Staatsanwaltschaft fordert drei statt sieben Jahre Haft für Pussy Riot

Schlussplädoyer: Frauen sollen "von Gesellschaft isoliert" werden - Madonna setzt sich für Punkband ein

Moskau - Im umstrittenen Prozess gegen die Punkband Pussy Riot hat die Staatsanwaltschaft jeweils drei Jahre Haft wegen Rowdytums aus religiösem Hass für die drei Angeklagten gefordert. Die Frauen hätten die Gefühle von Gläubigen absichtlich und grob verletzt, sagte der Staatsanwalt am Dienstag vor dem Chamowniki-Gericht in Moskau. Mit dem beantragten Strafmaß blieb die Anklage unter der Höchststrafe von sieben Jahren Lagerhaft.

Ihr Vergehen, ein gegen den damaligen Ministerpräsidenten Wladimir Putin gerichtetes Lied in einer Kirche zu singen, sei so "schwer", dass sie "von der Gesellschaft isoliert" werden müssten und es einen "echten Entzug von Freiheit" geben müsse, fügte Staatsanwalt Alexej Nikiforow in seinem Schlussplädoyer bei der live im Internet übertragenen Sitzung hinzu. Er warf den Angeklagten vor, "eine sorgfältig geplante Provokation" begangen und auf Konfrontation zur "orthodoxen Welt" gegangen zu sein. "Mit ihren Untaten haben sie den Gläubigen Schmerzen bereitet", so der Staatsanwalt laut Nachrichtenagentur RIA Novosti. Nach seiner Ansicht sei eine Besserung der Angeklagten ohne Freiheitsstrafe nicht möglich.

Die Frauen - zwei von ihnen Mütter kleiner Kinder - hatten die Vorwürfe als absurd und unrechtmäßig zurückgewiesen. Die Musikerinnen hatten ihren etwa einminütigen Protestauftritt gegen Putin und Patriarch Kirill in der wichtigsten russischen Kathedrale vor Gericht als politische Aktion verteidigt. Das "Punk-Gebet" in der Moskauer Erlöserkathedrale sei politische Empörung mit künstlerischen Mitteln gegen Putins autoritären Stil gewesen, betonten die drei Frauen. Maria Aljochina (24), Nadeschda Tolokonnikowa (22) und Jekaterina Samuzewitsch (29) hätten die Gefühle russisch-orthodoxer Christen mit der Aktion am 21. Februar nicht verletzen wollen.

"Maria, Mutter Gottes - vertreibe Putin!"

Maskiert und in bunten Gewändern hatten die Musikerinnen kurz vor der Präsidentenwahl im März in der Erlöserkathedrale in Moskau unter anderem, "Maria, Mutter Gottes - vertreibe Putin!" gesungen. Und: "Der Patriarch glaubt an Putin. Es wäre besser, er würde an Gott glauben, der Hund."

Putin, der inzwischen wieder Präsident ist, hatte sich zuletzt für ein "mildes Urteil" gegen die Frauen ausgesprochen. Zwar sei "an dem, was sie getan haben, nichts Gutes dran", er "denke dennoch nicht, dass sie allzu hart dafür bestraft werden sollten", sagte Putin. Auch die russisch-orthodoxe Kirche schlug daraufhin unerwartet mildere Töne an.

Menschenrechtler und unabhängige Juristen sowie die russische Opposition sprechen von einem beispiellosen Justizskandal in der jüngeren Geschichte des Landes. Die Menschenrechtsaktivistin Ljudmilla Alexejewa nannte das Plädoyer des Staatsanwalts eine "Schande". Wenn die drei Musikerinnen nicht freikämen, wäre das eine "Schande für Russland und die gesamte orthodoxe Kirche", fügte sie hinzu. Die Frauen sind von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International als politische Gefangene anerkannt.

Künstler wie Sting, die Band Franz Ferdinand, Jarvis Cocker und Kate Nash hatten "Freiheit für Pussy Riot" gefordert. Auch Staatssekretär Wolfgang Waldner (ÖVP) verlangte die sofortige Freilassung der Frauen. Der Vorsitzende der sozialdemokratischen Fraktion im EU-Parlament, Hannes Swoboda, übte scharfe Kritik an russischer Justiz und Regierung. Die österreichischen Grünen sprachen sich für die Entsendung von unabhängigen Beobachtern zum Prozess aus, nachdem die Angeklagten sich über zu wenig Schlaf und Essen beklagt hatten. In einem gemeinsamen Brief an den russischen Botschafter in Berlin haben 121 Abgeordnete aller deutschen Bundestagsparteien gegen drohende Haftstrafen für Mitglieder der Punkband Pussy Riot protestiert.

Unterstützung von Madonna

Unterstützung für die Punkband bekundete auch Madonna, die am Dienstagabend in Moskau auftreten soll. Madonna sagte bei ihrer Ankunft auf dem Moskauer Flughafen, sie hoffe, dass die drei Frauen nicht länger im Gefängnis bleiben müssten. Sie sei schon immer gegen Zensur und für Rede- und Meinungsfreiheit gewesen. Religiöse Vertreter kündigten daraufhin lautstarke Proteste gegen ihre Konzerte an. Ein Sprecher der Union Orthodoxer Bannerträger - eine für ihre politischen Kampagnen bekannte Unterstützergruppe der Kirche - warf Madonna vor, sich in Russlands innere Angelegenheiten einzumischen und Druck auf die Justiz auszuüben. "Es steht nicht in unserer Macht, ihre Konzerte zu untersagen, aber die Behörden, die sich orthodox positionieren, sind aufgefordert, es zu tun." (APA, 7.8.2012)

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