Islamfeinde-Treffen: "Neonazismus für die Zeit nach 9/11"

Interview
  • Die Swedish und English Defense League protestiert gegen eine Moschee in Göteborg 2011.
    foto: reuters

    Die Swedish und English Defense League protestiert gegen eine Moschee in Göteborg 2011.

  • Autor Arun Kundnani.
    foto: prvat

    Autor Arun Kundnani.

Die Counterjihadisten waren Breiviks geistige Ziehväter, meint Autor Arun Kundnani.

Warum das internationale Treffen am Samstag in Stockholm von Bedeutung für die Bewegung ist, erklärte er Tobias Müller.

STANDARD: Viele Anliegen der Counterjihadisten klingen sehr vernünftig, etwa ihr Kampf gegen Steinigungen oder das vehemente Verteidigen der Satirefreiheit im Fall der Mohammed-Karrikaturen. Was ist so gefährlich an diesen Leuten?

Kundnani: Counterjihadisten haben den Neonazismus für die Zeit nach 9/11 neu erfunden. Während Neonazis davon ausgehen, dass es eine geheime Verschwörung der Juden gibt, um die Weltherrschaft zu übernehmen, nehmen Counterjihadisten das Gleiche für Muslime an - die Struktur der Erzählung ist dieselbe. Sie führt dazu, dass alle Muslime unter Generalverdacht geraten, genauso wie die Juden vor 100 Jahren. Weil die Counterjihadisten aber eher mit Kultur argumentieren als mit Rasse, ist die Gefahr, die von ihnen ausgeht, weniger offensichtlich. Früher oder später verplappern sich die meisten aber und man sieht ihr wahres Gesicht.

STANDARD: Prominente Vertreter der Bewegung aus den USA, etwa Pamela Geller oder Robert Spencer betonen immer wieder ihre Ablehnung faschistischer Ideen. Gleichzeitig marschieren sie nun mit Leuten, die aus der europäischen extremen Rechten kommen - wie geht das?

Kundnani: In den USA finanziert sich die Bewegung großteils aus Geldern der Pro-Israel-Lobby. Weil die europäischen Counterjihadisten Juden als Feindbild durch Muslime ersetzt haben und Rasse durch Kultur, sind sie für diese Lobby akzeptabel. Dieses Bündnis ist aber ein sehr fragiles und kann jederzeit zerbrechen, wenn sich alte antisemitische Vorurteile wieder zeigen.

STANDARD: Was sind sonst die Unterschiede zwischen europäischen und US-amerikanischen Counterjihadisten?

Kundnani: In den USA sind diese Leute anders organisiert: Dort konnten sie Thinktanks aufbauen und Geldquellen anzapfen. Ihr größter Coup war sicher die erfolgreiche Kampagne gegen das muslimische Zentrum in der Nähe von Ground Zero - und dass sie es geschafft haben, dass zehn bis 20 Prozent der Amerikaner glauben, Obama sei ein geheimer Muslim. Der europäische Teil kann auf eine extreme Rechte mit langer Erfahrung mit Aktivismus auf der Straße bauen. In Europa gibt es zudem einige Parteien mit stark counterjihadistischer Ideologie, die es in diverse Parlamente geschafft haben: Geert Wilders Partij Voor de Vrijheid in Holland, oder die Danks Folkeparti in Dänemark.

STANDARD: Warum ist die Bewegung in Nordeuropa so erfolgreich?

Kundnani: Teilweise kann das daran liegen, dass viel von der Rhetorik der Counterjihadisten in protestantischen Ländern überzeugender klingt als in katholischen - etwa, dass die Immigration von Muslimen nach Europa den Kontinent in eine Zeit der religiösen Barbarei wie vor der Aufklärung zurückwirft.

STANDARD: Die Veranstaltung in Stockholm ist nun das erste internationale Treffen. Wie wichtig ist diese neue transatlantische Achse?

Kundnani: Sie hilft den Europäern, von Geldern aus den USA zu profitieren. Und sie erweckt den Eindruck einer geeinten westlichen Zivilisation, die sich gegen die Bedrohung durch den Islam wehrt.

STANDARD: Geller und Spencer betonen, dass sie Gewalt ablehnen. Wie glaubhaft ist das?

Kundnani: Soweit ich weiß, haben sie selbst nie zu Gewalt aufgerufen - ihre europäischen Verbündeten aber schon. Tommy Robinson von der English Defense League etwa hat bei einer Demo vergangenen September angekündigt, dass die EDL "Vergeltungsschläge" gegen islamische Muslime ausführen werde, wenn die Al-Kaida noch einen erfolgreichen Anschlag in Großbritannien durchführt.

STANDARD: Nach dem Breivik-Attentat wurden Counterjihadisten wie der Blogger Fjordman beschuldigt, seine geistigen Ziehväter zu sein. Geller und Spencer verweisen gern darauf, dass auch Obama in Breiviks Manifest vorkommt. Wie sehen Sie das?

Kundnani: Die Argumentation in dem Manifest läuft ungefähr so: Erstens ist der Islam eine totalitäre politische Ideologie, die versucht, die westliche Zivilisation per Einwanderung zu zerstören. Das hat Breivik vor allem von Spencer abgeschrieben. Und zweitens muss Europa zurückschlagen. Breiviks wichtigste Quelle dafür ist Fjordman. Sogar der Titel von Breiviks Text ist aus einem Fjordman-Blog! (Tobias Müller, DER STANDARD, 4./5.8.2012)


Arun Kundnani ist ein britischer Autor und Menschenrechtsaktivist. Er forscht derzeit am Institute for an Open Society in New York. 2007 erschien sein Buch "The End of Tolerance - Racism in 21st Century Britain".

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