"Zweidaheimlichkeit" und aufgeschobenes Lebensglück

    Rezension8. August 2012, 09:00
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    Ein interdisziplinärer Sammelband betrachtet das Leben der Arbeitsmigranten

    "Meine einzige Heimat ist die deutsche Sprache. Denn im Umgang mit der deutschen Sprache fühle ich mich wohl wie ein Fisch im Wasser": Das ist die Bilanz der Germanistin und Romanistin Irena Petrušić-Hluchý, Tochter kroatischer Gastarbeiter in Schwäbisch Hall im deutschen Bundesland Baden-Württemberg. Nach einer aufreibenden Kindheit und Jugend, die sich zwischen zwei Ländern und zwei konträren Lebenskonzepten abspielte und stets von der Idee der Rückkehr überschattet war, kehrte die Familie schließlich "aus nostalgischen Gründen" nach Kroatien zurück, "aus dem Wunsch heraus, etwas für unser Land zu tun. Aber was hat unser Land für uns getan, stellt sich da die Frage. Nicht allzu viel. Deutschland hingegen umso mehr."

    Sehnsüchte und Ambitionen

    Arbeitsmigration bedeutet für die Akteure großen Gewinn und großen Verlust zugleich - diese Erkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch den Sammelband "Gast:arbeit. Gehen - Bleiben - Zurückkehren", in dem wissenschaftliche Beiträge und reine Erfahrungsberichte der Arbeitsmigration im Raum Ex-Jugoslawien nachspüren und einen faszinierenden Mikrokosmos verwandtschaftlicher und sozialer Beziehungen freilegen.

    Die Netzwerke, familiären Verstrickungen und Mechanismen, von denen Gastarbeiter wie Figuren auf einem Schachbrett präzise hin und zurück bewegt werden, sind für den Außenstehenden womöglich schwer nachvollziehbar: Einer Putzfrau sieht man nicht unbedingt an, dass sie jeden Tag von einem Lebensabend in einem selbst gebauten Haus im eigenen Land träumt, unter einem Dach vereint mit ihren Kindern und Kindeskindern.

    Aufgeschobenes Lebensglück

    Aber es ist gerade diese Ambition, die das Triebwerk der Arbeitsmigration bildet und dafür sorgt, dass Gastarbeiter jahrzehntelange Schufterei und eine "Zweidaheimlichkeit" auf sich nehmen und ihr eigentliches Lebensglück immer wieder aufschieben: auf den nächsten Sommer, auf den Ruhestand. Zuweilen auch auf den Sanktnimmerleinstag, denn aus zahlreichen Interviews geht hervor, dass viele Gastarbeiter nach jahrzehntelangen Strapazen den Ruhestand gar nicht mehr erleben oder, wenn doch, gar nicht wissen, was sie mit der vielen Zeit anfangen sollen.

    Verzichten, arbeiten, sparen

    Irgendwann soll sich der Mut, ins Unbekannte aufzubrechen, auszahlen, aber inzwischen heißt es verzichten, arbeiten, sparen und mitunter die Trennung von den eigenen Kindern in Kauf nehmen. Die kroatische Anthropologin Jasna Čapo lässt in ihrem Aufsatz "Zweidaheimlichkeit" eine Gastarbeiterin zu Wort kommen: "Ich kann mir das nicht vergeben, dass ich so auf andere (Eltern) gehört habe (...) Es war ganz normal, dass das Kind bei der Oma war (...) Ich habe deswegen sehr viel gelitten." Die Frau wirft sich selbst heute noch vor, ihre Tochter erst im Alter von 16 Jahren nach Deutschland nachgeholt zu haben.

    Vergangenheit ist Zukunft

    Der Gastarbeiter ist also ein gespaltenes Wesen: mit dem Körper im Gastland, mit dem Geist im Heimatland. Gespalten ist er auch zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es ist das vergangene Leben, das in Zukunft irgendwann wiederauferstehen soll - die mühevolle Gegenwart bleibt dabei auf der Strecke, denn sie ist nur Mittel zum Zweck. Dieses Hier-und-dort-Leben regelt alle wichtigen Entscheidungen, vom Arbeiten über Wohnen bis hin zum Lieben.

    Über den letzteren Lebensbereich legt der Historiker Robert Pichler eine faszinierende Studie vor: In dem albanischen Dorf Veleshta im Westen der Republik Mazedonien wird alljährlich von Anfang Juli bis in die erste Augustwoche exzessiv geheiratet. Aus der ganzen Welt reisen Arbeitsmigranten an, um in aufwendigen Hochzeitsinszenierungen Frauen aus ihrem Dorf zu ehelichen. Die Folge ist ein engmaschig gestrickter Lokalpatriotismus sowie (inzwischen) über Telefon und Skype ausgeübte soziale Kontrolle.

    Analyse ökonomischer Faktoren

    Der Sammelband begnügt sich jedoch nicht damit, dem Leser menschliche Schicksale näherzubringen; auch gründliche und umfassende Analysen der politisch-ökonomischen Seite der Gastarbeit kommen nicht zu kurz und fördern interessante Erkenntnisse und Parallelen mit der gegenwärtigen Wirtschaftskrise zutage. Der Philosoph Boris Buden räumt mit einigen Mythen der jugoslawischen Gastarbeiterpolitik auf und sieht im Phänomen Gastarbeit "jenseits der kitschigen Heimat-hin-Heimat-her-Pathetik" weniger eine historische Episode als vielmehr einen "Vorläufer der massiven Migrationsbewegungen, die die Welt des globalen Kapitalismus entscheidend mitgestalten". Somit seien "die gastarbajteri von gestern zugleich die Boten einer erst auf uns zukommenden Zukunft". (Mascha Dabić, daStandard.at, 8.8.2012)

    Jörn Nuber, Angelika Welebil (Hg.)
    Gast:arbeit. Gehen - Bleiben - Zurückkehren

    Positionen zur Arbeitsmigration im Raum Ex-Jugoslawien
    Edition Art Science 2012
    356 Seiten, 20 Euro

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      Einer Putzfrau sieht man nicht unbedingt an, dass sie jeden Tag von einem Lebensabend in einem selbst gebauten Haus im eigenen Land träumt, unter einem Dach vereint mit ihren Kindern und Kindeskindern.

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