Das Pickerl für sekundenschnelle Trades

7. August 2012, 05:30
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Jedes zweite Aktiengeschäft läuft ohne menschliche Beteiligung ab, der profitträchtige Hochfrequenz-Handel hat aber Schwachstellen

Wenn der Computer entscheidet, mag zwar oft der Mensch dahinter stehen, die Folgen aber nicht verstehen. So könnte man zusammenfassen, was dem US-Aktienhändler Knight Capital vergangene Woche passiert ist. Eine neue Software kaufte Papiere zu überhöhten Preisen und brachte das Unternehmen mit 440 Millionen Dollar Verlust an den Rand der Insolvenz. Nur Geldspritzen anderer Finanzhäuser konnten diese abwenden. Der eigentlich profitträchtige Hochfrequenzhandel hat damit nicht zum ersten Mal seine Achillesferse gezeigt.

Da im Falle von Knight Capital oder des zum Fiasko geratenen Börsengangs von BATS Global Markets kein Mensch auf den "Verkaufen"-Button gedrückt hat, orten Kritiker eine zu lasche Aufsicht und fordern Abhilfe. Wenn es Autos gebe, die selbstständig Hindernisse erkennen und anhalten können, dann "brauchen wir derartige Kontrollen" auch für die Finanzmärkte, sagt Bernard Donefer, der an der NYU Stern Graduate Business School unterrichtet. Und für Joachim Nagel, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, verdichten sich die Anzeichen, dass sich der Hochfrequenzhandel "insbesondere in sehr volatilen Marktsituationen als heikel - im Sinne einer zusätzlichen Marktdestabilisierung - erweisen könnte".

Menschliche Beteiligung unerwünscht

Wie wichtig Kontrolle wäre, deutet das Volumen der von Computern gehandelten Wertpapiere an. Prinzipiell hat ein Marktteilnehmer drei Möglichkeiten, große Orders auszuführen. Die wären: 1.) Engagieren eines Brokers, der die Transaktion vermittelt und überwacht. 2.) Der Käufer oder Verkäufer führt die Transaktion selbst aktiv durch. 3) Ein Computer entscheidet gemäß Programmierung, wann gekauft oder verkauft wird.

Wer denkt, dass die Varianten eins und zwei den größten Teil der Geschäfte ausmachen, irrt. In den USA passieren drei Viertel, an der Deutschen Börse 50 Prozent der Aktiengeschäfte ohne menschliche Beteiligung. Grund dafür ist vor allem die unglaubliche Reaktionsgeschwindigkeit, mit der die Computerprogramme aufwarten. Dabei schöpfen sie pro Trade - hier wird in Millisekunden gemessen - kleinste Gewinne ab, die aber aufgrund ihrer schieren Zahl zu ordentlichen Profiten anwachsen können. Zudem sorgen sie mit ihrem unermüdlichen Stellen von Aufträgen für Liquidität im Markt, hat man dadurch als Käufer oder Verkäufer doch immer einen Handelspartner.

Milliarden "Spam-Mails"

Dem gegenüber stehen die Kritiker. Erst vor kurzem hat eine Umfrage unter britischen Vermögensverwaltern und Pensionsfonds ergeben, dass eine Mehrheit möglichen positiven Aspekten des Hochfrequenzhandels sehr skeptisch gegenübersteht. Ein Grund hierfür sind Scheinangebote - die die Bereitschaft zum Kauf oder Verkauf eines Papiers austesten - und die Bundesbanker Vogel mit Spam-Mails vergleicht: Für den Sender seien sie "praktisch kostenlos, für den Empfänger jedoch nicht. Weiterleitung und Verarbeitung dieser Datenmengen verursachen für Börsen und Marktteilnehmer große Probleme und hohe Kosten."

In den USA beispielsweise ergab laut Deutscher Bundesbank eine Auswertung aller Handelstage an der New Yorker Börse von Anfang 2007 bis September 2011, dass auf 535 Milliarden Angebote für sämtliche dort gelisteten Aktien lediglich 35 Milliarden echte Transaktionen kamen.

Technikgläubigkeit herrscht vor

"Ein Weckruf" ist die Misere für den Chef der New Yorker Börse, Duncan Niederauer, nun spätestens mit dem Desaster von Knight Capital. Der ehemalige Goldman-Sachs-Banker ist seit 2007 Chef des Börsenbetreibers NYSE Euronext und macht sich nun aufrichtig Sorgen um das Finanzsystem: "Es herrscht die Annahme vor: Wenn etwas schneller ist, ist es besser. Geschwindigkeit ist aber nicht immer besser." Die unglaublich komplizierte Marktstruktur mit dutzenden Handelsplätzen und unterschiedlichen Handelsregeln durchschaue kein Investor mehr. Es sei nun die Aufgabe der US-Wertpapieraufsicht SEC (Securities und Exchange Commission), Abhilfe zu schaffen.

Die SEC selbst sieht aber keinen Handlungsbedarf. Die 2011 in Kraft getretene "market-access-rule", die verpflichtende Risikokontroll-Systeme vorschreibt, reiche aus. Dass die Zügel so zahm zu sein scheinen, liegt mit an der weit verbreiteten Technologiegläubigkeit. Wenn es Computer besser können, warum soll man sie dann daran hindern, lautet das Motto der Befürworter. So spricht Frank Gerstenschläger, im Vorstand der Deutschen Börse für das Wertpapiergeschäft zuständig, vom natürlichen Fortschritt der Technik. Er wird von der "FAZ" wie folgt zitiert: "Wir sind der Meinung, dass Hochfrequenzhandel beherrschbar ist und von unseren Systemen auch beherrscht wird."

Computer schaut auf Computer. Das gilt auch räumlich. Denn an den Börsen selbst trifft man in der Regel keine Mitarbeiter der Hochfrequenzhändler an. Ganz einfach, weil ihre Anwesenheit nicht gebraucht wird. Den direkten Draht zum Handelsplatz brauchen nur die Rechenmaschinen, die in den Börsengebäuden aufgestellt sind. "Direkt" ist hier wörtlich zu nehmen, weil jeder Meter Entfernung vom Börsenserver - über den die Transaktionen letztlich laufen - Zeit und damit Geld kostet. An der Börse in Frankfurt beispielsweise haben die Computer von mehr als 140 Handelshäusern - Hochfrequenzspezialisten wie klassische Banken - ihre Heimstatt. In London macht man den Draht selbst zu Geld. Innerhalb des börseneigenen Rechenzentrums werden die schnellsten Leitungen versteigert.

Aufseher wachen auf

Technisch wird also alles dafür getan, den Handel schneller zu machen. Ihn sicherer zu machen ist der nun folgende notwendige Schritt. "Die Branche weist ein hohes Maß an Intransparenz auf und ist nicht nur für Außenstehende, sondern auch für Regulierer teilweise schwer zu überblicken", sagt Bundesbanker Nagel. Das gibt auch der Branchenverband EPTA zu. Zudem hätten die neuen Handelsprogramme "neue Risikoquellen" mitgebracht. Das Heil sucht EPTA aber wiederum in Computerprogrammen, die den "technologischen Wandel" überwachen müssten. Immerhin schließt man aber nicht aus, dass aufgrund des Knight-Capital-Dramas bestehende "Empfehlungen" ergänzt werden.

Keine "Empfehlungen", sondern neue Regeln diskutiert man indes in Europa seit geraumer Zeit. Die Finanztransaktionssteuer ist so ein Fall, den es im Euroraum bisher erst in Frankreich gibt. Die Hinterlegung der eingesetzten Algorithmen bei Aufsichtsbehörden ist ein weiterer Punkt, der beispielsweise in Deutschland diskutiert wird. Das Aussetzen des Handels bei zu großen Kursausschlägen steckt auch im potenziellen Regulierungsköcher der Behörden dies- und jenseits des Atlantiks.

Die Möglichkeiten sind vielfältig, die Realisierung lässt auf sich warten. Gelingt den Aufsehern dieses Kunststück, dann kann computergesteuerter Aktienhandel gut für die Wirtschaft sein. Auf dass Technologie in der Finanzwelt so viel bringt wie im Auto - und so gut kontrolliert ist wie vom TÜV. (Hermann Sussitz, derStandard.at, 7.8.2012)

Wissen

Die größten Spieler der Branche kommen aus den USA - wie Knight Capital -, aber auch aus London und Amsterdam. Von den 22 Anbietern, die sich im europäischen Branchenverband EPTA sammeln, kommt nur einer aus Deutschland, keiner aus Österreich.

Anlass für die bestehenden SEC-Regeln war vor allem der "Flashcrash", der im Mai 2010 den Dow Jones kurzfristig um mehr als 1.000 Punkte abschmieren ließ. Ausgelöst von einem Algorithmus, einer programmierten Handlungsvorschrift, brachten massive Verkäufe eines Investmentfonds andere Handelscomputer dazu, ebenfalls zu verkaufen.

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    Computer HAL 9000 hat in Stanley Kubricks Film "2001: A Space Odyssey" selbstständig Entscheidungen getroffen. Die Maschine wollte damit gar nicht aufhören.

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