Jüdisches Stimmenkonzert für einen idealen Ohrenzeugen

Schnitzlers Roman "Der Weg ins Freie" (1908)

Man tut gut daran, Georg von Wergenthin nicht einfach für töricht zu halten. Arthur Schnitzlers (1862-1931) erster Romanheld trägt die wenig sympathischen Züge der Unentschlossenheit. Seine Eltern sind gerade verstorben. Georg ist der unmittelbaren Mühsal der Erwerbsarbeit überhoben. Er selbst gefällt sich als Komponist kleinerer Lieder und Stücke, über deren Qualität selbst seine besten Freunde sich kein abschließendes Urteil zu fällen getrauen.

Georg ist das Produkt der Wiener Belle Époque. Er verkehrt als gern gesehener Gast in den Salons jüdischer Patrizier. Dort übt er sich vor allem in der Rolle des Zuhörers. Wergenthin - und das haben manche Kritiker von Der Weg ins Freie (1908) geflissentlich überlesen - ist in seiner bornierten Durchschnittlichkeit der ideale "Ohrenzeuge" (Elias Canetti).

Selbst gewohnt, das eigene Tun durch das Kaleidoskop wechselnder Stimmungen zu betrachten, gewahrt Ge org die Verdüsterung der Zukunftsaussichten für seine jüdischen Freunde.

Der Lueger-Antisemitismus nötigt das liberale, großteils assimilierte Wiener Judentum zur Nabelschau. Die zionistische Bewegung entfaltet auf viele ihre Anziehungskraft - und wird doch gerade von einigen besonders bewussten Juden brüsk zurückgewiesen. Selbst säkulare Spötter wie der Ex abgeordnete Berthold Stauber oder Dandys wie der nervöse Dichter Heinrich Bermann sehen sich gezwungen, über ihre Herkunft nachzudenken und eine Identität zu behaupten, die ihnen aufgezwungen wird.

Schnitzlers tiefe Abscheu vor jeder Wesenszuschreibung von außen mag ihm die Feder geführt haben. Der Weg ins Freie ist ein Gesellschaftsroman wie unter dem Eindruck einer Gewitterstimmung. Wergenthin liebäugelt im Salon des Indus triellen Ehrenberg mit dessen Tochter Else. Ein Verhältnis geht er aber dann doch lieber mit der kleinbürgerlichen Anna Rosner ein, in deren Haus bereits der deutschnationale Ungeist die Luft verpestet.

Seine unendlich traurige Liebesgeschichte mit Anna ist die Bankrotterklärung einer Lebensauffassung, die sich unausgesetzt ihrer Freiheitsaussichten zu versichern sucht. Annas Schwangerschaft mündet in das epochentypische Prozedere. Sie wird mitsamt ihrem Babybauch in ein Gartenhäuschen nach Salmannsdorf verräumt. Der Bub, mit dem sie niederkommt, stirbt noch in der Stunde seiner Geburt.

Georg, der gar nie an Heirat dachte, sieht sich zum ersten Mal mit der Macht des Schicksals konfrontiert. Er, der den toten Säugling ohne besondere Anteilnahme in Armen hält, fühlt sich "wie verschmäht von einem Wunder, dessen Ruf er ohne Andacht gehört hatte."

Der Lockruf, der Wergenthin hinaus "ins Freie" weist, flüstert den Namen "Detmold". Dort tritt der hoffnungsvolle Nachwuchskomponist eine Stelle als Korrepetitor an. Es werden sich andere Annas für ihn finden lassen. Den in Wien zurückbleibenden Juden aber wird weiterhin "Jud! Kusch!" von den Parlamentsbänken aus zugerufen. Schnitzlers äußerst erfolgreicher Roman lässt die ausweglose Lage für die Juden mehr als nur erahnen: in Ös terreich, dem, wie es heißt, "Land der sozialen Unaufrichtigkeiten". (Ronald Pohl, DER STANDARD, 4./5.8.2012)

 

Die Serie mit Werken des Jahresjubilars wird unregelmäßig fortgesetzt.

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