Wie die "Queerschläger" tanzen

Helmut Ploebst
3. August 2012, 17:39
  • Koffi Kôkô verwischt die Schwarz-Weiß-Malerei zwischen Gottvater und 
Belzebub mit "La beauté du diable" ("Die Schönheit des Teufels") bei 
Impulstanz.
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    foto: arnaldo jg torres

    Koffi Kôkô verwischt die Schwarz-Weiß-Malerei zwischen Gottvater und Belzebub mit "La beauté du diable" ("Die Schönheit des Teufels") bei Impulstanz.

Queerness im Tanz reicht über die reine Geschlechterpolitik hinaus. Beispiele für das Verwischen von Grenzen sind etwa Koffi Kôkô, Chris Haring, Bengolea & Chaignaud und Mark Tompkins

Wien - Auf den ersten Blick liegt es nicht auf der Hand, das Stück La beauté du diable, das der berühmte Choreograf und Voodoo-Priester Koffi Kôkô aus Benin gerade bei Impulstanz in der Museumsquartier-Halle G gezeigt hat, mit "Queerness" in Verbindung zu bringen. Ist dieser Begriff doch seit zwanzig Jahren fast ausschließlich mit Diskussionen über die Geschlechterpolitik verbunden. Aber seine Bedeutung reicht noch weit darüber hinaus, weil "queeres" Denken auch allgemein das Gegenteil von Schwarz-Weiß-Denken, Normschemata und Entweder-oder-Mentalität fördert.

Insofern ist Kôkôs höllisch gut getanzte Einlassung über "Die Schönheit des Teufels" also ein "Queerschläger" im Raum der vereinfachenden Trennung von Himmelvater und Beelzebub etwa in der christlichen Kultur. Sein Solo ist eigentlich ein Trio zusammen mit einer Art Geisterfetisch aus mehreren bunten Stofflagen, Pailletten und Muscheln und einer Percussion-Gruppe.

Sobald der über 60-jährige Schwarzafrikaner, der sein genaues Alter nicht preisgibt, Gesicht und Oberkörper bemalt hat, beginnt ein Teufel im weißen Anzug mit seiner Ambivalenzarbeit. Einerseits im kontradiktorischen Charakter seiner Gesten und zum anderen in seinem Verhältnis zur Musik. Während diese immer schneller und lauter wird, bleibt der Tanz des Leibhaftigen kontrolliert gemessen. Das erzeugt eine wachsende Spannung.

Schönheit des Teufels

Die Schönheit des Teufels besteht also in seiner Beherrschtheit gegenüber den vitalen Klängen der Combo. Kühl dagegen ist das Klangkonzept bei Chris Harings Stück The Perfect Garden, in dem es ebenfalls um eine Ambivalenz geht. In einem ins Odeon ge stellten Garten Eden wuchert etwas Höllisches. Dieses offenbart sich in der Marionettenhaftigkeit der Figuren auf der Bühne, ein Grüppchen von Live-Avataren, das von einer verrückten Medienmatrix gesteuert zu werden scheint.

Queer: Verwandlungsleistung

"Queer" ist hier nicht nur die Vorspiegelung von Genuss in einer genau diesen verzerrenden Atmosphäre, sondern auch die Verwandlungsleistung der Tänzer. Dabei gebiert die Leidenschaft Monster. Eine Frau droht mit männlich gewordener Stimme zum Killer zu werden. Eine an dere wälzt sich mit einem Babylachen auf dem Boden. Die Gruppe wird zur Bewegungsmaschine. Die bei Impulstanz im Rahmen der Choreographic Platform Austria gezeigte Version dieses perfekten Gartens ist die gelungene Weiterentwicklung eines bestehenden Stücks.

Haring demonstriert hier, wie sich fertige Choreografien noch verändern können - was eigentlich eine Spezialität von William Forsythe ist, der viele seiner Stücke in verschiedenen Varianten präsentiert. Diese innere, strukturelle Beweglichkeit des Tanzes unterscheidet ihn von jenen Kunstformen, die mit Fixierung arbeiten müssen. Weil der zeitgenössische Tanz Elemente aller anderen Genres in sich aufnehmen oder auch in andere Disziplinen migrieren kann, ist er an sich bereits eine "queere" Kunst.

Den Bereich der genderpolitischen "Queerness" decken bei Impulstanz unter anderen Mark Tompkins, Cecilia Bengolea und François Chaignaud, Miguel Gutierrez, An Kaler oder Trajal Harrell ab. Zusammen mit Mathieu Grenier spielt der in Frankreich lebende Amerikaner Tompkins im Schauspielhaus dem Publikum ei ne Show vor. Opening Night - a vaudeville ist nicht nur ein ein Ritt auf den Sentimentalitätswellen des alten Cabaret, sondern eine ironische Reflexion über dieses Unterhaltungsmetier. Tompkins ist ein wahres Naturwunder des Crossdressing, und Grenier entzückend in seiner komödiantischen Eitelkeit.

Direkt in die Performance von Gender-Queerness führt der New Yorker Trajal Harrell, mit dem legendären Harlem-Voguing - Catwalkbewegungen in fantasievoller Kleidung - und der Antigone-Figur aus der griechischen Mythologie. Schade nur, dass seine Antigone Jr., vom Festival in der Garage X gezeigt, auf künstlerischer Ebene eher stolpert als tanzt.

Freie Tänze

Ähnliches könnte man von den Danses libres des Künstlerduos Bengolea und Chaignaud auch behaupten, weil sie die von ihnen neu erarbeiteten Freien Tänze des frühmodernen Choreografen François Malkovsky (1889-1982) zum Teil wirklich schlampig vortragen. Aber sie erweitern die Idee der Freiheit, die Malkovsky in den 1920er-Jahren entwickelte, noch einmal.

Es geht nicht um eine detailgerechte Rekonstruktion der Tänze, sondern um eine Übersetzung derselben in die Gegenwart mit all ihren Widersprüchen. Bengolea und Chaignaud verbinden mehrere Schichten der Queerness: die das soziale Geschlecht betreffende sowieso, aber auch jene der Gesellschaftlichkeit von Kunst. Und das kommt gut. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 4./5.8.2012)

"The Perfect Garden", "Opening Night" & "Antigone Jr." jeweils noch einmal am 4. 8.

www.impulstanz.com

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2 Postings
Dieu et diable

...il est plus difficile d'aimer Dieu que de croire en lui. Au contraire, il est plus difficile pour les gens de ce siècle de croire au diable que de l'aimer. Tout le monde le sent et personne n'y croit. Sublime
subtilité du Diable.

Es ist schwieriger, Gott zu lieben als an ihn zu glauben. Hingegen ist es für die Leute dieses Jahrhunderts schwieriger, an den Teufel zu glauben als ihn zu lieben. Alle Welt dient ihm, und keiner glaubt an ihn. Höchste List des Teufels.

Das ist jetzt aber schon der verzwifelte Versuch, Aufführungen unter einem "Motto" zusammenzufassen, damit der Artikel irgendwie einen roten Faden hat ...

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