Es gibt keine Enkel vom Mundl seinem Opa

  • Kasachstans Ilja Iljin pulverisiert den Weltrekord in der Klasse bis 94 Kilogramm und holt zum zweiten Mal nach Peking 2008 die Goldmedaille.
    foto: dapd/groll

    Kasachstans Ilja Iljin pulverisiert den Weltrekord in der Klasse bis 94 Kilogramm und holt zum zweiten Mal nach Peking 2008 die Goldmedaille.

Österreich, ein Land mit großer Gewichthebertradition, exportiert dafür seine Muskelmänner. Dem Mundl sein Herrgottswinkerl verödet

London - Olympia ist, das ist eben das Sportliche am Business, auf eine bestechend watscheneinfache Weise komparativ. Im ökonomischen Bereich mag das eher wenig durchschaubar sein. Bei Olympia gilt: citius, altius, fortius. Und das heißt: schneller, höher, weiter ... äh.

Der fatale Übersetzungsfehler - warum hat niemand in der BSO wegen dem Mundl seinem Stemmer-Opa Sackbauer nachgefragt? Das wäre die dem Darabos in den Mund zu legende Frage an den Genossen Wittmann! - der Übersetzungsfehler hat dazu geführt, dass in Österreich keine starken Männer mehr irgendwas zur Strecke, geschweige denn Hochstrecke bringen.

Dagegen die Kasachen (die freilich auch einen Weltraumhafen haben)! Und seit Samstag hat das große Land in der weiten Steppe einen ganz bemerkenswerten Doppelolympioniken. Ilja Iljin heißt er, Goldener aus Peking 2008 war er, Fabelgoldener mit herkulischer Hochstrecke ist er seit London.

Die Gewichtsklasse heißt "bis 94 Kilogramm", gemeint ist da allerdings das Lebendgewicht des Iljin. Das Totgewicht im Stoßen (Absatzpause am Schultergürtel) war iljinerseits am Samstag 233 Kilogramm, ein Kilogramm über dem bisherigen Weltrekord.

Im sogenannten Reißen - von oben bis ganz hinauf ein einziger eleganter "Riss" - waren es 185, sodass der Zweikampfweltrekord nunmehr auf 418 Kilogramm steht, sechs mehr als bisher - und das von einem Mann, der als ein Nasser keine 100 wiegt.

Schneller, höher, stärker. Stärker! Man hört das nicht so gern. Muskelmänner sind hierzulande ja nicht erst seit dem Schwarzenegger Arnold eher dubiose Figuren. Deshalb wandern viele lieber aus, und sei es nach Deutschland, wo sie selber auch keine Fortiusse haben.

Matthias Steiner ist so einer, der dem Mundl seinem Stemmer-Opa hätte nahekommen können. In Peking hatte er zwar Gold geholt, aber eben für Deutschland, obwohl er unbestritten eh ein Ösi wäre. Aber eben, ja: zu stark!

Am Dienstag greift dieser Muskelösi mit deutschem Pass im Superschwer ein ins Geschehen. Wie und was ist diesbezüglich schwer zu sagen: "Ich weiß nicht, was mich erwartet." Seine Jahresbestleistung liegt bei zweikampfbasierten 424, weshalb er es taktisch so anlegen möchte, "das Feld von unten" anzugreifen.

Ein Zukunftssteiner

Zuversicht wäre trotz Blessuren und grippalen Belästigungen im Vorfeld da: "Insgesamt ist die Form besser als erwartet, ich habe Vertrauen in mich, die Physis ist da." In den Tagen bis zum Wettkampf am Dienstag will sich Steiner schonen. "Nur im Bett liegen werde ich aber auch nicht."

Das tut auch Sargis Martiro syans nicht. Er gilt als Österreichs möglicher künftiger Steiner, ist aber dummerweise ein Armenier. Seit 2005 lebt er hier, im Süden Wiens, sieben Jahre später hat sich immer noch niemand für ihn stark gemacht. Gleichwohl macht er es sich für Österreich: "Ich bin ein Kämpfer. Irgendwann werde ich ganz oben stehen - für Österreich."

Das Ziel wäre Rio de Janeiro. Der Weg dorthin ist lang, beschwerlich und mit guten Vorsätzen gepflastert. "Im Reißen will ich EM-Gold 2013", ruft der 25-Jährige mit schönem Selbstbewusstsein. Ja: "Auch der Weltrekord ist möglich." (wei, DER STANDARD, 6.8. 2012)

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