Hintergründiger Humor

Analyse7. August 2012, 09:00
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Politisch unkorrekt und oftmals überzeichnet und klischeebehaftet: Stand-up-Comedians mit "Migrationshintergrund" sprechen ein breites Publikum an

Von einem Lacher zum Nächsten, so lautet wohl die Devise, die heute zahlreiche Menschen in große und kleine Säle lockt. Stand-up-Comedy-Shows gibt es mittlerweile reichlich; ganz in amerikanisch-britischer Tradition und trotzdem etwas anders als die "Spaßmacher" vergangener Tage. Mittlerweile hat sich eine inhaltlich versierte und auf kommerziellen Erfolg ausgerichtete Comedian-Riege entwickelt, die mit dem Zusatz "mit Migrationshintergrund" großen Publikumszuspruch erntet.

Omid Djalili - Nigerian Accent

Gegen Stereotypisierung und Vorurteile

Die Liste der neuen "migrantischen" Stars ist lang: Sie reicht von Amerika über Großbritannien bis hin nach Deutschland und auch nach Österreich, wenn auch in einem weitaus kleineren Maße. Dave Chappelle, Omid Djalili und Russell Peters sind weltbekannte Beispiele dafür. Doch was macht diese Stand-up-Künstler eigentlich aus? In bester "Comedy-Manier" kommen Erfahrungen und Eindrücke über Rassismus, kulturelle Selbst- und Fremdzuschreibung und Stereotypisierung zum Tragen. Der Hintergrund wird in den Vordergrund gedrängt. Alles politisch unkorrekt - und oftmals überzeichnet und klischeebehaftet.


Max Amini - Iranian Mom´s

"Achse des Bösen"

Die "Axis of Evil Comedy Tour" ist ein Beispiel dafür. Der bekannte, politisch brisante Satz des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush diente als Vorlage für diese Show - besetzt mit Maz Jobrani (iranischer Herkunft), Ahmed Ahmed (ägyptische Wurzeln) sowie Aron Kader und Dean Obeidallah (beide palästinensischer Herkunft). Die Show behandelt vor allem politische Themen rund um den islamistischen Terrorismus, Religion und alltägliche Erfahrungen in der US-amerikanischen Gesellschaft.

"Chappelle's Show"

Der wohl bekannteste afroamerikanische Comedian, der gleichzeitig mit seinen Shows und "Stand-ups" große Teile der amerikanischen Bevölkerung anspricht, ist Dave Chappelle. In der Tradition von Eddie Murphy in den 1980ern und vor allem Richard Pryor in den 1970ern arbeitet der 38-jährige die Stereotypisierung und den Rassismus gegenüber der schwarzen Bevölkerung in Amerika Stück für Stück auf. Dabei gelingt ihm das Wandeln auf dem schmalen Grat zwischen Selbstironie und brutaler Überzeichnung. Die Auftritte werden von vielen TV-Anstalten ausgestrahlt, die Shows sind bestens besucht, das Publikum kulturell durchmischt. Im November 2008 moderierte Chappelle die Sendung zum 200. Jubiläum des prestigereichen TV-Formats "Inside the Actors Studio" und interviewte den eigentlichen Gastgeber der Sendung, James Lipton.

 

Dave Chappelle - Open Racism

Ein weit über die britischen Grenzen hinaus bekannter Stand-up-Comedian ist der iranischstämmige Schauspieler Omid Djalili. In seinen breitenwirksamen Auftritten und Shows behandelt er, nach britischer Tradition, kulturelle, religiöse und stereotypisierende Aspekte des Miteinanders in der britischen Einwanderungsgesellschaft. Seine ersten Erfolge konnte er 1995 mit seinen beiden Programmen "Short, Fat Kebab Shop Owner's Son" und "The Arab and the Jew" verbuchen. Heute werden seine Auftritte vom öffentlich-rechtlichen Sender BBC 1 und weltweit ausgestrahlt.

Ausverkaufte Arenen

In Kanada hat sich der Indo-Kanadier Russell Peters einen Namen gemacht. Der 41-jährige Comedian, der seit 1989 aktiv ist, beschäftigt sich in seinen Auftritten mit Multikulturalismus und der indischen Kultur in und um das Herkunftsland seiner Eltern. Dabei hat er bereits mehrere Verkaufsrekorde gebrochen: Kanadischen Medienberichten zufolge war er der erste Comedian, der mehr als 16.000 Karten an nur zwei Tagen für seinen Auftritt im Air Canada Centre verkaufen konnte. Einen ähnlichen Erfolg verbuchte er in Australien, wo er im Mai 2010 laut Lokalpresse die "größte Stand-up-Comedy-Show in der australischen Geschichte" veranstaltete.

 

Growing Up in America

Lange Liste an Comedians

Weitere bemerkenswerte Beispiele sind der mexikanischstämmige Schauspieler und Comedian George Lopez in den USA; Kaya Yanar aus Deutschland oder auch der Österreicher Michael Niavarani. Darüber hinaus haben sich in den vergangenen Jahren weitere medial bekannte Künstler etabliert. Ferner sind eine ganze Reihe von Comedians und Satirikern der Kategorie politische Satire zuzuordnen: "Meine türkischen Eltern sind so integriert, die fahren sogar nach Griechenland in den Urlaub", beschreibt etwa der deutsch-türkische Kabarettist Serdar Somuncu sein Elternhaus.

Russell Peter - Canadian Citizen

Das "Geschäft" mit der eigenen Herkunft ist allerdings durchaus kritisch zu betrachten. Denn der Anspruch, Menschen zum Lachen zu bringen, sollte nicht dazu dienen, die eigene Kultur, Herkunft oder Religion um den Preis der temporären Medienpräsenz zur totalen Lachnummer verkommen zu lassen. Das passiert nur in den allerseltensten Fällen. Trotzdem könnten somit auch Denkmuster weiterhin medial reproduziert werden. Schließlich ist die beste Form der Satire wohl jene, in der mehrere Zugänge parodistisch aufgezeigt werden und in der es möglich ist, die Facettenvielfalt des Künstlers zu entdecken. Andererseits ist gerade die in Deutschland praktizierte "Ethno-Comedy" von besonderer Bedeutung, da sie der trockenen Integrationsdebatte in parodistischer Art und Weise die Stirn bietet. Dies hat auch Auswirkungen auf Österreich. (Toumaj Khakpour, daStandard.at, 7.8.2012)

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    Der iranischstämmige Schauspieler Omid Djalili (Mitte) bei der Premiere seines Films "The Infidel".

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