Vorwissenschaftliche Arbeiten als große Chance für eine "Matura neu"

Leserkommentar | Klaus Heidegger, 9. August 2012, 20:27

Argumente aus der Schulpraxis für die vorwissenschaftliche Arbeit

Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle hat "Angst vor der 'Copy-paste'-Teilmatura" und kritisiert damit die für alle Maturanten vorgesehene "vorwissenschaftliche Arbeit" (DER STANDARD, 4./5. August 2012). Dabei sprechen gerade jene Argumente für eine Maturareform, die er in seinem Kommentar anspricht, für die vorwissenschaftliche Arbeit (VWA).

Raum für Individualisierung

Erstens hat in dieser rund 30-seitigen Arbeit ein Schüler die Möglichkeit, seine individuellen Fähigkeiten zu entfalten und persönliche Interessengebiete ins Spiel zu bringen. Dies kann ein Erproben und Austesten für eine künftige Wahl des weiteren Ausbildungs- und Berufsweges sein.

Schulspezifische Schwerpunktsetzungen, die für den Wissenschaftsminister zu Recht bei einer Zentralmatura zu berücksichtigen sind, können hier ihren Niederschlag finden. Es können beispielsweise Projekte nachhaltig zum Abschluss gebracht werden, die im Laufe der Gymnasialausbildung begonnen wurden.

Mit anderen Worten: Im Kontext der Zentralisierung bietet die VWA Raum für eine Individualisierung. Ich habe in den vergangenen Monaten in vier sechsten Klassen an meiner Schule gemerkt, wie breit die mögliche Themenvielfalt unter den rund 100 Schülern war. Eine "Themennot", die Töchterle sieht, habe ich nicht bemerkt.

Starker Dialog zwischen Lehrern und Schülern

Zweitens ist die Gefahr von "Copy-paste" weit weniger gegeben als behauptet. Eine VWA entsteht in einer lebendigen Teamarbeit zwischen begleitender Lehrperson und Schüler. Damit gibt es die von Töchterle gewünschte Möglichkeit, das Lehrer-Schüler-Verhältnis in eine "stärkere Partnerschaft" zu ändern.

Die "Copy-paste"-Gefahr ist gebannt, weil eine Lehrperson - die maximal fünf VWAs pro Maturatermin begleiten kann - ohnehin in den Prozess des Schreibens einer VWA involviert ist. Jede Lehrperson, die diese Aufgabe ernst nimmt, merkt von Beginn an, ob abgeschrieben oder selbstständig gearbeitet wird.

Mehr noch aber sind die zentralen Vorgaben für eine VWA so geregelt, dass ein "Copy-paste" verhindert wird. Im Zentrum steht die Wahl einer Forschungsfrage, die in vielen Fällen einen "persönlichen Fingerprint" des Schülers trägt. Das Forschungsfeld ist oftmals im je eigenen Bereich zu finden und trägt dann eine persönliche Note. Ein Schüler muss dementsprechend mit Methoden zur Beantwortung der Forschungsfrage umgehen lernen. Methodenarbeit kann aber nicht abgeschrieben werden. Dies sind hingegen Fingerübungen für jene, die nach der Matura ihr Studium an einer Universität beginnen wollen, womit das gesetzlich definierte Bildungsziel von Gymnasien angestrebt wird.

Sprach- und Schreibkompetenz

Tatsächlich findet aber in der bisherigen Maturaform ein permanentes geistiges "Copy-paste" statt. Lehrpersonen klagen jedes Jahr wieder, wenn die Leistung eines Schülers darin besteht, seitenweise Wissensstoff aus dem Internet auszudrucken und für eine mündliche Prüfung mehr oder weniger auswendig zu lernen...

Drittens schließlich fordert eine VWA von einem Schüler gerade jene Sprach- und Schreibkompetenz, die sich Töchterle wünscht. Ein Schüler ist herausgefordert, in einem Zeitraum von mehreren Monaten Gedanken in eine schriftliche Form zu bringen. Dazu gibt es in einer Oberstufe keine bessere Möglichkeit. Die Kompetenzen für eine VWA müssen in vielen Fächern bereits in den Jahren davor gelernt und eingeübt werden, womit sich in mancher Hinsicht auch die Unterrichtsform zu mehr Schülerselbständigkeit und Kompetenzorientierung verändern kann. Dies betrifft beispielsweise die Kompetenz im Informatikunterricht mit Textverarbeitungsprogrammen zu arbeiten, in naturwissenschaftlichen Fächern Forschungsmethoden anzuwenden oder in den Sprachenfächern richtig zitieren.

Als Lehrer an einem Oberstufenrealgymnasium, der auch seit vielen Jahren "Wissenschaftliches Arbeiten" unterrichtet, habe ich große Erwartungen in die vorwissenschaftlichen Arbeiten und wünsche mir eine möglichst rasche Verwirklichung. (Leserkommentar, Klaus Heidegger, derStandard.at., 10.8.2012)

Autor

Klaus Heidegger, ist Lehrer am Privaten ORG Volders St. Karl.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 61
1 2

"Die Kompetenzen für eine VWA müssen in vielen Fächern bereits in den Jahren davor gelernt und eingeübt werden"

das ist aber eben die grundvoraussetzung.

Ein sehr positiver Artikel

Endlich ein Artikel, den ich verstehe. Der Autor hat offenbar reichlich praktische Erfahrung. Es werden keine übertriebenen Anforderungen an die VWA gestellt ("Fingerübungen"). Zugleich wird betont,dass die Fähigkeiten schon in frühreren Klassen gelehrt werden müssen.
Trotzdem warne ich davor, die positiven Erfahrungen von einigen wenigen interessierten SchülerInnen und ProfessorInnen auf alle zu übertragen, die in Zukunft eine VWA "abliefern müssen".

Dies betrifft beispielsweise die Kompetenz im Informatikunterricht mit Textverarbeitungsprogrammen zu arbeiten

wer textverarbeitung als des informatikunterrichts definiert, schreibt das jahr 1999 oder früher - es stimmt schon, was manche informatiklehrer im edv-einführungs-unterricht der 5. klasse ahs produzieren sollte eigentlich verboten werden - was die 30 seiten der vwa betrifft ist diese zahl um 5-10 seiten zu hoch gegriffen - zu erfüllen vom schüler sind 8 kriterien - der fachbezogene teil ist nur 1 kriterium - die schülerInnen sind mit den 7 anderen kriterien ohnehin so beschäftigt, dass 20 seiten schon genug sein werden - im übrigen bin ich schon sehr interessiert, was am ende der ersten runde dabei herauskommen wird - im übrigen herrscht derzeit nur allgemeine verwirrung - die 2. & 3. klassigen polit-bildungs-funktinäre diskutieren noch

Zem erwarteten Umfang der VWA: nirgends ist von einer Seitenanzahl die Rede!

"40.000–60.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, exkl. Vorwort, Inhalts- und Literaturverzeichnis)"

http://www.ahs-vwa.at/mod/data/... staltungen

unter "Formale Richtlinien"

je nach Lehrer...

Habe selbst vor etlichen Jahren eine FBA verfasst, die Betreuung war in etwa so: dem Lehrer war die Arbeit völlig egal. Mehr als 2-3 Treffen gab es nicht, nützliche Hilfe zu Inhalt und Methodik schon gar nicht. Die fertige Arbeit hat er nur überflogen, sodass auch copy/paste nicht aufgefallen wäre. Das alles zu einer Zeit, als FBAs eher die Ausnahme waren und kein Lehrer gezwungen wurde diese zu betreuen. Umgekehrt wurden Kollegen von ihrem Betreuer wirklich gut in die Richtung (Pro)seminararbeit auf der Uni geführt, mit Diskussion des Themas, der Methodik, Hilfe bei Literatur etc. Die Frage ist: was passiert wenn desinteressierte Lehre auf eben solche Schüler treffen? Bisher waren meistens zumindest die Schüler motiviert...

womit sich in mancher Hinsicht auch die Unterrichtsform zu mehr Schülerselbständigkeit und Kompetenzorientierung verändern kann

Das aber genau soll ja verhindert werden.

Welche Regierung wünscht sich schon selbständig denkende Bürger?
Das geht ja gar nicht, wo kämen wir da hin.

ich zweifle

an der vorgabe "30 seiten", soweit mir bekannt, gibt sich die schulbehörde mit wesentlich weniger zufrieden. war schon bei der fba weniger, wenn ich mich recht entsinne.

40.000 bis 60.000 Zeichen

siehePosting von Chat long

ich habe

kaum etwas anderes behauptet, oder?
außer, dass halt seiten leichter vorstellbar sind, jedenfalls für mich.
und: in der realität gab es natürlich fbas mit 50, 60 seiten.

Forschungsfrage?

Nicht einmal bei einer Diplomarbeit ist "Forschung" unbedingt notwendig!

"Die Diplomarbeit ist eine wissenschaftliche Arbeit. Sie erfordert zwar nicht zwingend eigenständige neue wissenschaftliche Erkenntnisse, muss aber hinsichtlich der formalen und inhaltlichen Kriterien entsprechen", heißt es etwa auf einer UNI-Seite

Der Autor - in seiner Hybris - belegt die Bedenken 1:1

"Ein Schüler muss dementsprechend mit Methoden zur Beantwortung der Forschungsfrage umgehen lernen" ... der Hr. Lehrer weiß gar nicht, was "Methoden" sind, ansonsten würde er so einen Satz w.o. - noch dazu im Sinne von "der Schüler muss" - gar nicht aufs Papier bringen können!

"Sprach- und Schreibkompetenz" à la Hr. Lehrer: Papier ist geduldig!

Zeigens mir bitte ein Diplomarbeit ohne Forschungsfrage.

"Nicht zwingend mit etwas Neuem beschäftigen" heißt vermutlich einfach nur, dass auch eine Arbeit, basierend nur auf der Analyse bestehender Literatur als Diplomarbeit durchgeht.

ich glaub,

das steht in einem klugen buch eines bifie-autors.
insofern ist er freizusprechen.

Vorwissenschaftlich - und die Realität

Unsere Tochter - 6.Kl AHS mit sehr gutem Zeugnis - konnte im Juli nicht die Nachbarländer Österreichs und deren Hauptstädte aufzählen. Wir habens ihr dann auf der Fahrt in den Urlaub beigebracht.
Nach dem Urlaub kamen fünf ihrer Kolleginnen auf Besuch. Keine konnte die Länder und deren Hauptstädte aufzählen.
Eine gewisse Qualitätskontrolle halte ich für wichtiger als vorwissenschaftliche Arbeit in der AHS.

Ist jetzt vielleicht kein sachliches Argument,

aber das ist wahrlich kein Ruhmesblatt für die vielgepriesene und von konservativer Seite so beharrlich verteidigte Langform der AHS.

Meine Töchter (15 und 17) waren beide in einer KMS, aber solche Fragen können die beiden im Schlaf!

solches wissen

entspricht vermutlich nicht den modernen kompetenzanforderungen ...

Gibt es eigentlich eine Imkompetenzkompetenz?

"Wissenschaftlichkeit" ist vielfach ein Fetisch. Natürlich gehören formale Kompetenzen dazu. Aber es geht ja in erster Linie um kreative Problemlösung und kritische Prüfung.

1.) Was ist das Problem bzw. was ist meine Fragestellung?
2.) Was ist meine These bzw. mein Problemlösungsversuch?
3.) Erläuterung der These und argumentative Untermauerung.
4.) Welche Gründe sprechen gegen die These, und wie kann man diese Gründe entkräften.
5.) Ergebnis und weiterführende Fragestellungen.

Man sollte den Schülern so früh wie möglich selbständiges Problemlösungsverhalten und kritisches Denken beibringen und ihnen auch zeigen, wie sehr man sich hinter angeblicher "Wissenschaftlichkeit" verstecken kann.

wie soll das konkret ablaufen, dass der Lehrer "in den Prozess des Schreibens eingebunden ist"? Wenn das Ganze dann so aussieht, dass sowieso der Lehrer dem Schüler von A bis Z ansagt, was er wie schreiben soll, ist der Lerneffekt sicher nicht hoch. Wie sehen Lehrer eigentlich den deutlichen Mehraufwand, der da auf sie zukommt?

handwerk

das wissenschaftliche handwerk sollte man zudem im proseminar erlernen. wenn es auf der uni probleme gibt, können die ja eine einführungsveranstaltung dazu anbieten.

aber solange jede disziplin (und jeder Uni-professor) eigene zitierregeln hat und subjektive formvorgaben, bringt der unterricht durch einen AHS-lehrer, der das letzte mal vor jahrzehnten selbst einen wissenschaftlichen text geschrieben hat, genau gar nichts!

etikettenschwindel

wenn man weiß, dass bachelorarbeiten in etwa 30 seiten haben und igentlich nur den literaturstand zu einem thema wiedergeben - also auch kaum "wissenschaftlich" zu nennen sind, stellt sich schon die frage, wem damit geholfen ist, die begrifflichkeiten so zu verundeutlichen.
"diplomarbeit" bzw. "vorwissenschaftliche Arbeit" haben an Mittelschulen nichts verloren, die Schüler sind ja kaum in der Lage einen Problemaufsatz hinzubekommen ohne Anleitung.

wieso

dürfen eigentlich babies noch nicht studieren?

das ist wie mit den griechischen Euroanleihen und Kreditfversicherungen

Vorwissenschaftliches Arbeiten , das sind alles so dumme Ausdrücke, und kaum jemand weiß was wissenschaftliches Arbeiten heißt, nämlich das beweisen was man sagt.
Wofür diese Veränderungen gut sind frage ich mich, weil die Matura in ihrer alten Form den Absolventen eine interantionale Hochschulreife bescherte, was in Europa nur noch ganz selten der Fall ist, in den meisten Ländern müssen die Maturanten 1- 2 Jahre zusätzliche Vorbereitungskurse absolvieren damit sie eine Hochschulreife erreichen.

in den meisten Ländern müssen die Maturanten 1- 2 Jahre zusätzliche Vorbereitungskurse absolvieren damit sie eine Hochschulreife erreichen.

In den meissten Laendern??? Ist mir nicht bekannt -koennen Sie Beispiele nennen?

Frankreich und so weiter... gibt fast keines mehr wo nicht

Na ja, die "Classes préparatoires" führen in die Elite-Unis "Grandes Écoles"

http://de.wikipedia.org/wiki/Clas... 9paratoire

Normale Unis können nach der Matura besucht werden. Dafür gibt's dort dann Ende des ersten Studienjahres Selektionsprüfungen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 61
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.