen wir doch die Urlaube aus, ist aus unserer Sicht kontraproduktiv.

derStandard.at: Warum, glauben Sie, kommt dieser Vorstoß? Gibt es den Wunsch vieler Arbeitnehmer nach einer neuen Regelung?

Wolf: Es gibt immer wieder Menschen, die in finanzieller Not sind. Und natürlich ist vereinzelt der Wunsch vorhanden, Urlaube auszubezahlen. Man kann aber die Not Einzelner nicht zur Regel erheben.

derStandard.at: Könnte man es nicht auf freiwilliger Basis und mit der Pflicht des beiderseitigen Einvernehmens regeln?

Wolf: Die Freiwilligkeit endet dort, wo das Verlangen des Dienstgebers beginnt. Und das kann nicht sein. Der Urlaub ist zu wichtig, um ihn einer Disposition zu unterwerfen.

derStandard.at: Auch ein optionales Modell ist für die Gewerkschaft keine Alternative?

Wolf: Das ist Unfug. Auch als Unternehmer muss man sich fragen, was Mitarbeiter bringen, die beispielsweise zwei Jahre nicht auf Urlaub gehen, die nicht ausgerastet sind. Die schaden dem Unternehmen wahrscheinlich mehr, als sie ihm nutzen. Auch vor diesem Hintergrund ist ein Auszahlen von Urlauben sinnlos.

derStandard.at: Die Idee war, dass man es nur jedes zweite Jahr oder noch seltener machen könnte.

Wolf: Ob das jetzt jedes, jedes zweite oder jedes dritte Jahr ist, das Grundproblem bleibt trotzdem dasselbe. Es soll einfach Erholungswert in Geld umgewandelt werden. Das ist für uns schlichtweg keine Lösung. Wir haben Urlaube nicht eingeführt, damit sie zur Sparkasse der Arbeitnehmer werden.

derStandard.at: Wie ist der arbeitsrechtliche Hintergrund?

Wolf: Es gibt das Bundesgesetz über den einheitlichen Urlaub seit 1974. Da ist der Urlaubsanspruch für alle Arbeitnehmer in Österreich mit fünf Wochen Mindestanspruch geregelt. Nach 25 Dienstjahren erhöht sich der Anspruch um eine weitere Woche. Die Ablöse des Urlaubs ist im Gesetz explizit verboten. Das gilt für alle Branchen, ohne Ausnahme.

derStandard.at: Wie sieht es in der Praxis aus?

Wolf: Es gibt immer wieder Fälle, wo es gemacht wird. Das ist ein Verstoß gegen ein gesetzliches Verbot. Was bedeutet, dass die Vereinbarung nichtig ist. Der Arbeitgeber hat den Urlaub zwar ausbezahlt, der Arbeitnehmer kann sich aber trotzdem auf diesen berufen.

derStandard.at: Wenn eine Vereinbarung getroffen wird, der Arbeitgeber den Urlaub ausbezahlt, dieser Verstoß angezeigt wird, dann hat der Arbeitnehmer trotz erhaltenen Geldes weiter Anspruch auf die Urlaubstage?

Wolf: Genau, der Arbeitgeber kann sich nicht auf diese Vereinbarung berufen. Alles, was gegen ein gesetzliches Verbot verstößt, stimmt de facto nicht.

derStandard.at: Arbeitnehmer tragen also kein Risiko, falls Urlaube doch ausbezahlt werden?

Wolf: Nein, außer der Arbeitnehmer verursacht so eine Vereinbarung, dann kann der Arbeitgeber die Rückgabe des Geldes begehren. Das Verursacherprinzip kommt zum Tragen. Es könnte sein, dass Mitarbeiter zum Chef gehen und sagen: "Zahl mir den Urlaub aus." Arbeitgeber müssten dann sagen: "Nein, das geht nicht, das ist verboten." Das ist aber eher hypothetisch, weil es in der Praxis kaum vorkommt.

derStandard.at: Was in der Praxis sehr wohl vorkommt, ist das Verjähren von Urlaubsansprüchen. Könnte in solchen Fällen nicht das Auszahlen Abhilfe schaffen?

Wolf: Der Urlaub verjährt zwei Jahre nach dem Jahr, in dem er entstanden ist. Es war allerdings nie gedacht, dass Urlaubstage gehortet werden. Bei einem Jahr Arbeit sind fünf Wochen Erholung gerade angemessen. Aufgrund des Arbeitsdrucks müssten wir eigentlich über eine sechste Woche Urlaub reden.

derStandard.at: Ist das eine Forderung der Gewerkschaft?

Wolf: Ja. Die fünf Wochen Urlaub wurden im Jahr 1974 eingeführt. Fast 40 Jahre später hat sich die Arbeitswelt gewandelt. Produktivität und Arbeitsdruck sind enorm gestiegen, nur das Ausmaß an Urlaub ist gleich geblieben. Da gehört früher oder später etwas gemacht, besser früher als später.

derStandard.at: Orten Sie Signale der Wirtschaft, dass die Forderung der Gewerkschaft auf Gehör stößt?

Wolf: Es gibt fortschrittliche Kräfte, die nicht nur den Profit, sondern die langfristige Beschäftigungsperspektive sehen. Wir finden durchaus Partner, die bereit sind, mit uns darüber zu reden.

derStandard.at: Auch innerhalb der Wirtschaftskammer?

Wolf: Ja, es gibt welche, die zwar mit Vorbehalten, aber zumindest für die Diskussion bereit sind. Innerhalb der Unternehmer ist die Meinungsbildung zu diesem Thema noch nicht abgeschlossen. Wir verfolgen das mit Spannung und werden diese Forderung weiter artikulieren. (Oliver Mark, derStandard.at, 8.8.2012)

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nein!!!

10,75 monate arbeiten und 14 monate gezahlt bekommen und dann noch eine woche zusätzlichen urlaub fordern? was denkt dieser vollko**er eigentlich?
oder: gerne eine woche mehr urlaub, aber 13. und 14. ersatzlos streichen!

bitte einmal nachdenen, wo das geld für löhne und gehölter herkommt

Vernünftiger Vorschlag ...

Leider wird durch die jetzige Regelung (6 Wochen erst ab >20 jährige Betriebszugehörigkeit) die Flexibilität (Firmenwechsel) bestraft.

Die sechste Urlaubswoche hab ich schon. Die gibts bei meiner Firma nach 7 Jahren Zugehörigkeit.

Freu dich und leg ein Ei...

sehr richtig und unterstützenswert.

leider hat bei einer abstimmung zu dem thema in der schweiz die wirtschaft bei den leuten eine derartige kopfwäsche gemacht, daß die dann mehrheitlich dagegen gestimmt haben.

Oder die Bürger waren mündig genug zu erkennen wo noch Wettbewerbsvorteil liegt.

Freibier für alle!

na super

dann sind freie Dienstnehmer um noch eine weitere Woche Mitarbeiter zweiter klasse, die ihre angestellten Kollegen noch eine weitere Woche vertreten müssen... DAS sollte die Gewerkschaft endlich mal lösen!

am besten gefallen mir

bei solchen artikeln immer die postings der arbeitnehmer, die sich schon in vorauseilendem gehorsam die sorgen der arbeitgeber dazu machen. als ob irgendein arbeitgeber sich ernsthaft gedanken machen würde, was für den arbeitnehmer zumutbar ist und was nicht (löbliche ausnahmen bestätigen hier die regel). manche habens echt nicht besser verdient, als wie die letzte zitrone ausgepresst zu werden...

eine Woche mehr Urlaub könnt ich gut gebrauchen,
hab berufsbegleitend eine Ausbildung gemacht mit Vollzeit! 3 Tage Urlaub hab ich jetzt nach 2 Jahren noch

Habe ich auch gemacht, ohne Wochenstundenreduktion hätte ich das aber nicht "derblasen".

hab den spaß auch 5 jahre gemacht, ohne wochenstundenreduktion, hatte aber gott sei dank einen arbeitgeber von dem ich eine zusätzliche woche sonderfreistellung (bezahlte) für ausbildung bekommen habe. damit bin ich dann halbwegs hinbekommen... aber ich hab sicher schon oft an der burn-out tür geklopft...

tausche katholische Feiertage gegen Urlaub!

-schaffen wir doch 5 katholische Feiertage ab, an denen eh kaum wer in die Kirche geht, und bekommen dafür 5 Urlaubstage, die wir vernünftig einteilen können.

wieso nicht gleich alle?
und als ersters weihnachten

damit dieser wahnsinn entlich aufhört

Stehn schon wieder irgendwelche Gewerkschaftswahlen an?

In Anbetracht desssen, dass ein 40h-Job in der Praxis nicht unter 45h bis 50h erfüllt werden kann,

ist eine Forderung nach mehr Urlaub oder sonstiger geringerer offizieller Arbeitszeit höchst entbehrlich.

Weil wir daran schuld sind, dass Firmen Personalkapazitäten am unteren Limit halten, oder wie darf man ihre Aussage verstehen?

ich meinte eher,

daß qualifizierte Jobs in der Regel nicht teilbar sind.

Wenns nachm WU-Studium irgendwann Teamleiter Marketing werden wollen, werdens net gleichzeitig den Job auf 2 oder 3 Leute aufteilen können.

Und ich garantiere Ihnen, daß Sie nicht da Bedürfnis haben werden, längeren Urlaub oder gar nur 30 Wochenstunden zu haben....

Nachdem diese Zeitung ja auf dem Kontinuum Akademiker bis Hilfsarbeiter eher erstere anspricht, überrascht mich daher die Forderung der Community nach kürzeren Arbeitszeiten und längerem Urlaub doch sehr.

Hr. Oaschhelmut, es hat sie keiner gezwungen Marketingleiter zu werden oder bei der Firma zu bleiben wenns ihnen nicht gefällt. Ich bin in der gottseidank nicht in der Situation mit meiner Zeit nicht auszukommen und fände eine 6. Woch daher cool, wenn auch unrealistisch

schön. Nur muss den Luxus jemand bezahlen.

Und dazu hab ich keine Lust gezwungen zu werden

WU-Studium und qualifizierte Jobs passt sowieso nicht zusammen.

Allerdings ist das das Problem der ARBEITNEHMER.

Die Sache ist doch die: In dem Moment, wo es dem Unternehmen schlecht geht, es fusioniert oder was auch immer, und der Arbeitnehmer nicht mehr passt, wird er eben aussortiert - da interessiert den Arbeitgeber auch nicht, ob das dem Arbeitnehmer ins Lebenskonzept passt.

Die Loyalität muss Grenzen haben. Und es ist nicht die Aufgabe und Verantwortung der Mitarbeiter, die organisatorischen Mängel der Arbeitgeber auszubügeln.

Wenn Sie sich arbeitsunfähig gearbeitet haben, dann hat der "arme" Chef noch eine Kraft weniger zur Verfügung. Auf wundersame Weise wird er dann aber jemand passenden auftreiben, und nicht die Firma zusperren.

ARBEITGEBER - sollte es im ersten Satz heissen (schade dass es keine "Bearbeiten" Funktion gibt. Mit so einem Fehler verwässert die ganze Aussage. :( )

und warum ist es nicht von beiden gleichermaßen Thema?

Gute Frage.
Arbeitgeber machen es zum Problem für Arbeitnehmer. Diese sollten sich allerdings diese Schuhe nicht anziehen. Sie sind keine Superhelden.

Ich sag das durchaus warnend. Ich weiß wie so etwas endet, wenn man versucht, zu wenig Angestellte oder Fehlorganisation des AG zu kompensieren.

Da dürfen Sie dann schnell das Invaliden-Umschulungsprogramm testen - weil in Ihrem Beruf sind Sie gesundheitsbedingt nicht mehr arbeitsfähig. Das ist dem AG dann aber total wurscht. Aber sowas von. Vermutlich kommt nicht mal eine Genesungskarte. Und Sie werden darüber auch noch froh sein, weil die bereits einen Nervenzusammenbruch auslösen kann...

Daher: Urlaub ist WICHTIG.
Leider merkens manche erst, wenns zu spät ist.
Ich warne nur!

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