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Deutsch-, Türkisch- und Serbischunterricht an einer bilingualen Volksschule in Wien.
vergrößern 959x838Österreich und seine Sprachen.
Österreich ist ohne Zweifel ein deutschsprachiges Land. Aber so deutschsprachig, wie viele tun, ist das Land auch wieder nicht. Ja, es lebt zu einem guten Teil von seiner sprachlichen Vielfalt, auch wenn die im allgemeinen Bewusstsein hauptsächlich aufs Essen bezogen wird: von den Pogatschen über die Palatschinken bis hin zu den Bramburi, wie im Waldviertel auch die Kartoffel heißen.
Nein: Die Bramburi heißen Eapfe. Und weiter südöstlich Grumbia, weshalb die Ungarn ihre Kartoffel auch "krumpli" nennen und die Kroaten die ihren "krumpir". So eng verzahnt sich das, wenn man einander zu Tisch lädt, wo man sich ja gewohnheitsmäßig vieles zu erzählen hat. Eben das mit den Bramburi zum Beispiel, die aus dem Tschechischen ins Waldviertlerische gesickert sind. Und die Tschechen haben ihre "brambory" von Brandenburg, wo Friedrich der Große den Anbau der Kartoffeln forcierte, die deshalb bald auch Brandenburger hießen.
Solche sprachliche Verzahnung ist es, die dem Österreichischen seine - regional klarerweise sehr unterschiedliche - Färbung gibt. Das sogenannte "Meidlinger L" etwa, das seinen slawischen Zungenschlag gar nicht verbergen will, so es das überhaupt könnte.
Österreichs Politik hat, was das Reden betrifft, einen gänzlich anderen Akzent. Was in den vergangenen Jahren, aufgehusst von freiheitlicher Hetzerei, an Deutschsprechvorschlägen in die sogenannte Integrationsdebatte geworfen wurde, erinnert in vielem an jene Nationalfundamentalisten, die am Ende des vorvergangenen Jahrhunderts nicht nur gegen die verordnete Gleichstellung von Tschechisch und Deutsch Sturm gelaufen sind, zum Schaden aller.
Karl Kraus hat 1903 die sprachchauvinistischen Aufwallungen quasi auf Slowenisch beschrieben. In der Fackel erzählte er genüsslich, dass sich "zu den eifrigsten Verfechtern des deutschen Radicalismus" ein Dr. Stepischnegg rechnet, weiters "Schurbi, Kovatschitsch, Jessenko, Jabornegg, Ambrositsch, Mravlag". Diesen gegenüber standen erbittert die Slowenen: "Dr. Kaisersberger, Fischer, Lippoldt, Mayer, Sittig, Plapper".
Die Frage, welche Sprache gesprochen werden soll, ist schon damals hitzigst besprochen worden. Bis heute sieht man darin eher die Möglichkeit des Schurigelns. Eine Haltung, die schon beim Umgang mit den autochthonen Sprachminderheiten eingeübt wurde, denen man über Jahrzehnte hinweg das Menschenrecht verweigerte. Nicht nur in Kärnten, dort aber ganz besonders. Und der mit den zynischen Ortstafelverrückern dann heuer endlich erzielte Kompromiss wird in keiner der sechs anerkannten Volksgruppen als großzügig, weitherzig empfunden. Im Gegenteil.
Der STANDARD hat sich nicht nur deshalb aufgemacht zu einem sommerlichen Spaziergang durch Österreichs Sprachlandschaft. Ein Spaziergang, der vom Burgenland über Wien nach Kärnten führt, aber auch dort vorbeikommt, wo gerade die autochthonen Volksgruppen der Zukunft sich formieren.
Als Faustregel gilt, dass eine seit drei Generationen hier beheimatete Sprache als autochthon, als hiesig, betrachten werden kann. Türkisch und Serbisch - die Sprachen der zwei größten Zuwanderergruppen - sind da auf dem Weg, auch wenn sie, Sprachpädagogen verhöhnend, keine Entsprechungen im Lehrplan finden.
So ein sommerlicher Spaziergang kann nicht überall hinführen. Die Polen, die mit einigem Recht um die Anerkennung als Volksgruppe ringen, blieben nur aus pragmatischen Gründen - jede Serie braucht auch ein Ende - unbesucht.
Aber auch den österreichischen Polen - rund 13.000 - ist es zu verdanken, dass das Land nicht ganz so klein ist, wie die aktuelle Politik das glauben machen will. Alle Volksgruppenvertreter, die der STANDARD besuchte, wiesen auf diesen Vergrößerungsfaktor durch die Sprache hin. Die Burgenlandkroaten, die Roma, die Tschechen und Slowaken, die Slowenen und Ungarn, aber eben auch die Türken und Serben verlängern Österreich hinaus in die Welt.
Im krassesten Gegensatz dazu stehen die Bemühungen dieses Landes um seine Volksgruppen. Es geht, no na, ums Geld und die damit vernachlässigte Pflege der Sprache. Im Grunde aber geht es jeder Volksgruppe auch oder vor allem darum, ernst genommen zu werden in ihrer Besonderheit. Fred Hergovich, Chef der ORF-Volksgruppenredaktion in Eisenstadt, die in einem Zimmer im Erdgeschoß des Funkhauses daheim ist, erzählt vom Besuch einer rätoromanischen Delegation. Die Schweizer waren sehr angetan vom Gustav-Peichl-Bau. "Sie meinten aber, allein ihr rätoromanischer Sender habe ein Haus in ungefähr der Funkhausgröße."
Bis auf die Slowenen sind alle Volksgruppen in Eisenstadt versammelt. Auch die Wiener, die man bei Radio Wien offenbar als Fremdkörper empfand. Und weil das Burgenland nach Wien hineinstrahlt, gilt die Ausquartierung als rechtlich korrekt.
Das ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie man den Volksgruppen in ihrer verzweifelten Sprachpflege in die Parade fährt: mit Sticheleien, auch glatten Boshaftigkeiten. Als wären jene, die nicht Deutsch als Muttersprache haben, Fremde im eigenen Land.
Die erste deutsche Ich-Erzählung, das grandios-fade Vers-Epos Frauendienst des steirischen Minnesängers und Gefolgsmannes von Premysl Ottokar, Ulrich von Liechtenstein, sang schon im 13. Jahrhundert ein anderes Lied. Liechtenstein lässt seinen Protagonisten - "Ich" - als Frau verkleidet von Venedig nach Böhmen ziehen, von Burg zu Burg, die edlen Herren zum Turnier zu fordern. Als er von Thörl Richtung Villach zog, warteten schon der Kärntner Herzog und sein Gefolge.
Und herzlich empfingen die Kärntner Frau Venus. "Ir gruoz war gegen mir alsus / buge waz primi, gralva Venus." (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 4./5.8.2012)
Wissen
So spricht der ORF
Kroatisch
Wöchentlich 318 Minuten (Radio Burgenland), 30 Min. ORF 2 Burgenland, Dobar dan Hrvati
Ungarisch
Wöchentlich 85 Min. (Radio Burgenland), jährl. 150 Min. ORF 2 Burgenland und Wien, Adj Isten magyarok
Romani
Wöchentlich 20 Min. (Radio Burgenland), jährlich TV 60 Min. im Rahmen der Sendung Servus, Szia, Zdravo, Del tuha (ORF 2 Burgenland)
Tschechisch
Wöchentlich 30 Min. (Radio Burgenland), jährlich 75 Min. TV im Rahmen der tschechisch-slowakischen Sendung Ceské Ozveny / Slovenské Ozveny (ORF 2 Wien)
Slowakisch
Wöchentlich 20 Min. (Radio Burgenland), TV siehe oben.
Slowenisch
Täglich acht Stunden auf Radio DVA-Agora, wöchentlich 30 Minuten TV (ORF 2 Kärnten), Dober dan, Koroška.
Kroatische und slowenische Sendungen auch österreichweit auf ORF 2 (Sonntag auf Montag) und ORF 3 (Dienstag Mittag).
Die Volksgruppe empfand den Assimilierungsdruck immer besonders stark - nicht nur in der Monarchie
Studie des Integrationsfonds - Staatssekretär Kurz für Deutschkönnen als Voraussetzung beim Schulstart
Die Jugendsprache verändert sich durch "Piefke-" und "Kiez"-Deutsch
Das Wienerische ist zwar schon Deutsch, aber doch eines scharf mit alles
Die Gebärdensprache hat in Österreich einen hohen Stellenwert - zumindest formal. Bei der Umsetzung hakt es aber
Ob Serbisch, Bosnisch und Kroatisch eigene Sprachen sind, daran scheiden sich die Geister
Türkisch ist längst nicht überall wohlgelitten - in der Schule wird die Sprache kaum gefördert
Die beiden Bundesländer schöpfen aus einem reichen Fundus der slawischen Vergangenheit
Wien war einst die größte tschechische Stadt der Monarchie - und profitiert bis heute davon
Das Burgenlandkroatische ist eine alte, für neuzeitliche Kroaten manchmal auch verwirrende Sprache
Die Sprache der Roma wird nun nicht mehr nur gesprochen, sondern auch gelehrt
Die Schrift als Motorisierung des Selbstbewusstseins
Seit 1000 Jahren wird im Burgenland Ungarisch gesprochen, seit 20 wieder als springlebendige Sprache
Soziolinguist Dieter Halwachs erzählt warum Vielfalt gut ist und Uniformität nirgendwohin führt
Dialekte verändern sich wie alle lebendigen Sprachen ständig. So kommt es, dass Wiener Wienerisch verlernen, Grazer nicht wie Steirer klingen, während Vorarlberger unbeirrt Mittelhochdeutsch plaudern und Burgenländer singen
In der Schule werden einzelne Sprachen herausgepickt und auf unrealistisch hohem Niveau gelehrt.
Ich finde, dass man den einen oder anderen Shakespeare weglassen könnte und dafür Überblicke über alle möglichen Sprachen geben könnte: z.B. germanische, romanische, slawische und turk Sprachen, kyrillische Schrift und diverse asiatische und afrikanische Sprachen.
...und über erfundene Sprachen.
http://en.wikipedia.org/wiki/Port... _languages
Eine Sprache zu "pflegen" ist dumm. Sprachen pflegen sich selbst, Wörter anderer Sprachen kommen hinzu, neue Wörter entstehen, alte hingegen werden im Alltag kaum mehr oder gar nicht mehr gebraucht und wiedergegeben ...
Das alles passiert einfach, weil Sprachen wie ein Organismus lebendig sind. Niemand würde zu smsn oder simsn "telegraphieren" sagen. Ein Fernseher ist ebenso auch ein TV-Gerät, aber kein "Kasterl" mehr. Man sollte lieber die Zeit damit verbringen, eine andere Sprache zu lernen, anstatt darüber nachzudenken, ob ein Wort zur deutschen Sprache gehört oder nicht. Wir sollten einfach lernen uns gegenseitig zu verstehen, egal in welcher Sprache.
eine sprache nicht zu pflegen, ist dumm.
den biologischen vergleich kann man auch zum "beweis" des gegenteils zweckentfremden.
ein garten verwildert ohne die "ordnende hand" des gärtners. das bedeutet nicht, dass jedes "unkraut" ausgerissen werden muss.
tierische organismen erfreuen sich im allgemeinen eines funktionierenden immun- und vererbungssystems.
;-)
Beispiele für Nichtpflege, die dazu führen, dass auch ein Engländer den gemeinen, nicht gepflegtsprachigen Österreicher verstehen kann:
Mei Karre = my car
mei name is = my name is
wos geht ab = whats up
de sun = the sun
tu dos = do this
... also irgendwie so fifti-fifti stimmts holt ; )
(fifty fifty – liebe Grüße aus der Nachkriegszeit)
Hier begin ih einna reda umbe diu tier uuaz siu gesliho bezehinen. Leo bezehinet unserin trohtin turih sine sterihchi. Unde bediu uuiret er ofto an heligero gescrifte genamit. Tannan sagit iacob to er namæta sinen sun iudam.
Ja bin echt traurig über die verarmung.
PS: Dank der Verarmung und "Degeneration" hab ich heute zb. ca. 500 möglichkeiten auszudrücken das etwas super ist: von super über cool, lässig, bam, voi fett, bis hin zu superkalifarig...
Aber ist schon klar.. die pantoffeltierchen denken wohl genauso über die evolution ;)
geh gar nicht. sprache pflegt sich nur durch's erlernen und ihren weitläufigen und vielfältigen gebrauch. ansonsten erstarrt sie - das ist ja gerade auch ein problem, wenn man sich in sogenannten "minderheiten" definiert. einen siebenbürger-deutschen alter schule versteht man nur mehr sehr schwer oder in geschriebener form.
es geht also hier in großem ausmaß um einen freien austausch der menschen untereinander - dann passiert nämlich noch ein anderes wunder: die herkunftssprachen bekommen fremdworte.
Ich hatte keinerlei Schwierigkeiten, mich mit Siebenbürger Sachsen (jenseits der 70) zu verständigen. Das Exotischste, was mir im Gespräch untergekommen ist, waren Jahreszahlen wie "eintausendneunhundertund siebzig".
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