Der ganz normale Wahnsinn

  • Ein wandlungsreiches Miteinander der Künste begeistert in Detlev 
Glanerts "Nijinskys Tagebuch" im Kornmarkttheater. 
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    foto: bregenzer festspiele

    Ein wandlungsreiches Miteinander der Künste begeistert in Detlev Glanerts "Nijinskys Tagebuch" im Kornmarkttheater. 

Mit "Nijinskys Tagebuch" präsentiert sich Detlev Glanert, der Schwerpunktkomponist der Bregenzer Festspiele, als virtuoser Handwerker

Vorarlberg freut sich wie verrückt.

Bregenz - Vorarlberg, ach Vorarlberg: In der Lackierung des blankpolierten Wagens der gehobenen Mittelklasse spiegelt sich der mit der Nagelschere gestutzte Buchenzaun, welcher das gerade im letzten Jahr frisch gestrichene Eigenheim blicksichernd umgibt.

Darin sitzt der einheimische Mensch, sich seines Bausparvertrages erfreuend, und schnürt das Korsett der Makellosigkeit und der Tadellosigkeit, das man hier ein Leben lang tagtäglich zur Schau zu tragen hat, noch ein kleines bisschen enger. Verrückt? Nein: lustvoll ertragene Norm im Ländle. Für Verrücktes sind hier die Nervenheilanstalt Valduna (medizinisch Verrücktes) und die Bregenzer Festspiele (künstlerisch Verrücktes) zuständig.

So hat Intendant David Pountney, der gern mit Zirzensischem verzaubernde Brite mit den roten Bäckchen, den listig-lustigen Äuglein und den buschigen Koteletten, zum Ausgleich zur massenkompatiblen Seeproduktion Uraufführungen zeitgenössischer Komponisten und Komponistinnen aufs Programm gesetzt.

Nach Judith Weir, die mit ihrem Der blonde Eckbert 2011 für einen beeindruckenden Tiefpunkt in der Festspielgeschichte sorgte, folgt(e) heuer der Deutsche Detlev Glanert. Der aktuell gerade in Bregenz präsente HK Gruber wird, mit einem Jahr kompositorisch bedingter Verspätung, 2014 seine Opernversion der Geschichten aus dem Wienerwald kredenzen.

Milde enttäuscht zeigte sich die nationale Kritik von Solaris, der Mitte Juli im Festspielhaus uraufgeführten Literaturoper Glanerts nach dem Roman von Stanislaw Lem; die bundesdeutsche Kollegenschaft wies jedoch auf die grundsätzlichen Fähigkeiten des Henze-Schülers hin, der mit 14 Musiktheaterwerken zu den meistgespielten zeitgenössischen Opernkomponisten zählt.

Nijinskys Tagebuch, ein 2008 in Aachen uraufgeführtes, mit dem Landestheater Linz koproduziertes, in Bregenz im süßen kleinen Kornmarkttheater zu erlebendes Werk Glanerts, basiert auf den innert sechs Wochen verfassten Tagebuchaufzeichnungen des in Sergej Diaghilews Ballets Russes berühmt gewordenen und 30-jährig an Schizophrenie erkrankten Startänzers Waslaw Nijinsky (1890-1950).

Glanert teilt die von Carolyn Sittig eingerichteten eruptiven Textausfälle des Künstlers so virtuos wie variabel auf zwei (auch sprechende) Tänzer, zwei (auch tanzende und sprechende) Sänger und zwei (auch tanzende) Schauspieler auf.

Neben-, Mit- und Ineinander

In einer mobilen weißen Kofferlandschaft vor schwarzem Hintergrund (Ausstattung: Nicola Reichert) ereignet sich so ein unerhört wandlungsreiches Neben- , Mit- und Ineinander der Stimmen und der Künste, auch dank der beglückend präzisen Regie von Rosamund Gilmore (auch Choreografie), den Höchstleistungen von fünf der sechs Darsteller (Belinda Loukota, Martin Achrainer, Barbara Novotny, Karl M. Sibelius, Ilja van den Bosch, Daniel Moralez Pérez) und den 14 engagiert werkenden Mitgliedern des Symphonieorchesters Vorarlberg (Leitung: Ingo Ingensand).

Beglückend war zu erleben, mit welcher Phantasie und welchem Abwechslungsreichtum der 1960 geborene Glanert musikalisch arbeitet: Mal düstere, mal hell-intime Streicherelegien wechseln mit expressionistischen Wölbungen des Blechs, auf verspielt-luzide Jazz-Einsprengsel folgen wuchtige Tangostrecken.

Mal werden Steigerungen wie im Kriechgang absolviert, mal spielt ein einsames Flötchen unschuldiges Kind. Derweil wird Nijinskys Text ein- oder mehrstimmig in den Raum gesprochen, gesungen, geschrien, geschleudert - ein wildes, wüstes, maßloses Ejakulat an grundsätzlichen Beobachtungen ("Ich mach kack"), Postulaten ("Ich bin Gott") und Stimmungssplittern ("Ich bin verödet"). Einer letzten, gekonnten Klimax der Musik folgt ein langsames Verebben, Verenden, Ausbluten des Textes.

Die große Überraschung: Das Bregenzer Premierenpublikum, es zeigt sich von all den maßlosen Tollheiten beglückt, ja befreit. Verrücktes Vorarlberg. (Stefan Ender, DER STANDARD, 6.8.2012)

Nächste Aufführung der Oper: 7. 8., um 19.30

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