Österreich zur Sprache bringen

Wolfgang Weisgram, 3. August 2012, 18:27
  • Deutsch-, Türkisch- und Serbischunterricht an einer bilingualen Volksschule in Wien.
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    Deutsch-, Türkisch- und Serbischunterricht an einer bilingualen Volksschule in Wien.

  • Österreich und seine Sprachen.
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    Österreich und seine Sprachen.

Österreichs Volksgruppen erzählen der Welt, dass das Land doch nicht ganz so klein ist, wie es manchmal tut

Österreich ist ohne Zweifel ein deutschsprachiges Land. Aber so deutschsprachig, wie viele tun, ist das Land auch wieder nicht. Ja, es lebt zu einem guten Teil von seiner sprachlichen Vielfalt, auch wenn die im allgemeinen Bewusstsein hauptsächlich aufs Essen bezogen wird: von den Pogatschen über die Palatschinken bis hin zu den Bramburi, wie im Waldviertel auch die Kartoffel heißen.

Nein: Die Bramburi heißen Eapfe. Und weiter südöstlich Grumbia, weshalb die Ungarn ihre Kartoffel auch "krumpli" nennen und die Kroaten die ihren "krumpir". So eng verzahnt sich das, wenn man einander zu Tisch lädt, wo man sich ja gewohnheitsmäßig vieles zu erzählen hat. Eben das mit den Bramburi zum Beispiel, die aus dem Tschechischen ins Waldviertlerische gesickert sind. Und die Tschechen haben ihre "brambory" von Brandenburg, wo Friedrich der Große den Anbau der Kartoffeln forcierte, die deshalb bald auch Brandenburger hießen.

Meidlinger L

Solche sprachliche Verzahnung ist es, die dem Österreichischen seine - regional klarerweise sehr unterschiedliche - Färbung gibt. Das sogenannte "Meidlinger L" etwa, das seinen slawischen Zungenschlag gar nicht verbergen will, so es das überhaupt könnte.

Österreichs Politik hat, was das Reden betrifft, einen gänzlich anderen Akzent. Was in den vergangenen Jahren, aufgehusst von freiheitlicher Hetzerei, an Deutschsprechvorschlägen in die sogenannte Integrationsdebatte geworfen wurde, erinnert in vielem an jene Nationalfundamentalisten, die am Ende des vorvergangenen Jahrhunderts nicht nur gegen die verordnete Gleichstellung von Tschechisch und Deutsch Sturm gelaufen sind, zum Schaden aller.

Karl Kraus hat 1903 die sprachchauvinistischen Aufwallungen quasi auf Slowenisch beschrieben. In der Fackel erzählte er genüsslich, dass sich "zu den eifrigsten Verfechtern des deutschen Radicalismus" ein Dr. Stepischnegg rechnet, weiters "Schurbi, Kovatschitsch, Jessenko, Jabornegg, Ambrositsch, Mravlag". Diesen gegenüber standen erbittert die Slowenen: "Dr. Kaisersberger, Fischer, Lippoldt, Mayer, Sittig, Plapper".

Die Frage, welche Sprache gesprochen werden soll, ist schon damals hitzigst besprochen worden. Bis heute sieht man darin eher die Möglichkeit des Schurigelns. Eine Haltung, die schon beim Umgang mit den autochthonen Sprachminderheiten eingeübt wurde, denen man über Jahrzehnte hinweg das Menschenrecht verweigerte. Nicht nur in Kärnten, dort aber ganz besonders. Und der mit den zynischen Ortstafelverrückern dann heuer endlich erzielte Kompromiss wird in keiner der sechs anerkannten Volksgruppen als großzügig, weitherzig empfunden. Im Gegenteil.

Der STANDARD hat sich nicht nur deshalb aufgemacht zu einem sommerlichen Spaziergang durch Österreichs Sprachlandschaft. Ein Spaziergang, der vom Burgenland über Wien nach Kärnten führt, aber auch dort vorbeikommt, wo gerade die autochthonen Volksgruppen der Zukunft sich formieren.

Als Faustregel gilt, dass eine seit drei Generationen hier beheimatete Sprache als autochthon, als hiesig, betrachten werden kann. Türkisch und Serbisch - die Sprachen der zwei größten Zuwanderergruppen - sind da auf dem Weg, auch wenn sie, Sprachpädagogen verhöhnend, keine Entsprechungen im Lehrplan finden.

So ein sommerlicher Spaziergang kann nicht überall hinführen. Die Polen, die mit einigem Recht um die Anerkennung als Volksgruppe ringen, blieben nur aus pragmatischen Gründen - jede Serie braucht auch ein Ende - unbesucht.

Aber auch den österreichischen Polen - rund 13.000 - ist es zu verdanken, dass das Land nicht ganz so klein ist, wie die aktuelle Politik das glauben machen will. Alle Volksgruppenvertreter, die der STANDARD besuchte, wiesen auf diesen Vergrößerungsfaktor durch die Sprache hin. Die Burgenlandkroaten, die Roma, die Tschechen und Slowaken, die Slowenen und Ungarn, aber eben auch die Türken und Serben verlängern Österreich hinaus in die Welt.

Im krassesten Gegensatz dazu stehen die Bemühungen dieses Landes um seine Volksgruppen. Es geht, no na, ums Geld und die damit vernachlässigte Pflege der Sprache. Im Grunde aber geht es jeder Volksgruppe auch oder vor allem darum, ernst genommen zu werden in ihrer Besonderheit. Fred Hergovich, Chef der ORF-Volksgruppenredaktion in Eisenstadt, die in einem Zimmer im Erdgeschoß des Funkhauses daheim ist, erzählt vom Besuch einer rätoromanischen Delegation. Die Schweizer waren sehr angetan vom Gustav-Peichl-Bau. "Sie meinten aber, allein ihr rätoromanischer Sender habe ein Haus in ungefähr der Funkhausgröße."

Ausquartierung

Bis auf die Slowenen sind alle Volksgruppen in Eisenstadt versammelt. Auch die Wiener, die man bei Radio Wien offenbar als Fremdkörper empfand. Und weil das Burgenland nach Wien hineinstrahlt, gilt die Ausquartierung als rechtlich korrekt.

Das ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie man den Volksgruppen in ihrer verzweifelten Sprachpflege in die Parade fährt: mit Sticheleien, auch glatten Boshaftigkeiten. Als wären jene, die nicht Deutsch als Muttersprache haben, Fremde im eigenen Land.

Die erste deutsche Ich-Erzählung, das grandios-fade Vers-Epos Frauendienst des steirischen Minnesängers und Gefolgsmannes von Premysl Ottokar, Ulrich von Liechtenstein, sang schon im 13. Jahrhundert ein anderes Lied. Liechtenstein lässt seinen Protagonisten - "Ich" - als Frau verkleidet von Venedig nach Böhmen ziehen, von Burg zu Burg, die edlen Herren zum Turnier zu fordern. Als er von Thörl Richtung Villach zog, warteten schon der Kärntner Herzog und sein Gefolge.

Und herzlich empfingen die Kärntner Frau Venus. "Ir gruoz war gegen mir alsus / buge waz primi, gralva Venus." (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 4./5.8.2012)

Wissen

So spricht der ORF

Kroatisch

Wöchentlich 318 Minuten (Radio Burgenland), 30 Min. ORF 2 Burgenland, Dobar dan Hrvati

Ungarisch

Wöchentlich 85 Min. (Radio Burgenland), jährl. 150 Min. ORF 2 Burgenland und Wien, Adj Isten magyarok

Romani

Wöchentlich 20 Min. (Radio Burgenland), jährlich TV 60 Min. im Rahmen der Sendung Servus, Szia, Zdravo, Del tuha (ORF 2 Burgenland)

Tschechisch

Wöchentlich 30 Min. (Radio Burgenland), jährlich 75 Min. TV im Rahmen der tschechisch-slowakischen Sendung Ceské Ozveny / Slovenské Ozveny (ORF 2 Wien)

Slowakisch

Wöchentlich 20 Min. (Radio Burgenland), TV siehe oben.

Slowenisch

Täglich acht Stunden auf Radio DVA-Agora, wöchentlich 30 Minuten TV (ORF 2 Kärnten), Dober dan, Koroška.

Kroatische und slowenische Sendungen auch österreichweit auf ORF 2 (Sonntag auf Montag) und ORF 3 (Dienstag Mittag).

volksgruppen.orf.at

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also im burgenland dürfte der orf die meisten sendungen haben. wenigstens dort...

Schule

In der Schule werden einzelne Sprachen herausgepickt und auf unrealistisch hohem Niveau gelehrt.

Ich finde, dass man den einen oder anderen Shakespeare weglassen könnte und dafür Überblicke über alle möglichen Sprachen geben könnte: z.B. germanische, romanische, slawische und turk Sprachen, kyrillische Schrift und diverse asiatische und afrikanische Sprachen.

besonders urkühl, ah pardon urcool ist natürlich das Englische in der "alten" Sprache.

Aber 'Weltsprachen'

wie Slowenisch, Slowakisch, Kroatisch usw. sind natürlich absolut ein Gewinn ? Was hätte ich in der Schule statt Französisch lieber Spanisch gelernt, damit wäre ich auf der Welt weiter gekommen!

is jo voll mörder hammermäßig

Sprache ist etwas Lebendiges

Eine Sprache zu "pflegen" ist dumm. Sprachen pflegen sich selbst, Wörter anderer Sprachen kommen hinzu, neue Wörter entstehen, alte hingegen werden im Alltag kaum mehr oder gar nicht mehr gebraucht und wiedergegeben ...
Das alles passiert einfach, weil Sprachen wie ein Organismus lebendig sind. Niemand würde zu smsn oder simsn "telegraphieren" sagen. Ein Fernseher ist ebenso auch ein TV-Gerät, aber kein "Kasterl" mehr. Man sollte lieber die Zeit damit verbringen, eine andere Sprache zu lernen, anstatt darüber nachzudenken, ob ein Wort zur deutschen Sprache gehört oder nicht. Wir sollten einfach lernen uns gegenseitig zu verstehen, egal in welcher Sprache.

eine sprache nicht zu pflegen, ist dumm.

den biologischen vergleich kann man auch zum "beweis" des gegenteils zweckentfremden.

ein garten verwildert ohne die "ordnende hand" des gärtners. das bedeutet nicht, dass jedes "unkraut" ausgerissen werden muss.

tierische organismen erfreuen sich im allgemeinen eines funktionierenden immun- und vererbungssystems.

;-)

tierische organismen erfreuen sich im allgemeinen eines funktionierenden immun- und vererbungssystems.

Und so auch die Sprache die keinen Gärtner braucht um sie als barocken Irrgarten zu kultivieren.

den barocken irrgarten schau ich mir an, der ohne den einsatz von harke, heckenschere und spitzhacke in form bleibt.
;-)

aso und wer sagt dass ein verwilderter garten hässlich ist möglicherweise bevorszuge ich einen wilden garten.

darum habe ich auch etwas über das "unkraut" geschrieben. wie auch immer, das sind bildhafte vergleiche.

Einigen wir uns auf Pflege und Nichtpflege

Beispiele für Nichtpflege, die dazu führen, dass auch ein Engländer den gemeinen, nicht gepflegtsprachigen Österreicher verstehen kann:
Mei Karre = my car
mei name is = my name is
wos geht ab = whats up
de sun = the sun
tu dos = do this
... also irgendwie so fifti-fifti stimmts holt ; )
(fifty fifty – liebe Grüße aus der Nachkriegszeit)

diese glanzleistung in den schatten zu stellen, dürfte nur sehr schwer möglich sein.

schöne Sprachblühten, die in deutscher Hochsprache kaum zu überbieten sind

http://www.youtube.com/watch?v=l4Z48KtJKFA

Blüten natürlich ... no do happerts schon mit meiner Grammatik ; )

Sprache braucht Pflege, ohne Zweifel. Ohne Bemühen droht der

Sprache Verarmung und Degeneration. Als Beispiel sei die Verflachung der Grammatik der Deutschen Sprache im allgemeinen Gebrauch genannt.

Hier begin ih einna reda umbe diu tier uuaz siu gesliho bezehinen. Leo bezehinet unserin trohtin turih sine sterihchi. Unde bediu uuiret er ofto an heligero gescrifte genamit. Tannan sagit iacob to er namæta sinen sun iudam.

Ja bin echt traurig über die verarmung.

PS: Dank der Verarmung und "Degeneration" hab ich heute zb. ca. 500 möglichkeiten auszudrücken das etwas super ist: von super über cool, lässig, bam, voi fett, bis hin zu superkalifarig...

Aber ist schon klar.. die pantoffeltierchen denken wohl genauso über die evolution ;)

die Grammatik ist ja nicht urdeutsch

sondern vielfach dem Deutschen aus dem Lateinischen drübergestülpt.
Und auch bei der Grammatik kann manchmal weniger mehr sein, und Unkompliziertes kann eleganter wirken.

Wie auch immer man zu ihrer Aussage bezüglich Grammatik steht

sicher ist, dass der bestimmte Artikel zu Grammatik falsch ist ;-)

Kann ich nicht nachvollziehen.

Es ging ja nicht um Grammatik im Allgemeinen, sondern speziell um die deutsche Grammatik - nach welcher Regel ist hier kein Artikel zu verwenden?

So wie sie formuliert haben geht es um (deutsche) Grammatik

im Allgemeinen.

geh gar nicht. sprache pflegt sich nur durch's erlernen und ihren weitläufigen und vielfältigen gebrauch. ansonsten erstarrt sie - das ist ja gerade auch ein problem, wenn man sich in sogenannten "minderheiten" definiert. einen siebenbürger-deutschen alter schule versteht man nur mehr sehr schwer oder in geschriebener form.

es geht also hier in großem ausmaß um einen freien austausch der menschen untereinander - dann passiert nämlich noch ein anderes wunder: die herkunftssprachen bekommen fremdworte.

Das entspricht nicht meiner Erfahrung

Ich hatte keinerlei Schwierigkeiten, mich mit Siebenbürger Sachsen (jenseits der 70) zu verständigen. Das Exotischste, was mir im Gespräch untergekommen ist, waren Jahreszahlen wie "eintausendneunhundertund siebzig".

Grün für "telegrafieren". Das werd ich jetzt öfter benutzen. =D

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