Die Architekten der Archen

  • Florale Solarkraftwerke: die "Sunny Waterlilies".
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    Florale Solarkraftwerke: die "Sunny Waterlilies".

  • Hausboot war gestern: Vincent Callebaut plant mit dem "Lilypad" eine ganze Stadt auf dem Meer.
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    visualisierung: vincent callebaut architectures

    Hausboot war gestern: Vincent Callebaut plant mit dem "Lilypad" eine ganze Stadt auf dem Meer.

Die Meeresspiegel steigen, die Küstenstädte sind bedroht. Immer mehr Planer denken jetzt schon an das zukünftige Leben auf und mit dem Wasser

Der erste Pionier war ein Psychopath. Seine Kreation "Atlantis", ein schwarzes schwimmendes Periskop auf vier Füßen, war jedoch von hoher Eleganz. Das mussten auch der Spion James Bond und die Russin, die ihn nicht nur im Titel des Films liebte, anerkennen, als sie sich der Hochseefestung des damals aktuellen Bond-Bösewichts Karl Stromberg alias Curd Jürgens näherten. Dessen perfides Ziel: eine neue Zivilisation auf und unter dem Ozean zu gründen.

18 Jahre später war der Wasserspiegel im Film bereits katastrophal gestiegen: In Kevin Costners feuchtem Millionenflop "Waterworld" besegelte dieser als grimmiger Held einen nahezu komplett überfluteten Globus, bevölkert von Überlebenden auf archaisch zusammengebastelten Floßfestungen. Für futuristisch glattes Bond-Design war hier keine Zeit mehr.

Wasser hat Hochkonjunktur

Heute taut das Inlandeis in Grönland, und die Prognosen zum steigenden Meeresspiegel unterscheiden sich nur noch im Wann und Wieviel. Die Verstädterung nimmt gerade in den Millionenmetropolen, die an Küsten oder Flussmündungen liegen, rapide zu. So hat das Wasser auch in der Architektur wieder Hochkonjunktur. Nicht wenige junge Planer ergehen sich in rauschhaft gephotoshoppten Träumen gefluteter New Yorker oder Tokioter Straßen - eine aus Graphic Novels, Science-Fiction und Computerspielen gespeiste Lust an Desaster und Dystopie. Sie sehen halt gar zu schön aus, die nassen Ruinen.

Daneben gibt es jedoch einige, die sich seriöser, wenn auch kaum weniger visionär, an die aquatische Zukunft des Bauens heranwagen. Eine Hochburg des Planens mit dem Wasser sind, kaum verwunderlich, die Niederlande, wo man aus jahrhundertelanger Erfahrung des technologischen Bändigens von Sturm und Flut schöpfen kann. Hier arbeiten Architekten und Forscher zusammen wie etwa in der Flood Resilience Group, die von der Unesco und der TU Delft ins Leben gerufen wurde.

Klein-Venedig

Einer dieser Architekten ist Koen Olthuis vom Büro Waterstudio. "Die Einstellung der Niederländer zum Wasser ist dabei, sich zu ändern", sagt Olthuis. "Früher war das Wasser der Feind, gegen den man sich verteidigen musste. Heute ist man bereit, das Wasser als Lebensraum zu sehen." Sein Plan: einige der mühevoll durch Pumpen trocken gehaltenen rund 4000 niederländischen Polder wieder zu fluten.

"Die Pumpen sind am Limit der Kapazität", sagt Olthuis, "und auf den gewonnenen Wasserflächen kann man schwimmende Siedlungen errichten." Der Waterstudio-Entwurf eines solchen Klein-Venedig soll demnächst in Westland bei Den Haag realisiert werden.

Ideen, die sich nicht nur auf die Niederlande beschränken. Schwimmende Architektur hat, schwärmt Olthuis, eine ganze Reihe globaler Vorteile. "Viele Slums in Entwicklungsländern liegen direkt am Wasser, dort ist der Raum noch knapper als bei uns. Bauten auf dem Wasser können hier Entlastung schaffen und den Lebensstandard steigern. Und da Wasser ein idealer Stoßdämpfer ist, wären diese Bauten auch bei Tsunamis sicherer als die an Land."

Bangkok sinkt ab

Vom Polder-Venedig zum Archipel aus kleinen Arche Noahs ist es nur ein kleiner Schritt. Irgendwann, so Olthuis, könnten die Inseln sich sogar selbst versorgen. "Heute schaffen wir maximal 60% an Eigenversorgung mit Strom und Wasser, in 15 Jahren könnten es schon 100% sein." Für die Regierung der von der kompletten Überflutung bedrohten Malediven erarbeitete Waterstudio einen Plan für fünf autarke Inseln wie die seesternförmige Hotelinsel "Green Star" als Ort für zukünftige Klimakonferenzen.

Ähnlich visionär ging das Büro S+PBA aus Thailand bei seinem Projekt "Wetropolis" für Bangkok vor. Der weiche Boden unter der dichtbebauten thailändischen Hauptstadt sinkt Jahr für Jahr um zehn Zentimeter ab. Die Garnelenzucht hat die Mangrovenwälder verschwinden lassen und das Wasser verseucht. Die Lösung: eine Stadt in den Lüften, DNS-artig verzwirbelt und modular zusammengesteckt; darunter haben Wasser, Land und Mangroven ihre ausgepegelte Ruhe. Eine gleichzeitig ökologische und glattpolierte Version der Raumgitter und selbstversorgenden schwebenden Städte aus den euphorischen Entwürfen der 1960er-Jahre.

Noahs aus den Niederlanden

Ein noch formvollendeter auftrumpfender Spezialist in schwimmenden Städten ganz großen Maßstabs ist der französische Architekt Vincent Callebaut. Seine verführerisch opulenten Visualisierungen zeigen biomorph geformte, grüne und emissionsfreie Großgebilde wie das "Lilypad". Die dreiblättrige, selbstversorgende Stadt für 50.000 Einwohner, Flüchtlinge aus den unter dem Meeresspiegel versunkenen Städten, soll wie ein Hybrid zwischen ewiger Arche und Kreuzfahrtschiff frei auf den Weltmeeren zirkulieren. In welcher Staatsform die Bevölkerung dieser Designerblüte leben soll, wäre eine spannende Frage.

Ein ähnlich florales Formenvokabular, aber sowohl greifbarer als auch poetischer, verheißt das Projekt "Sunny Waterlilies" von The Why Factory, wiederum aus den Niederlanden. Der Thinktank des Büros MVRDV schlägt schwimmende Solarkraftwerke in Form von geöffneten Seerosen vor, die sich an beliebige Küsten andocken lassen. "Wir wollen zeigen, dass man ökologischen Kraftwerken dieselbe Bewunderung entgegenbringen kann, mit der wir auch vor der Golden Gate Bridge stehen", sagt Architekt Ulf Hackauf von der Why Factory.

Hitze, in Salz gespeichert

Wie funktionieren die Stromspender? "Die Sonnenenergie wird zunächst in Hitze umgesetzt, die einen Generator antreibt, der Strom erzeugt", erklärt Hackauf. "Wir wollen hierfür Thermalbatterien benutzen, in denen die Hitze in Salz gespeichert wird. Salz hat einen hohen Schmelzpunkt und kann Hitze bis zu etwa acht Stunden speichern und danach fast verlustfrei wieder abgeben."

Noch ist es eine Idee ohne Auftraggeber, aber man hat die Ambition, sie umzusetzen. Binnen eines Jahres, so die Macher, soll dies möglich sein. Eine Auszeichnung gibt es jetzt schon: Im November wird dem Projekt der Zumtobel Group Award verliehen. Die besten Noahs kommen eben immer noch aus den Niederlanden. (Maik Novotny, DER STANDARD, Album, 4./5.8.2012)

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