Terrorangriff verdeutlicht brisante Lage im Sinai

Der Terrorüberfall auf ägyptische Soldaten an der Grenze zu Israel offenbart das Sicherheitsvakuum, das seit dem Machtwechsel in Kairo entstanden ist. Für Präsident Morsi ist es die erste Bewährungsprobe.

Die Ägypter würden nicht lange warten müssen, um die Reaktion auf die Attacke der Terroristen zu sehen, kündigte der Oberste Militärrat (Scaf) am Montag an. Eine bewaffnete Gruppe hatte am Sonntagabend auf dem Sinai ein kleines Camp mit ägyptischen Grenzwächtern überfallen und dabei 16 Soldaten getötet. Die Angreifer kaperten zwei gepanzerte Fahrzeuge und fuhren damit in Richtung des israelischen Grenzübergangs von Kerem Shalom, wo sie von der israelischen Armee unter Feuer genommen und sechs von ihnen getötet wurden.

Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barack erklärte am Montag, acht Angreifer seien getötet worden. Er hoffe, der Zwischenfall sei ein Weckruf für Ägypten, meinte er weiter. Israel wirft Kairo seit langem vor, nicht genug für die Sicherheit auf der Sinai-Halbinsel zu tun.

Offizielle Stellen in Ägypten machten als Urheber "Jihadisten" aus, die aus dem von der Hamas kontrollierten Gazastreifen eingesickert seien. Der Grenzübergang in Rafah wurde geschlossen. Aufgebrachte Ägypter verwüsteten in Grenznähe Geschäfte von Palästinensern. Militär und Polizei begannen mit einer groß angelegten Suchaktion im Innern der Halbinsel. Häfen und Flughäfen blieben aber ganz normal geöffnet. Ägyptische Medien spekulierten, die Schmuggeltunnel zwischen Ägypten und dem Gazstreifen könnten nun zerstört werden.

Kritik an der Armee

Nach einer Dringlichkeitssitzung mit Verteidigungsminister Feldmarschall Hussein Tantawi betonte Präsident Mohammed Morsi, die Sicherheitskräfte würden nicht ruhen, bis die Hintermänner gefunden und vor Gericht gestellt seien. Die Revolutionsbewegung des 6. April kritisierte ganz offen die Armee. Sie beschäftige sich vor allem mit Innenpolitik und vernachlässige dabei ihre Sicherheitsaufgaben.

Für den neuen Präsidenten Morsi wird die angespannte Lage auf dem Sinai zu ersten großen Bewährungsprobe. Tatsächlich ist seit dem Sturz von Hosni Mubarak ein Sicherheitsvakuum spürbar, und die Zwischenfälle häufen sich. Aber die Probleme sind viel älter. Ihre Wurzeln liegen in einer Verquickung von religiösem Extremismus, Unterentwicklung und dem ungelösten Palästina-Konflikt. In den letzten Monaten haben 14 Anschläge auf die Ölpipeline nach Israel und mehrere Entführungen von Touristen, um Häftlinge frei zu pressen, für Schlagzeilen gesorgt.

Seit Jahren gibt es Spannungen zwischen den lokalen Beduinen und dem Staat. Die Beduinen lehnen sich gegen die Obrigkeit auf, von der sie sagen, sie würde nichts zur Entwicklung der verarmten Region unternehmen, sie vom Staatsdienst ausschließen und wahllos Verhaftungen vornehmen. Im Gegenzug wirft die Regierung in Kairo den Beduinen mangelnde Loyalität vor; ein Vorwurf, der bis in die Zeit der israelischen Besatzung 1967-1982 zurückgeht.

Die Sinai-Halbinsel mit ihrem gebirgigen Innern, der langen Küste und den Grenzen zum Gazastreifen und zu Israel sowie der Nähe zur Jordanien und Saudi-Arabien ist für Ägypten eine strategisch heikle Region. Seit dem Camp-David-Abkommen und dem Frieden mit Israel ist ein Teil des Territoriums immer noch entmilitarisiert. Dadurch würde der Kampf gegen Terroristen behindert, weil die Sicherheitskräfte nicht die erforderliche Ausrüstung und Bewaffnung einsetzen könnten, klagt die ägyptische Führung. Auch Morsi hat im Wahlkampf betont, der Friedensvertrag mit Israel würde eingehalten, aber die Klauseln, die die ägyptische Souveränität einschränken, sollten revidiert werden.

Kommt es zu Anschlägen in der Region, gehen die Behörden davon aus, dass sie auf das Konto von Palästinensern oder islamistischen Extremisten gehen. Sicherheitsexperten sind überzeugt, dass es solche lokale Zellen gibt. Der Boden für die Rekrutierung unter den vernachlässigten, religiös konservativen Beduinen ist fruchtbar. (Astrid Frefel, DER STANDARD, 7.8.2012)

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