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"Alkoholsucht ist etwas, das jeden treffen kann", sagt Simon.
Simon ist 28 Jahre alt und trockener Alkoholiker. Mit 18 Jahren begann er beim Bundesheer das "Kampftrinken" und Alkohol als Therapiemethode einzusetzen. Nach einer gescheiterten Beziehung etwa trank er bis zu einem Sixpack täglich - wenn es sein musste auch alleine. Acht Jahre lang hatte er seinen Umgang mit Alkohol nicht im Griff. 2010 holte er sich Hilfe und besuchte eine Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes, wo er noch immer ehrenamtlich tätig ist und auch Jugendliche über seine Geschichte aufklärt.
derStandard.at: Sie sind seit mehr als zwei Jahren trocken. Wie hart war der Kampf gegen den Alkohol?
Simon: Es war schon hart, aber in der Zeit ist auch privat viel passiert. Das geht meistens Hand in Hand. Damals bin ich jeden Dienstag in der Früh mit dem Gedanken aufgewacht, mich heute zu betrinken. Und jeden Dienstagabend war das Treffen der Selbsthilfegruppe und somit habe ich es geschafft, durchzuhalten. Ich bin einer von zwei oder drei Personen in der Gruppe, die den Entzug ohne stationären Aufenthalt geschafft haben.
derStandard.at: Wie lange hat der innere Kampf gedauert?
Simon: Akut hat er ein halbes Jahr gedauert. Ein Jahr lang erlebte ich zahlreiche Situationen das erste Mal ohne Alkohol, wie Grillen im Sommer oder Urlaub am Strand. Im Urlaub auf Thailand hat sich meine Freundin damals einen Cocktail und ich einen Fruchtsaft bestellt. Obwohl ich gar keinen Alkohol trinken wollte, hatte ich den Gedanken: "Jetzt kann ich nicht." Mir wurde klar, dass ich mich umgewöhnen und manche Situationen neu belegen muss. Ich habe allerdings kein Verlangen mehr.
derStandard.at: Gibt es trotzdem noch Versuchungen im Alltag?
Simon: Nein. Ich bin ein sturer Hund. Ich habe mir den Entzug in den Kopf gesetzt und dabei bleibe ich. Zwar wollen mich noch immer Menschen - aus den besten Absichten heraus - motivieren, etwas zu trinken, aber in Versuchung bin ich nicht mehr geraten. Komisch ist allerdings, dass mir die Leute ein Bier anbieten, obwohl ich keinen Alkohol trinke. Ist jemand Nichtraucher, wird ihm auch keine Zigarette gegeben.
derStandard.at: Wann wurden Sie sich bewusst, dass Sie ein Alkoholproblem haben?
Simon: Gedacht habe ich es mir schon länger. Ich habe zwar nie getrunken, um im Alltag zu funktionieren, ich hatte auch keine zitternden Hände, aber wenn ich getrunken habe, dann bis es die Glühbirne zerreißt. Ich kann mich an keinen einzigen Rausch in den fünf Jahren vor dem Entzug erinnern. Ich hatte immer einen Filmriss. Schließlich habe ich versucht, alleine aufzuhören. Das hat mehrere Monate funktioniert, weil ich nie das Verlangen hatte, zu trinken. Von Jänner bis Mitte März 2010 hatte ich allerdings private Probleme und bin bei jeder Gelegenheit fortgegangen.
Am 13. März hatte ich schließlich während eines Rausches einen hellen Moment, für den ich dankbar bin. So habe ich mitbekommen, dass ich innerhalb weniger Sekunden grundlos aggressiv wurde und meine damalige Freundin schlimm beleidigte. Da wusste ich, dass ich Hilfe brauche. Zwei Tage später war ich bei der Selbsthilfegruppe und bin seitdem trocken. Ich sehe noch immer den Gesichtsausdruck meiner Freundin vor mir und ich will nicht, dass mich jemand jemals wieder so ansieht.
derStandard.at: Sie haben vorher erwähnt, dass Sie weder Therapie noch stationären Aufenthalt für Ihren Entzug benötigten. Was hat Ihnen geholfen?
Simon: Ich bin nur in die Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes gegangen. Man glaubt gar nicht, wie wichtig es ist, dass regelmäßig jemand zuhört, wie es einem geht. Dort gibt es eine Gruppe Menschen, vor denen man sich nicht genieren muss. Man kann über alles reden, sei es über Alkohol oder alltägliche Probleme. Man darf sich so eine Selbsthilfegruppe auch nicht wie im Film vorstellen. Bei uns muss man nicht aufstehen und "Ich bin ein Alkoholiker" sagen. Man sitzt einfach in der Runde auf Sofas und plaudert mit Menschen aller Bevölkerungsschichten, die Ähnliches durchgemacht haben.
derStandard.at: Wie hat Ihre Familie auf den Entzug reagiert?
Simon: Meine Mutter hat vor lauter Freude eine Kiste Clausthaler gekauft. Da musste ich ihr sagen, dass ich das zwar nett finde, aber selbst im alkoholfreien Bier Alkohol enthalten ist. Wenn man Alkoholiker ist, soll man es nicht trinken. Die Flasche, der Geschmack, der Geruch und die Handhabung sind rückfallverstärkend. Meine Schwester war auch begeistert. Die hat mitbekommen, wie ich beim Fortgehen drauf sein konnte. In Wahrheit wussten alle, dass ich ein Problem habe, aber es ist schwer, jemanden darauf anzusprechen. Die Betroffenen verstärken sich oft in ihrer eigenen Situation und suchen Ausreden. Solange man nicht selbst weiß, dass man ein Problem hat, kann fast niemand helfen.
derStandard.at: Wie soll man aber reagieren, wenn man jemanden im Freundeskreis hat, bei dem man eine Alkoholsucht befürchtet?
Simon: Wenn man Charme und Eloquenz besitzt, sollte man ein Gespräch suchen. Wenn man diese beiden Dinge nicht besitzt, dann sollte man am besten beim Blauen Kreuz anrufen und mit jemandem sprechen, der sich damit besser auskennt als ich.
derStandard.at: Laut der Studie "Jugendliche Alkoholszenen: Kontexte, Trinkmotive, Prävention" ist der Alkoholkonsum Jugendlicher in den vergangenen 20 Jahren nicht angestiegen, sehr wohl aber das Einstiegsalter gesunken. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Simon: Ich denke, dass Jugendliche schneller alt werden. Ich hatte mit elf oder zwölf Jahren nicht die technischen Möglichkeiten, wie sie die Kinder heutzutage haben. Computer und Smartphones sind Utensilien, die schon früh in Kinderhände geraten und damit steht ihnen die Tür des Internets weit offen. Damit werden sie früher erwachsen oder glauben es und erheben somit auch Ansprüche. Das betrifft etwa die Ausgehzeiten. Ich durfte erst mit 14 oder 15 Jahren länger fortgehen. Heute passiert das mit 12.
Außerdem gehört Alkohol zu unserer Jugendkultur. Die Erfahrung meiner Jugend am Land ist, dass es nicht viele Freizeitmöglichkeiten gibt. In meiner Freizeit hätte ich zur Feuerwehr gehen können, dort wird getrunken. Ich hätte zur Blasmusik gehen können, dort wird getrunken und im Sportverein gibt es auch Alkohol. Das Aufnahmeritual bei den Jungburschen in unserem Ort ist, dass man sich auf einen Tisch stellt und aus einem Zwei-Liter-Stiefel trinkt. Die Burschen sind fünfzehn oder sechzehn Jahre alt.
derStandard.at: Im Zuge Ihres Engagements beim Blauen Kreuz besuchen Sie auch Schulklassen und sprechen dort über das Thema Alkohol und Sucht. Welche Erfahrungen konnten Sie dabei sammeln?
Simon: Es kann sich niemand vorstellen, dass Alkoholsucht jeden treffen kann. Deshalb versuche ich, meine Geschichte in Antworten miteinzubauen. Vor allem Teenager fühlen sich unverwundbar und wissen alles. Diese Arroganz ist toll, weil man dieses Gefühl nie wieder hat.
Darum können sie sich aber auch nicht vorstellen, dass man mit 26 Jahren sagt, dass man Alkoholiker ist und nicht kontrollieren kann, wenn man trinkt. Gerade jüngere Menschen geben sofort an, kein Problem mit Alkohol zu haben, wenn sie hören, dass sie dann nie wieder was trinken dürfen. Im Gespräch würden sie allerdings vielleicht herausfinden, dass sie kein Problem haben und ihnen nur Ausrutscher passiert sind. Ich will in den Schulen erreichen, dass die Teenager das Thema nicht so todernst sehen und wissen, dass sie darüber reden können.
derStandard.at: Ab wann sollte man sich Ihrer Meinung nach Hilfe suchen?
Simon: Wenn man selber bereits darüber nachdenkt, dass man ein Problem hat, dann ist es auf jeden Fall so weit. Hilft es nichts, schadet es auch nicht. Entweder man hat durch ein Gespräch in einer Beratungsstelle herausgefunden, dass man kein Problem hat oder man weiß, dass man noch einmal kommen sollte. Außerdem sollte man auf die Leute hören, die einem nahe stehen. Oft ist es so, dass man sich mit den Leuten nicht mehr versteht. Alkohol ist wesensverändernd. Man beginnt, sie anzulügen und vor allem sich selbst zu belügen. Es gibt auch eine Checkliste, die man online abrufen kann. Die ist ein gutes Hilfsmittel.
derStandard.at: Ist man ein Leben lang Alkoholiker?
Simon: Ja, in meinen Augen schon. Es gibt sicher Alkoholiker, die sagen, dass sie kein Problem mehr haben. Finde ich beneidenswert, aber ich glaube es nicht. Ich bin ein trockener Alkoholiker. Es gibt Denkprozesse im Hirn, die ablaufen, wenn ich was trinke. In dem Moment, in dem ich einen Schluck Alkohol trinke, beginnen die unaufhaltsam und das wird auch in 40 Jahren noch so sein. Es gibt Fälle von Alkoholikern, die 25 Jahre trocken sind, ohne Akutaktion wieder einen Spritzer trinken und zwei Tage später betrunken heimkommen.
derStandard.at: Kann ein verstärkter Jugendschutz helfen, dass Jugendliche weniger Alkohol konsumieren?
Simon: Nein, ich glaube, dass der bestehende Jugendschutz gut ist. Das Problem ist, dass es in Österreich eine riesige Alkoholindustrie gibt und eine Trinkkultur damit verbunden ist. Ich will Alkohol allerdings nicht verdammen. Es muss aber mehr darüber gesprochen werden. Und es muss sich das Bild von Alkohol und vom Alkoholiker in der Öffentlichkeit verändern. Das sind eben nicht nur Menschen, die in der Bushaltestelle schlafen oder ständig aggressiv sind. Alkoholsucht ist etwas, das jeden treffen kann. (Bianca Blei, derStandard.at, 20.8.2012)
Link:
Beim Feiern und Alkoholtrinken sollen für Jugendliche unter 18 Jahren künftig gleiche Regeln herrschen: 2013 steht dafür die Harmonisierung des Jugendschutzes an, zumindest in sieben Bundesländern.
Jugendliche haben kein Recht auf Feiern bis zur gesetzlich festgelegten Ausgehgrenze
Polizei und Marktamt arbeiten bei Lokalkontrollen eng zusammen. Ein nächtlicher Routinestreifzug durch Wiens 15. Bezirk
Junge Menschen vom Projekt "Partyfit" reden mit Feiernden über ihr Trinkverhalten
Der Suchtforscher Michael Musalek über den veränderten Alkoholkonsum von Jugendlichen
So schaut's aus im schönen Österreich !
http://www.youtube.com/watch?v=y... ata_player
@ Alles Mist! & Alki trocken - Hut ab vor eurer Ehrlichkeit - sind zwar nur anonyme Posts aber es kostet dennoch einiges an Überwindung mit sowas rauszurücken! @ Alles Mist!: Du bist definitiv am richtigen Weg wenn du schon mal begonnen hast, über alle möglichen Kanäle Hilfe zu suchen - lass den Kopf net hängen & bleib weiter dran!
http://www.anonyme-alkoholiker.at/index.php... reich/wien
da haben sie eine meetingliste für wien, die "offenen" meetings sind auch für Angehörige zugänglich !
Was hoffen Sie, was das forum anderes raet, als die Beratungsstellen. Es ist immer dasselbe: Kontakt mit Professionellen Stellen aufnehmen und dann gehts ums Reinbeissen. Wunderheilung gibts da keine.
Hier haben Sie aber, sollten Sie ernstlich noch nirgendwo kontaktiert haben einige Vereine:
Blaues Kreuz (bin mir sicher, Standard hilft Ihnen gerne mit Adressen und Infos), Anonyme Alkoholiker, Anton Proksch Institut, PSD, usw. im Internet googlen hilft sicher auch, um an Kontaktstellen zu kommen. Auch dem Hausarzt mitteilen, dass Sie Alkoholiker sind und ob er Ihnen helfen kann. Aber ohne spezialisierte Vereinigung und deren Spezialisten waer ich beim Hausarzt vorsichtig. Je nachdem, ob er geeignet ist oder nicht.
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