"Es war ein bisschen wie im Fußball"

Interview3. August 2012, 18:00
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Alessandro De Marchi, künstlerischer Leiter der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, zeigt Verbindungen der Barockoper zum Ballsport, zu Jazz und auch zu Kurtisanen auf

Am Mittwoch startet das Opernprogramm.

STANDARD: Auch im dritten Jahr Ih rer Leitung werden die Festwochen mit einer Rarität eröffnet: Francesco Provenzales "La Stellidaura vendicante", 1674 komponiert, soll die Lücke zwischen der venezianischen und neapolitanischen Schule Ende des 17. Jahrhunderts schließen.

Alessandro De Marchi: Bernard Foccroulle, der heutige Intendant von Aix-en-Provence, hat mich vor ungefähr 17 Jahren auf dieses Werk aufmerksam gemacht. Ich musste bei der Instrumentierung der Partitur bei manchen Arien diese neapolitanische Stilistik rekonstruieren: Die Basso-buffo-Rolle zum Beispiel wird altkalabresisch gesungen. Provenzale benützt für diese Arien einen Volksstil: Dafür werde ich spezielle Instrumente verwenden wie den Colascione, ein in Neapel verwendetes türkisches Instrument, oder die Chitarra battente, ein Gitarre in d, bei der einige Töne wie mit Pedalen gehalten werden, dadurch ergeben sich dissonante Klänge.

STANDARD: Was wissen Sie über die Aufführungsgeschichte des Werks?

De Marchi: Die erste Aufführung fand privat in der Villa irgend eines Conte statt, eine der ersten Hauptdarstellerinnen, Giulia De Caro, war eine berühmte Kurtisane. Provenzale selbst ist ja lange Jahre mit einer kleinen Commedia-dell'Arte-Gruppe durch Italien getourt und dann aber irgendwann in Neapel geblieben, er war dort ein anerkannter Meister. Das Li bretto erinnert inhaltlich manchmal an Shakespeares Romeo und Julia. Der szenische Aufbau ist extrem kleinteilig: Provenzale folgt, wie Monteverdi, stets dem Text; es gibt keine Riesenarien mit tausenden Wiederholungen.

STANDARD: Das Motto der diesjährigen Festwochen ist "Schöne Fremde". Sind die fremden Einflüsse in der Barockzeit in Italien vor allem übers Meer gekommen?

De Marchi: Absolut. Speziell in Genua, in Neapel, in Venedig: San Marco, zum Beispiel, ist eine christliche Kirche, schaut aber aus wie eine Moschee! Und auch heute noch: Wenn man Straßenmusiker in Neapel hört, denkt man, dass man einen türkischen Radiosender aufgedreht hat.

STANDARD: Europa hat damals auch die eigene Kultur in die Welt hinausgetragen.

De Marchi: Die Jesuiten sind damals fast überall gewesen, sie haben als ein Mittel für die Evangelisierung auch die Musik benutzt. Aber sie haben auch erlaubt, dass sich die Musik der missionierten Völker mit ihrer europäischen Musik vermischt. Davon haben wir einige sehr interessante Beispiele im Festwochenprogramm, aus China, aus Südamerika.

STANDARD: In Europa rivalisierte in jener Zeit der französische mit dem italienischen Stil. Mit der zweiten Oper, die Sie bei den Festwochen zeigen, bieten Sie das Werk eines Italieners, der in Dresden wirkte: Giovanni Bontempis "Il Paride" soll die erste italienische Oper gewesen sein, die nördlich der Alpen gezeigt wurde.

De Marchi: Und er hat anscheinend auch die erste komplett deutschsprachige Oper komponiert. Bontempi war ein Multitalent, ein Kastrat, der noch bei Monteverdi gesungen hat, und ein toller Komponist, Schüler von Mazzocchi, in Dresden Assistent und Nachfolger von Schütz. Und er hat für seine Opern auch die Libretti selbst geschrieben und die Bühnenbilder entworfen! Seine Musik ist sehr schön, manchmal naiv, aber immer mit Charme, ganz klar von einem Sänger für Sänger komponiert. Das Libretto ist etwas uneinheitlich, man musste viel kürzen: Die Oper hat ursprünglich mehr als sechs Stunden gedauert.

STANDARD: Wobei lange, bis Mitternacht dauernde Opern ja eigentlich schon fast zum Markenzeichen von Innsbruck geworden sind ...

De Marchi: Ja, manche haben sich beschwert, aber viele haben sich gefreut, endlich einmal eine ba rocke Oper in ihrer kompletten Struktur erleben zu können. Denn wenn man eine Opera seria wie üblich kürzt, kürzt man hauptsächlich die Rezitative, und dadurch entsteht fast so etwas wie ein Arienabend.

STANDARD: Bei Aufführungen in der Barockzeit wurde geredet, gegessen, raus und rein gegangen ...

De Marchi: Absolut. Die Reichen konnten ihre Loge zumachen und sich da amüsieren. Die Stars hatten glühende Fans. Die haben Lärm gemacht, wenn ein anderer Sänger gesungen hat. Es war ein wenig wie beim Fußball! Und alle haben bei den Arien auf das Da capo gewartet um zu hören: Was lässt sich der Sänger heute einfallen? Das war bei jeder Aufführung anders, wie heute beim Jazz. (Stefan Ender, DER STANDARD, 4./5.8.2012)

Alessandro de Marchi, Jahrgang 1962, ist seit 2010 künstlerischer Leiter der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, seit 1998 Leiter der Academia Montis Regalis. Der gebürtige Römer und ehemalige Assistent von Daniel Barenboim ist ein Ausbund an Freundlichkeit und Korrektheit und ein international gefragter Spezialist für Barockmusik.

  • Alessandro De Marchi, künstlerischer Leiter der Festwochen Alter Musik 
in Innsbruck, im Riesensaal der Hofburg - bevor es mit "La Stellidaura 
vendicante" am kommenden Mittwoch losgeht.
    foto: innsbrucker festwochen / vandory

    Alessandro De Marchi, künstlerischer Leiter der Festwochen Alter Musik in Innsbruck, im Riesensaal der Hofburg - bevor es mit "La Stellidaura vendicante" am kommenden Mittwoch losgeht.

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