"Das zerstört die Reputation der gesamten Republik"

Interview4. August 2012, 09:32
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Bundeskanzler Werner Faymann und der Architekt Wolf D. Prix unterhalten sich über die Macht der Banken, die Identifikation mit Europa und das Image der Politiker

STANDARD: Von Bertolt Brecht stammt das Zitat "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?". Herr Prix, Sie errichten in Frankfurt das neue Gebäude der Europäischen Zentralbank, ein Riesenprojekt, das 2014 fertiggestellt werden soll. Im Brecht'schen Sinne machen Sie sich zum Mittäter, sind Teil eines verbrecherischen Komplotts.

Prix: Ich baue das Gebäude nicht, ich habe es entworfen, habe mich also der Planung "schuldig" gemacht, wenn Sie so wollen. Und wir haben uns beworben, weil ich glaube, dass Europa auch dreidimensionale Zeichen braucht. Gebäude, an denen man Europa ablesen kann.

STANDARD: Ausgerechnet eine Bank soll als Zeichen für Europa stehen?

Prix: Eine Bank ist auch ein Steuerungsinstrument. Wenn das Instrument gut gehandhabt wird, ist Geld das, was die Welt bewegt.

STANDARD: Herr Bundeskanzler, die Erwartungen in die EZB sind extrem hoch. Soll die Rolle der EZB noch ausgebaut werden, oder muss man sich fürchten, dass Europa unter Kuratel der Banken gerät?

Faymann: Wir müssen den Primat der Politik zurückerobern. Die EZB hat eine ordnende Funktion. Sie ist eines der wichtigsten Werkzeuge bei der Bewältigung der Krise. Ich bin dafür, der EZB noch ein größeres Gewicht zu geben, ich bin auch dafür, den Rettungsschirm mit einer Bankenkonzession auszustatten. Derzeit schützen wir in kleinen Schritten, das kann sich ausgehen. Mir als vorsichtigem Menschen wäre es aber lieber, wenn wir einen größeren Schritt setzen.

STANDARD: Herr Prix, haben Sie keine Angst, dass dieser Bau in Frankfurt als Protzbau empfunden wird?

Prix: Nein, die Angst habe ich nicht. Die EZB spielt eine sehr positive Rolle. Ich habe sogar schon einen Vorschlag zur Ausweitung des Gebäudes gemacht. Wovor ich Angst habe, ist, dass wir schön langsam die Identifikation mit Europa verlieren. Ich höre immer wieder, dass die Europäer nicht an Europa glauben.

STANDARD: Wie kann man Europa den Bürgern wieder näherbringen?

Faymann: Indem man sagt, wir sind mittendrin, wir sind Europa. Es handelt sich nicht um den Mars, den man den Leuten näherbringen muss, sondern um die Region, in der wir leben. Wir können uns nicht darüber freuen, wenn es dem Nachbarn schlecht geht, denn dann geht es als Nächstem uns schlecht. Eine kluge Politik besteht darin, dass wir uns rechtzeitig auch um die anderen kümmern und niemanden hängen lassen. Ich glaube, dass die Österreicher da auch ein gutes Gespür haben. Und die Österreicher wollen mit Sicherheit nicht aus dem Euro austreten. Es gehört vieles verbessert, keine Frage, aber davonrennen, austreten, zerstören, zusammenhauen und der nächsten Generation ein Trümmerfeld hinterlassen, das wollen die Österreicher mit Sicherheit nicht.

STANDARD: Herr Prix, Sie brauchen sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Soll man Griechenland pleitegehen lassen?

Prix: Ich nehme Politiker prinzipiell nicht in Schutz. Aber ich beneide sie in dieser Situation nicht. Für komplexe Probleme gibt es nur komplexe Lösungen. Und diese sind wahnsinnig schwer zu kommunizieren. Da haben es die Populisten viel einfacher. Wenn Griechenland und Spanien und Italien aus der Eurozone ausscheiden, wäre das eine Katastrophe. Die Amerikaner denken da anders. Nie haben die USA gesagt, Kalifornien ist bankrott, die wollen wir nicht mehr. Wir müssen auch beginnen, anders zu denken.

STANDARD: In Frankreich ist eine abgemilderte Form der Finanztransaktionssteuer in Kraft getreten, die auf französische Aktien beschränkt ist. Ist auch ein Alleingang Österreichs möglich?

Faymann: Wir haben bei der Bankenabgabe einen Alleingang gemacht, damit kommen 500 Millionen pro Jahr ins Budget, so leisten auch die Banken einen Beitrag in der Krise. Sollte eine Finanztransaktionssteuer scheitern, was ich nicht hoffe, kann ich mir vorstellen, dass wir in Richtung Börsenumsatzsteuer gehen. Ich wünsche mir aber eine richtige Finanztransaktionssteuer, die auch den Wertpapierhandel erfasst, der nicht über die Börse läuft. Am besten wäre eine weltweite oder zumindest europäische Finanztransaktionssteuer, aber eine Koalition der Willigen ist ein wichtiger Schritt.

STANDARD: Wie groß ist da Ihre Zuversicht?

Faymann: Sehr groß. Wir haben beim Europäischen Rat einen Beschluss gefasst, dass bis Dezember das Gesetz vorgelegt wird, wie die Finanztransaktionssteuer aussieht. Auch Deutschland wird dabei sein. Da wären wir einmal, wir nennen es die gutwilligen neun, zehn oder elf, die zugleich damit beginnen. Nur wenn das flächendeckend scheitert, würden wir auf den Notfallplan einer österreichischen Börsenumsatzsteuer umsteigen. Aber eigentlich muss man es als Mindestgrenze sehen, dass einmal die Gutwilligen in Europa beginnen.

STANDARD: Herr Prix, wo legen Sie Ihr Geld an?

Prix: Da fragen Sie den Falschen. Architekten haben nie Geld. Ich weiß, dass die Gerüchte anders lauten. Aber fragen Sie meine Bank.

STANDARD: Die Bank hat Geld bei Ihnen angelegt?

Prix: Ja, ungefähr so.

STANDARD: Sie haben einmal gesagt, Sie wollen mit Ihrer Architektur auch polarisieren ...

Prix: Polarisieren, ja, aber nicht provozieren. Provokation um der Provokation willen ist unnötig verschleuderte Energie. Polarisieren hingegen dient der Identifikation. Wenn ein innovatives Gebäude kritisiert wird und Spitznamen bekommt, ist das der erste Schritt zur emotionalen Besitzergreifung.

STANDARD: Kann und soll ein Politiker polarisieren?

Prix: Ich denke, dass es für einen Politiker wichtiger ist, die Leute mitzunehmen, als zu polarisieren. Aber er muss schon auch Profil zeigen.

STANDARD: Herr Bundeskanzler, wollen Sie auch polarisieren, oder arbeiten Sie nur daran, wiedergewählt zu werden, arbeiten Sie nur daran, gefallen zu wollen?

Faymann: Wenn Polarisieren dazu führt, dass man seinen Standpunkt verdeutlicht, dann ist das gut. Wenn ich sage, Reich und Arm gehen auseinander und ich will das nicht, dann vertritt man jenen gegenüber, die das für ein Naturgesetz halten, einen polarisierenden Standpunkt. Polarisieren darf aber nicht bedeuten, dass man andere herabwürdigt.

STANDARD: Auch nicht den politischen Gegner?

Faymann: Arroganz ist für einen Politiker nicht angebracht. Bei einem politischen Gegner hängt es davon ab, wie konstruktiv er ist. Wenn er nur von Bösartigkeit getrieben ist, kann man ihn schwer einbeziehen.

STANDARD: Ist das nicht mühsam, wenn man immer abwägend sein muss und nur den Kompromiss sucht?

Faymann: Der Kompromiss ist oft mühsam und dauert lange, aber das ist eben der Weg, den die Demokratie beschreitet. Natürlich ist es wichtig, Standpunkte deutlich zu machen. Wenn die Leute nicht mehr wissen, wofür man steht, für oder gegen Atomkraftwerke, für oder gegen europäische Politik, für oder gegen Vermögensbesteuerung, wird es belanglos.

STANDARD: Was sagen Sie zu den Vorgängen in Kärnten?

Faymann: Ich verstehe Peter Kaiser gut, der sagt: "Machen wir einen Schlussstrich, machen wir Neuwahlen." Aber es ist nicht Sache des Bundeskanzlers, in Kärnten einzugreifen.

Prix: Kärnten ist ein schönes Land, aber die politischen Vorgänge sind absolut unappetitlich. Da werden alle Spielregeln der Politik missachtet, das zerstört die Reputation der gesamten Republik.

STANDARD: Ist das Image der Politik nachhaltig geschädigt worden?

Faymann: Es gibt viele Leute, die sagen, sie haben kein Vertrauen mehr in die Politik, weil sie von diesen Einzelfällen enttäuscht worden sind. Ich sehe das umgekehrt: Die Tatsache, dass da jetzt die Scheinwerfer draufgehalten werden, dass untersucht wird, dass die Gerichte tätig werden, dass Schuldige benannt werden, das gibt mir das Vertrauen, dass man zwischen den schwarzen Schafen und den weißen unterscheiden kann.

Prix: Ich hoffe das! Aber glauben tu ich das nicht.

STANDARD: Herr Bundeskanzler, erlauben Sie die Frage: Wie wohnen Sie eigentlich? Designervilla oder Reihenhaus mit Ikea-Charme?

Faymann: Meine Eltern haben in den 70ern in Liesing ein Haus gebaut, mein Vater hat viel selbst gemacht. Ich hab dieses Einfamilienhaus umgebaut, statt der Tapeten die Wände weiß gestrichen und sonst noch einiges geändert. Es ist kein Haus von Wolf Prix, aber ich wohne gerne dort.

STANDARD: Wie wohnen Sie? Altbau oder Neubau?

Prix: Ich wohne in meinem eigenen Bau, das ist ein Appartementbau, ich wohne am Dach oben.

Faymann: Das ist mutig.

Prix: Ja, ich bin gewarnt worden. Die Leute wollen immer den Architekten sprechen, wenn was nicht passt. Ich hatte aber noch keine Beschwerden.

STANDARD: Gibt es eine Maxime aus der Architektur, die auch auf die Politik passt?

Prix: Jeder hat recht, aber nichts ist richtig.

STANDARD: Aha. Herr Faymann, können Sie damit etwas anfangen?

Faymann: Jeder hat recht, der es ehrlich meint und nicht mit zerstörerischer Absicht in der Politik tätig ist. Jemand, der nur Vorurteile vorantreibt, hat nicht recht, aber jeder, der es gut und ehrlich meint, muss in einer Demokratie die Chance haben, gehört zu werden. Von dieser Vielfalt muss man profitieren. (Michael Völker, DER STANDARD, 4.8.2012)

  • Architekt Wolf D. Prix, ein "Komplize" der Zentralbank, will die Leute 
nach Europa mitnehmen, Kanzler Werner Faymann will nicht nur gefallen, 
sondern auch einmal polarisieren.
    foto: standard/fischer

    Architekt Wolf D. Prix, ein "Komplize" der Zentralbank, will die Leute nach Europa mitnehmen, Kanzler Werner Faymann will nicht nur gefallen, sondern auch einmal polarisieren.

  • "Kärnten ist ein schönes Land, aber die politischen Vorgänge sind absolut unappetitlich."
    foto: standard/fischer

    "Kärnten ist ein schönes Land, aber die politischen Vorgänge sind absolut unappetitlich."

  •  Ich verstehe Peter Kaiser gut, der sagt: "Machen wir einen 
Schlussstrich, machen wir Neuwahlen." Aber es ist nicht Sache des 
Bundeskanzlers, in Kärnten einzugreifen.
    foto: standard/fischer

    Ich verstehe Peter Kaiser gut, der sagt: "Machen wir einen Schlussstrich, machen wir Neuwahlen." Aber es ist nicht Sache des Bundeskanzlers, in Kärnten einzugreifen.

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