Strommangel trotz Atomkraft in Südkorea

Es zeigen sich die Unterschiede der Energiepolitik Japans und Südkoreas: Japan schafft es fast ohne Atomkraft, Südkorea muss alte Meiler aktivieren

Ostasiatisches Kontrastprogramm: Japan schafft es, fast ohne Atomkraft durch die Sommerhitze zu kommen. In Südkorea hingegen musste der staatliche Stromkonzern Kepco am Montag offiziell die Bewohner des Landes zum Stromsparen auffordern. Weil selbst mit Atomkraftwerken (AKW) der Strom knapp wurde, drohten Stromausfälle wie zuletzt im September 2011.

Südkoreas alte Meiler

Die Regierung brachte daher gegen Sicherheitsbedenken der Bevölkerung sogar einen alten Meiler im AKW Gori wieder ans Netz, der im März nach Problemen abgeschaltet worden war. "Wir sind erleichtert, dass der Gori-Reaktor wieder neu startet", sagt Südkoreas Minister für die Wissenswirtschaft, Hong Suk-woo.

Südkoreas Problem ist, dass Südkoreas chronisch klammer Stromkonzern Kepco nicht schnell genug neue Kraftwerke bauen kann, um die explodierende Stromnachfrage zu befriedigen. In den letzten 20 Jahren hat sich Südkoreas Stromverbrauch fast vervierfacht, der Aufstieg zu einer Industrienation ist ein Grund dafür. Ein anderer ist, dass die Regierung Strom unter den Herstellungskosten verkaufen lässt, um die Wettbewerbsfähigkeit seiner energiehungrigen Exportindustrie zu stärken und die Haushaltskasse seiner Bürger zu schonen. Nach Angaben Tepcos machte die Strompreislücke 2011 bei Unternehmen 12,5 Prozent und bei Privatkunden 11,7 Prozent aus.

Mit dieser Preispolitik hat die Regierung allerdings auch Stromverschwendung gefördert. Besonders schwierig ist die Befriedigung der Spitzenlast, die anders als in Japan nicht nur im heißen Sommer auf extrem hohe Spitzenwerte steigt, sondern auch im kalten Winter.

Um den Stromverbrauch einzuschränken, hat die Regierung vorige Woche zum zweiten Mal seit Ende 2011 einer Strompreiserhöhung von im Schnitt 4,9 Prozent zugestimmt. Kepco wird sich freuen, denn dadurch werden die hohen Verluste gelindert. Wegen der hohen Preise für fossile Brennstoffe explodierte Kepcos Reinverlust im vergangenen Quartal auf 1,5 Milliarden Euro, rund 48 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Doch während Südkorea wegen seiner Stromnot hartnäckig an Atomkraft festhält, beginnt in Japan nach der Atomkatastrophe von Fukushima im März des Vorjahres eine ernsthafte Diskussion über einen Ausstieg aus der Nuklearenergie.

Japans Energiezukunft

Die Regierung hat den Japanern drei energiepolitische Zukunftsvisionen vorgestellt, die derzeit von den Bürgern bei Veranstaltungen im ganzen Land diskutiert werden: ein Ausstieg, eine Reduzierung von Japans Atomstromanteil von 30 Prozent vor der Krise auf 15 Prozent im Jahr 2030 oder auf 25 Prozent.

In dieser Diskussion hat Japans Ministerpräsident Yoshihiko Noda in Hiroshima am Jahrestag des Atombombenabwurfs erstmals erklärt, dass er anordnen will, auch die Konsequenzen eines Ausstiegs genau zu durchdenken. Er deutete sogar, dass die Regierung ihre für Ende August geplante Entscheidung über Japans energiepolitische Zukunft verschieben könnte.

Noda reagiert damit auf den Gegenwind für seine von der Wirtschaft bejubelte Politik, zur Linderung der Stromnot mehr AKWs ans Netz zu bringen. In den ersten elf Anhörungen seit Mitte Juli haben sich nach Angaben der Regierung rund 70 Prozent Teilnehmer für die Null-Prozent-Option ausgesprochen. (Martin Kölling aus Tokio, DER STANDARD, 7.8.2012)

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