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Mailand - Der Fund von 100 Caravaggio-Zeichnungen, mit dem im Juli zwei italienische Kunsthistoriker aufwarteten, hat sich als unhaltbare Vermutung erwiesen. Doch das Geschäft mit den Blättern geht munter weiter. Caravaggio, das Enfant terrible der italienischen Malerei, wollte die Menschen zwar in Erstaunen versetzen, doch das Kunstexpertenduo Maurizio Bernardelli Curuz und Adriana Conconi Fedrigolli hat die Caravaggio-Lektion zu wörtlich genommen. Die beiden selbsternannten Caravaggio-Spezialisten beweisen in erster Linie Sinn fürs Geschäft.
An dem am 6. Juli als "sensationell" verkündeten Fund hatte die Fachwelt sofort gezweifelt, schon allein, weil es bis heute nicht eine einzige sichere Caravaggio-Zeichnung gibt. Ein "Riesenhumbug", wie sich so trefflich Sybille Ebert-Schifferer, Caravaggio-Expertin und Autorin einer herausragenden Biografie des Malers, ausdrückte. Ende gut, alles gut? Mitnichten. Denn im Zeitalter der Virtualität verwischt die Grenze zwischen Wirklichkeit und Wahn, wissenschaftlicher Gewissheit und Mogelpackung, wobei sich Letztere, wenn man es geschickt anstellt, auch bezahlt macht.
Nicht ganz unschuldig ist dabei die leichtgläubige Presse, die die vermeintliche Entdeckung an die große Glocke hängte und etwaige Dementi klein druckt. Das Caravaggio-Duo lässt sich aber ohnehin von der Widerlegung seiner sehr fantasievollen Beweisführung kaum beeindrucken, denn Hauptsache, das Geschäft läuft. Niemand kann ihnen verbieten, ihren " Humbug" im selbstgebastelten E-Book zu verbreiten. So steht das Caravaggio-Welt-Wunder nach wie vor auf der Seite des Anbieters Lulu zum Verkauf, und zwar gleich zweibändig, 13,82 Euro pro Stück.
Hier nähert sich der Budenzauber gefährlich der Sphäre unrechtmäßiger Aneignung geistigen wie auch materiellen Besitzes. Die Zeichnungen stammen aus dem Nachlass des Lehrmeisters von Caravaggio, Simone Peterzano. Er umfasst 1378 Blätter, die der Stadt Mailand gehören. Sie stehen Experten zu Studienzwecken zur Verfügung, aber nicht für die Veröffentlichung und schon gar nicht in dem Umfang und in der dubiosen Zuschreibung.
Die Stadt hat das Caravaggio-Paar verklagt, das behauptet, Autorenrechte in der Höhe von 7000 Euro bezahlt zu haben. Ein bisschen wenig, möchte man meinen, da sie selbst den Wert der von ihnen entdeckten Blätter bei ganzen 700 Millionen Euro ansiedeln. Um den vermeintlichen Experten einen Strich durch die Rechnung zu machen, hat die Stadt die 100 Zeichnungen selbst auf ihrer Webseite veröffentlicht. Doch Marketing will gelernt sein, und gegenüber der reißerischen Aufmachung der Curuz-Fendrigolli Webseite "Der junge Caravaggio" zieht die nüchterne Homepage der Mailänder Stadtverwaltung mit ihrem PDF-Datei-Format den Kürzeren. Doch wo zwei sich streiten, freut sich der Dritte: Caravaggio ist wieder einmal in aller Munde. (Eva Clausen, DER STANDARD, 8.8.2012)
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