Überschätzte Aufdecker

Ob Grasser, Telekom oder Kärnten – die Medien spielen bei der Bekämpfung von Korruption nur eine Nebenrolle

Dass der Kärntner Sumpf jetzt endlich ausgetrocknet wird, können wir in erster Linie der so oft geschmähten Justiz verdanken, und hier vor allem der neuen Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft in Wien unter ihrem Chef Walter Geyer.

Auf den Plan gerufen wurde sie vom Grünen Landtagsabgeordneten Rolf Holub, der die Untätigkeit der gewöhnlichen Staatsanwaltschaft im Fall Birnbacher nicht hinnehmen wollte

Die Medien aber, die Tageszeitungen und die Wochenmagazine, haben bei der Aufklärung der Kärntner Korruption kaum etwas beigetragen.

Das sollte nicht überraschen, denn Journalisten sind in ihren Möglichkeiten, Missstände von sich aus aufzudecken, recht eingeschränkt. Aber in letzter Zeit wurde in manchen Medien der Eindruck vermittelt, als ob sie ganz allein den von Schwarz-Blau hinterlassenen Augiasstall säubern würden, während der gesamte Justizapparat bekanntlich schliefe.

Deshalb hier ein kritisches – auch selbstkritisches – Wort zum so genannten Aufdeckungsjournalismus in Österreich: Er besteht in erster Linie daraus, Erkenntnisse der Justiz, die eigentlich vertraulich bleiben sollten, abzudrucken und damit noch während der Erhebungen bekannt zu machen.

In Deutschland ist das bekanntlich verboten, wie einige heimische Journalisten leidvoll erleben mussten, in Österreich aber machen sich nur die Informanten strafbar, die Protokolle und Berichte den Medien zustecken. Dies allerdings gilt als Kavaliersdelikt – wie Telefonieren am Steuer.

Das Ergebnis sind viele spannende Artikel in Profil, News, Falter oder auch dem Standard über Grasser, Telekom, Birnbacher & Co, die allerdings nur das wiedergeben, was die Justiz ohnehin schon weiß. Ein Beitrag zur Korruptionsbekämpfung ist das keiner, sondern untergräbt durch die ständige Verletzung der Vertraulichkeit sogar die Arbeit der Behörden.

Nun könnte man argumentieren, dass durch solche Veröffentlichungen Druck geschaffen wird, dass diese Causen nicht einschlafen oder wie so oft eingestellt werden, sondern tatsächlich zu einer Anklage führen.  Das dürfte auch das Motiv vieler Informanten sein.

Aber solch Druck kann auch konterproduktiv sein, wenn zu früh und auf Grundlage zu weniger Beweise ein Prozess eröffnet wird. Staatsanwälte streben im Regelfall nach einem Prozess, wenn sie nicht von oben gebremst werden. Aber sie tun sich ungerne blamieren.

Der Großteil des viel gefeierten Aufdeckungsjournalismus ist daher nur unnötiges Beiwerk in einem grundsätzlich funktionierenden Rechtsstaat – und das nicht nur in Österreich. Die Videofalle, mit der britische Journalisten Ernst Strassers Korruptheit aufgedeckt haben, ist nicht der Regelfall.

Das berühmteste Beispiel von „investigative journalism“ war die Berichterstattung der Washington-Post-Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein über die Watergate-Affäre.

Ihre Artikel beruhten vor allem auf den Informationen einer einzigen Quelle, des so genannten Deep Throat, der sie immer wieder auf die Spuren lenkte, die vom Einbruch in das Wahlkampfbüro der Demokraten im Juni 1972 ins Weiße Haus von Präsident Richard Nixon führten, der zwei Jahre später schließlich zurücktreten musste.

Mehr als 30 Jahre lang blieb die Quelle unbekannt, erst 2005 enttarnte sich der damalige stellvertretende FBI-Chef Mark Felt kurz vor seinem Tod als „Deep Throat“. Warum Felt dies damals tat, konnte nie ganz geklärt werden.

In einem neuen Buch über das FBI, das in der neuen New York Review of Books besprochen wurde, findet der renommierte Sachbuchautor Mark Weiner eine plausible Erklärung: Felt wollte nach dem Tod von J. Edgar Hoover FBI-Chef werden und wurde von Nixon übergangen. Mit seinen wohl platzierten Leaks rächte er sich erfolgreich.

Bis heute herrscht die Meinung vor, als hätten Woodward und Bernstein Nixon zu Fall gebracht. Ihr später verfilmtes Buch „All the President’s Men“ erweckt jedenfalls diesen Eindruck, der ganze Generationen von Jungjournalisten geprägt hat.

Aber rückblickend wird klar, wie wenig Folgen die ganze Watergate-Berichterstattung der Washington Post hatte. Die ersten Monate wurde sie zumeist ignoriert, noch im November  1972 gelang Nixon der größte Wahlsieg der US-Präsidentschaftsgeschichte.

Erst die beinharte Verhandlungsführung von Richter John Sirica gegen die des Einbruchs angeklagten Männer zeigte ab Jänner 1973 die Verwicklung des Weißen Hauses auf und bestätigte die Recherchen der Washington Post. Woodward und Bernstein hatten hervorragende Arbeit geleistet, aber es war die unabhängige amerikanische Justiz, die Nixon zu Fall brachte.

Auch in Österreich sollte sich die „Vierte Gewalt“ vor Selbstüberschätzung hüten. (Eric Frey, derStandard.at, 5.8.2012)

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14 Postings
"Aber solch Druck kann auch konterproduktiv sein, ..."

Grundsätzlich natürlich nicht falsch, aber die Alternative in der österreichischen Praxis ist halt dann das "Unter-den-Teppich-kehren". Und daher ist m.E. bei der Abwägung der Vor- und Nachteile es in Ö leider derzeit nicht anders möglich, als über permanenten medialen Druck zu substanziellen Aufklärungen zu kommen.

Endlich wieder einmal ein recht guter Artikel von Herrn Frey.

Freys Analysen sind alle recht gut. Auch dann, wenn er einmal (selten) daneben haut.

Ein Grund, wieso die traditionellen Medien immer mehr Leser verlieren ist es. daß sie einfach Unwichtiges im Rückspiegel berichten, während Projekte, wie das FS3 die Straße VOR dem fahrenden Auto der Zeitgeschichte beschreiben…

…Siehe an ihrem Beispiel der Watergate-Affaire, die noch heute völlig an dem -was damals wieso geschah- verbeiberichtet wird.

Wieso nimmt eigentlich niemand Howard Hunts Sterbegeständnis ernst:
http://derstandard.at/plink/323... 80/8736666

Watergate u.das Attentat an JFK hingen zusammen, wie auch 5 US-Präsidenten darin verwickelt waren:
http://derstandard.at/plink/206... 36/2888711

Nixon wurde geopfert, um die wahren Hintergründe und Involvierungen beim JFK-Mord weiterhin vertuschen zu können. Das was uns oftmals als "Aufklärungsjournalismus" verkauft wird,verdient in den seltensten Fällen diese Bezeichnung.

Wie lange hat das FS3 bereits vor den wahren Verursachern irgendwelcher "Krisen" gewarnt?
http://derstandard.at/plink/228... 05/3660487

Aber für ein bisschen substanzlose Günther Grass Kritik und Kriegstreiberei seid ihr zumindest noch gut.

Naja wenigstens beim Aufdecken von Missständen in Asylwerberheimen ist der Standard ganz vorne dabei.

Das ist doch auch etwas.

die justiz hat im birni fall vollkommen versagt,

und der verdacht liegt nahe, dass das kein zufall war

denn ohne mehrfache anzeig von holub, wären auch
die korruptionsstaatsanwaltschaft nicht in die gänge gekommen

und das war ja auch kein fall wo man ein undurchschaubares konstrukt von gefinkelten wirtschaftsanwälten einfach nicht durchblicken konnte

sondern für offensichtlich fehlerhafte, wertlose schmierzettel, eines privaten freundes von martinz,

wurden 6 millionen euro steuergeld bezahlt

jeder musste wissen, dass das nicht in ordnung sein kann

und weil die justiz eben gar nichts gemacht hat,
ist es gut, dass es medialen druck gibt, dass die opposition auch nicht locker lässt

und wie soll denn auch die investigative arbeit sonst funktionieren,
man geht einen verdacht nach,

und nützt information von innen

oder informaten wenden sich an leute denen sie vertrauen

oder man stellt eben bekanntes in gebündelter form dar, und zeigt damit zusammenhänge die einzelne infos nicht bringen

"informaten" ;-)

das trifft es genau, ein treffendes wort für den heutigen reporter!

automatischer abgleich mit der erwünschten mainstream-meinung eingebaut...

Auch wenn man ihn aus politischen Gründen vielleicht nicht mag, sollte an dieser Stelle doch Hans Pretterebner als Musterexemplar für investigativen Journalismus nicht unerwähnt bleiben. Der Journalist Pretterebner war maßgeblich an der Aufdeckung des Falls LUCONA (Versicherungsbetrug, sechsfacher Mord) beteiligt. Ausgerechnet von der Staatsanwaltschaft wurde er für seine Veröffentlichungen mit Klagen eingedeckt. Die zu keiner einzigen Verurteilung führten!

Auch WORMS und das frühere profil wären noch zu erwähnen. Die Rolle des ORF hingegen nie rühmlich war!

Der gute Mann hieß Worm, der Vollständigkeit halber. Dass ihn manche falsch schreiben, hat er mit seinem Exchef beim Profil gemeinsam, das "s", dass der Worm dazugekriegt hat, hat man dem Lingens oft gestohlen und ihn so zu einem Lingen gemacht. Vielleicht deswegen, weil dem Volke der Name Lingen durch den guten Theo geläufiger war.

"...können wir in erster Linie den so oft geschmähten" Grünen verdanken!?

teeren, federn, quote feiern

medien sind ja gott sei dank nicht gleich richter. allerdings schaffen sie im nu einen Gerichtssaal "Öffentlichkeit" mit eindeutigem ziel: teeren, federn, quote feiern. pardon - natürlich sind nicht alle medien gleich. sind ja auch nicht alle leser gleich. falter und standard jedenfalls kann ich gar nicht genug dafür danken, bei manchen spielchen nicht mit zu tun. beim orf hab ich zumindest tageweise den eindruck, dass es einen wachsamen kern gibt. der general gehört - in meinen augen - nicht dazu.

1. mangelnde Kontrollrechte

der Öffentlichkeit (für Journalisten oder Privatpersonen) und 2. zu geringe Transparenzpflichten der gesamte Öffentlichen Hand inkl. Dunstkreis um sie herum (Staatsanteile an Firmen und Organisationen) und 3. eine weisungsgebundene Staatsanwaltschaft zusammengenommen sind das Grundübel, meiner Meinung nach, das sofort beseitigt gehört.

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