"Bäcker werden immer mehr zu Spekulanten"

6. August 2012, 18:08
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Backwaren werden im Herbst wegen Ausgaben für Löhne und Energie teurer. Die Schmerzgrenze der Kunden gilt als erreicht

Wien - "Wir Bäcker werden immer mehr zu Spekulanten", sagt Wolfgang Maurer. Er selbst habe jüngst Glück gehabt und sich bis September gute Mehlpreise vertraglich sichern können. Von aktuellen Turbulenzen rund um Getreide-Missernten und der damit verbundenen Preishausse sei er daher derzeit noch verschont. Ab Herbst jedoch werde auch alles Verhandlungsgeschick nicht mehr helfen.

Der Chef der Wiener Bäckereikette Schwarz und Vorstandschef der Einkaufsgenossenschaft Bäko rechnet damit, die Preise für Brot und Gebäck um drei bis sechs Prozent anheben zu müssen. Etliche Mitbewerber sprechen von ähnlichen Anpassungen. Maurer: "Die Kalkulationen sind derart knapp - kein Betrieb kann es sich leisten, die Mehrkosten zu schlucken."

Es sind die mageren Getreideerträge in Österreich, den USA und der Schwarzmeerregion, die Debatten um Lebensmittelpreise neu anfachen. Die Ernte sei weit unter dem Zehnjahresschnitt. Aufgrund der wachsenden Weltbevölkerung steige der Bedarf stetig, heuer drohe international eine starke Unterversorgung, sagt Ernst Gauhs, Manager der Raiffeisen Ware Austria.

Markt macht Sprünge

So mancher Landwirt steht vor Verlusten. Die Preise für Weizen jagten im Vergleich zum Vorjahr, in dem in Österreich Rekordernten eingefahren wurden, um bis zu einem Drittel nach oben.

Seit 2007 ist der Markt von großen Sprüngen nach oben und unten geprägt. Die Bauern haben gelernt, damit umzugehen, ist Franz Sinabell, Experte des Wirtschaftsforschungsinstituts überzeugt: Lager würden aufgebaut, Preise auf Terminmärkten abgesichert. Alle Möglichkeiten stehen ihnen offen, sagt Gauhs. Hier werde im Kleinen spekuliert, gepokert und die Unsicherheit auf den Märkten zusätzlich verstärkt, klagen hingegen österreichische Rohstoffeinkäufer.

Eine genaue Übersicht über die Getreidebestände fehlt noch, dennoch zeichnen sich Preiserhöhungen von mehr als 15 Prozent beim Mehl ab, erzählen Müller. Der Getreidepreis macht in der Regel 70 bis 75 Prozent ihrer Kosten aus.

"Schlaflose Nächte" bereite ihm das nicht, sagt Martin Auer, Chef des gleichnamigen Grazer Bäckereifilialisten. Viel entscheidender seien die Personalkosten, die rund 44 Prozent der Gesamtkosten ausmachen. Er fürchte, dass bei den Lohnrunden im Herbst nicht wirklich viel drinnen sei. "Wir können allein die Inflationsrate abgelten", ergänzt Maurer. Heuer stiegen die Gehälter um 3,5 Prozent.

Auer hat seine Waren seit April 2011 nicht mehr verteuert, wie er sagt. Um Preiserhöhungen in "hoffentlich kleinem Umfang" komme er daher nicht mehr herum. Zumal sich die Branche auch mit um fast einem Drittel teureren Eiern herumschlägt und demnächst höheren Preisen für Zucker und Öle.

Geringer Einfluss des Weizen

Bei Mischbrot machen die Kosten für Weizen lediglich 5,9 Prozent des Gesamtpreises aus, errechnete die Landwirtschaftskammer. Bei Semmeln seien es 4,8 und beim übrigen Gebäck 1,4 Prozent. "Um nur einige Cent" dürften sie sich daher in Folge der Getreideengpässe verteuern, schließt Günter Rohrer, Referatsleiter der Kammer daraus. Auslöser dafür, dass die Konsumenten bald wohl noch mehr für Backwaren berappen müssen, seien vielmehr die höheren Gehälter und Energiekosten.

Dass die Bäcker die Preise angesichts steigender Kosten gern sofort anheben, umgekehrt aber selten nach unten revidieren, wie Sinabell sagt, weist Klaus Bernhard, zurück. "Keiner erhöht mutwillig die Preise", meint der Obmann der Vereinigung der Backbranche, das lasse schon der Wettbewerb nicht zu. Das Gewerbe stehe unter enormem Kostendruck, das Eigenkapital sei meist bescheiden.

Branchenkollegen sehen vor allem die Schlinge um mittelständische Handwerksunternehmer enger werden. Für viele Österreicher sei die Schmerzgrenze beim Brotpreis erreicht. Bis zu fünf Euro für den Kilo hinzulegen, könnten und wollten sich nur wenige leisten. Darunter schafften es jedoch kleinere Betriebe kaum mehr, zumindest nicht ohne sich selbst auszubeuten, so der Tenor. Das Sterben der Bäcker sei nicht aufzuhalten. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 6.8.2012)

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    Der Griff zum Brot kann teurer werden.

  • Den Löwenanteil der Kosten machen dabei Personalkosten aus.
    grafik: der standard

    Den Löwenanteil der Kosten machen dabei Personalkosten aus.

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