Grüner Katzenjammer, violette Bescheidenheit

Bei Rapid will man das Derby so schnell wie möglich hinter sich lassen. Unterdessen ist Matchwinner Roman Kienast endgültig am Verteilerkreis angekommen

Wien - Die Zuversicht bei Rapid nach dem erfolgreichen Start in die neue Fußball-Saison ist spätestens seit Sonntag einem bangen Blick in die nähere Zukunft gewichen. Die 0:3-Heimniederlage im Derby gegen die Austria machte den Hütteldorfern nicht gerade Mut für die kommenden Tage, in denen wichtige Partien auf dem Programm stehen. Zunächst muss am Donnerstag in der Europa-League-Qualifikation vor eigenem Publikum ein 1:2 gegen Vojvodina Novi Sad wettgemacht werden, dann steigt am Sonntag das Auswärtsmatch gegen Titelverteidiger und Spitzenreiter Red Bull Salzburg.

Rapid-Trainer Peter Schöttel hofft nun, dass die Schlappe gegen den Erzrivalen keine nachhaltig negativen Auswirkungen auf seine Spieler hat. "Wir müssen diese schwere Klatsche so schnell wie möglich aufarbeiten und dann unsere ganze Konzentration dem Spiel gegen Novi Sad widmen und weiterkommen", forderte der 45-Jährige.Das kräfteraubende Hinspiel gegen die Serben am vergangenen Donnerstag bei ähnlich hohen Temperaturen wie beim Derby könnte ein Mitgrund für die Niederlage gegen die Austria gewesen sein, deutete Schöttel an. "Aber ich werde sicher nicht jammern, denn wir haben ja die ganze letzte Saison gesagt, wir wollen in den Europacup."

Beklagenswert war für den Coach eher die Art und Weise, wie nach einem schweren Patzer von Stefan Kulovits das 0:1 entstand. "Das erste Tor war ein ganz entscheidender Faktor. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage so ein billiges Tor herzugeben, schmerzt", erklärte Schöttel mit Hinweis auf den Aussetzer von Goalie Lukas Königshofer in Novi Sad am vergangenen Donnerstag.

Bitter

Nach dem Rückstand fehlte den Rapidlern ganz offensichtlich nicht nur die spielerische, sondern auch die körperliche Stärke, um in der Nachmittags-Hitze die Partie zu drehen. "Ich hatte den Eindruck, dass wir nach dem 0:1 nicht mehr reagieren konnten. Vielleicht haben wir auch nicht mehr daran geglaubt."

Bis Donnerstag muss Schöttel seine Kicker nun dringend wieder aufrichten, denn mit einer Leistung wie gegen den Erzrivalen heißt es gegen Novi Sad wohl Abschied nehmen vom Europacup. "Gegen die Austria waren wir einfach nicht gut genug, wir haben auch in dieser Höhe verdient verloren und waren nicht in der Lage, wirklich torgefährlich zu werden", lautete die ernüchternde Bilanz von Schöttel. Der Wiener sprach von einer "bitteren Niederlage, die umso mehr wehtut, weil wir uns so auf das erste Derby seit über einem Jahr im Hanappi-Stadion gefreut haben".

In Rapids "Wohnzimmer" scheint es sich die Austria mittlerweile gemütlich eingerichtet zu haben. Die jüngsten drei Hanappi-Derbys (inklusive das im Mai 2011 wegen des Platzsturms abgebrochene und mit 3:0 für die Austria gewertete Spiel) gingen allesamt ohne Gegentor an die Violetten, die bereits seit sechs Duellen mit den Grün-Weißen ungeschlagen sind. Die Favoritner sind seit fünf Auswärts-Derbys ohne Gegentor.

"Schlaksiger" Matchwinner

Von einem Gefühl der Genugtuung wollte Roman Kienast nicht sprechen. Dabei hätte der frühere Grün-Weiße sogar allen Grund zur Schadenfreude gehabt, schließlich musste er im Hanappi-Stadion lautstarke Schmährufe über sich ergehen lassen, ehe er mit zwei Toren und einem Assist zum Matchwinner für die "Veilchen" avancierte.

"Aber dieser Sieg ist ein Verdienst der Mannschaft. Ich bin froh, dass wir gewonnen haben und ich einen Teil dazu beigetragen habe", betonte Kienast in aller Bescheidenheit. Die Sprechchöre gegen seine Person blendete der Stürmer aus. "Sicher bekommt man das am Rande mit, doch ich habe mich voll aufs Spiel konzentriert", sagte der 28-Jährige, der sein erstes Spiel in dieser Saison von Beginn an absolvierte.

Nach einer Sprunggelenks-Operation Mitte Mai konnte Kienast die Vorbereitung nur eingeschränkt mitmachen, weshalb er nach wie vor mit körperlichen Defiziten zu kämpfen hat. "Man hat gesehen, dass mir noch ein bisschen der Saft für 90 Minuten fehlt. Am Schluss war ich schon ein bisschen schlaksig."

"Das ist kein Grund zum Ausflippen"

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Wiener, der von 2002 bis 2006 bei Rapid unter Vertrag stand, die Partie gegen seinen Ex-Club längst entschieden: mit zwei Treffern im Stile eines echten Goalgetters und - unter Zuhilfenahme der Hand - mit einem Assist für seinen Freund und Zimmerkollegen Tomas Simkovic. "Dass ich ihm das Tor aufgelegt habe, war das i-Tüpfelchen", freute sich Kienast und vermutete, seiner Mannschaft sei nun "der Knopf aufgegangen".

Der starke Auftritt war laut Kienasts Kollegen Manuel Ortlechner nur die logische Weiterentwicklung nach der 0:1-Heimniederlage gegen Sturm Graz in der Vorwoche, als die Austria einen über weite Strecken gelungenen Auftritt ablieferte, allerdings zahlreiche Möglichkeiten ausließ. "Unsere Leistung gegen Sturm war schon ähnlich stark wie gegen Rapid, nur haben wir da zu viele Chancen vergeben. Jetzt beginnt das System zu greifen, aber das ist kein Grund zum Ausflippen", erklärte der Kapitän.

Der Innenverteidiger leitete den Erfolg ein, indem er sich gegen den indisponierten Stefan Kulovits im gegnerischen Strafraum durchsetzte und damit das 1:0 durch Kienast mustergültig vorbereitete. "Entscheidend war aber unser zweites Tor, dann konnte Rapid bei dieser Hitze nicht mehr zusetzen. Das hat man an der Körpersprache gesehen."

Konkurrenzkampf

Nach dem Spiel bildeten Ortlechner und seine Mitspieler mit den Trainern einen Jubelkreis, ehe sie sich von den Fans feiern ließen. Besondere Zuneigung wurde dabei Coach Peter Stöger zuteil, der die Austria zum dritten Derby-Sieg en suite im Hanappi-Stadion ohne Gegentor führte. "Gegen Sturm hatten wir noch Pech, diesmal ist es besser gelaufen. Wir waren über 90 Minuten das bessere Team", erklärte der 46-Jährige.

Sein Schachzug, entgegen der Ankündigung im Vorfeld auf eine offensivere Aufstellungsvariante zu setzen und Kienast anstelle von Roland Linz im Sturm zu bringen, ging voll auf. "Zwischen Kienast und Linz war es eine Entscheidung auf Augenhöhe, weil auch Linz das Seine unternimmt, um in der Mannschaft zu bleiben", erzählte Stöger.

Das Gefühl eines klaren Sieges mit der Austria im Hanappi-Stadion durfte der Coach schon als Spieler auskosten. Am 11. August 1993 war Stöger beim 3:0 im Westen Wiens mit von der Partie, vier Monate zuvor erzielte er beim 5:1 in der Rapid-Heimstätte sogar zwei Tore. In diesen Partien spielte Rapid-Trainer Peter Schöttel aufseiten der Verlierer.(APA/red, 06.08.2012)

  • Des einen Freud'...
    foto: apa/pessenlehner

    Des einen Freud'...

  • ...ist der anderen Leid.
    foto: reuters/niesner

    ...ist der anderen Leid.

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