"Macht, dass ihr rüberkommt!"

3. August 2012, 18:33
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Eine Flucht aus Siebenbürgen in Rumänien Ende der 60er-Jahre erzählt die Geschichte zweier Schwestern, einer, die mitging, und einer, die verlorenging

Ein Radio-Feature hätte nicht daraus werden können. Direkt neben dem Mikrofon klopft Marlenes (Name geändert, Anm.) rechte Hand auf den Tisch, immer wieder, und sie streicht über das helle Tuch, als wische sie da Frühstückskrümel weg oder als wolle sie etwas glätten, glattziehen eben. Marlene spricht mit dieser dunklen, warmen und gesetzten Stimme einer sehr gebildeten Person. Erfolgreich ist sie, hat Karriere gemacht, das kann man sagen. Nur die Hand ist eine konstante Unruhe, die später auf dem Tonband zu hören sein wird.

Marlene erzählt den einen Teil jener Geschichte, die Stoff genug bietet für einen ganzen Roman. Es ist die politische Geschichte einer Flucht aus dem Rumänien Ceausescus der späten 1960er-Jahre, in der Marlene, die Ältere, "nicht das Privileg der Emotionalität" hatte, wie sie sagt. Die Wut, die Verzweiflung, die Kränkung, das Aufbegehren, die Lebendigkeit des Gefühls aber auch, liegen anderswo. Denn es gibt zwei Schwestern in der Geschichte, eine, die mitging, und eine, die verlorenging.

Die Eckdaten sind schnell erzählt. Die Steinbecks gehören zu den Siebenbürger Sachsen, der uralten deutschsprachigen Minderheit in Rumänien. Wir schreiben die 1960er-Jahre. Die vierköpfige Familie lebt in einer Kleinstadt mitten im siebenbürgischen Gebiet, das mit seinen sanften Hügeln, dem Wechsel von Wiesen, Wäldern und kleinen bunten Ortschaften mit Stadttor und Wehrturm dazwischen an ein idyllisches Märchenzwergenland erinnert. Die Verbundenheit der Siebenbürger Sachsen untereinander ist stark, man spricht Deutsch, geht auf deutsche Schulen, lernt Rumänisch nur als offizielle Sprache und hält eine gewisse Distanz zur rumänischen Bevölkerung. Vater Steinbeck, ein Naturwissenschafter, arbeitet als Lehrer. Mutter Steinbeck kommt aus besseren Verhältnissen, sie sei, heißt es, als Kind mit einer Kutsche durch den Ort gefahren worden. Diese Herkunft wird ihr zum Nachteil im kommunistischen Regime, mit ihrem "schlechten Dossier" kann sie weder studieren noch eine Arbeit finden. Im Alter von 34 Jahren stirbt der Vater Steinbeck an Krebs, da sind seine Töchter fünf und zehn Jahre alt. Er lässt sie zurück mit einer nicht sehr stabilen Mutter, die sich und die Kinder kaum allein durchbringen kann. Der Fluchtpunkt ist der Westen. "Macht, dass ihr rüberkommt", hatte der Vater im Verlauf seiner Krankheit immer wieder gesagt, und auch der "Familienrat" unterstützte das Ziel. Raus hier. Die Zeit der Ostverträge hat gerade begonnen.

Zu Wettkämpfen in den Westen

Marlene, die ältere der Schwestern beginnt mit dem Leistungssport. Sie wird eine gute Läuferin, und als Sportkader fährt sie zu Wettkämpfen auch in den Westen. Fünf Jahre nach dem Tod ihres Mannes gelingt es Frau Steinbeck, genau für den Zeitpunkt einer der Auslandswettkämpfe ihrer Tochter ein Besuchsvisum für Deutschland zu bekommen. Sie passt die jetzt 15-jährige Marlene überraschend ab und bleibt mit ihr im Westen. Theresa, die zurückgelassene Zehnjährige, will sie rasch nachholen. Das kann nicht länger als sechs Monate dauern, denkt sie. Der Plan geht nicht auf. Die Flucht der Steinbecks ist aktenkundig, die Kleine darf nicht mehr ausreisen. Nun sitzt die Mutter mit einer ihrer Töchter im ersehnten Deutschland fest, als hätte sie die andere willig geopfert für die Flucht.

"Sie wollte zurück, ewig ging es, dass sie sagte: ‚Wir müssen das Kind herausholen‘", erzählt Marlene. Man hätte aber die Mutter bei der Rückkehr sofort verhaftet. "Was hätte das gebracht? Ich hier, Mutter im Gefängnis, Theresa drüben." Man konnte nichts tun.

Was an Theresa auffällt, ist ihr Lachen. "Wie ein Honigkuchenpferd", so heißt das doch, wenn ein Lachen über das ganze Gesicht geht, und Theresas Augen werden ganz klein dabei, sie werden zu schmalen Lachschlitzen über den sich rundenden Wangen. Sie war der Sonnenschein, schon immer. Ähnelt ihre Stimme jener der Schwester? Man hört und sieht die Verwandtschaft, sie haben auch einen ähnlichen Beruf ergriffen, die Schwestern, beide sind erfolgreich darin. Doch Theresa ist die Jüngere, die Aufbegehrende, diejenige, die verletzt ist und verletzt sein darf, man merkt das. Man spürt ihre dünne Haut an gewissen Stellen. Und man denkt auch: Sie brauchte dieses Lachen, um zu überleben. Sie musste ja lächeln.

Als Kind war sie immer viel draußen, unterwegs, sie war ungebunden. Seit dem Tod des Vaters gab es nicht mehr das eine Nest für sie, sondern viele. Es gab die Großmutter im benachbarten Dorf und ihr "Kränzchen", "Krintzken", so nannte man die Freundescliquen auf Siebenbürgisch. Immer spielte The resa bis in den Abend hinein draußen in der Wohnsiedlung. Früher, wenn es dunkel wurde, rief die Mutter ihren Namen laut und langgezogen über den ganzen Platz, "Thereeesaaa". Wie eine Tigermutter, die ihr Junges ruft. Es war dieser Ruf, der sie glücklich machte. Dass die Mutter jedoch irgendwann verschwunden blieb, nicht mehr zurückkam aus dem Westen, hat Theresa - damals - schnell verkraftet. Mit zehn ist man schon gar nicht mehr so klein. Sie wechselte nicht den Ort. Onkel und Tante mit einem kleinen Säugling zogen in die verwaiste Wohnung der Steinbecks ein und übernahmen Theresa gleich mit. Theresa wollte nicht nach Deutschland schreiben. Es war schwierig mit der Tante. Sie mochte den Onkel mehr, als der Tante lieb war. Was sie hasste, war das Mitleid.

Auf Nimmerwiedersehen

Es ist die Perfidie der Freiheit, dass sie das Leben in einen Konjunktiv setzt, aus dem es kein Zurückkommen gibt. Wenn einmal die Möglichkeit aufscheint, wirst du immer auch etwas verlieren, egal wie du dich entscheidest. Wer will da von Schuld reden?

Auch Marlene ist nicht gefragt worden, es wurde über sie verfügt. Sie hatte nur ihr Sportköfferchen für drei Tage dabei, als die Mutter sie im Westen abholte und mitnahm aufs Nimmerwiedersehen. "Ich wollte gleich zurück, die Uhr zurückdrehen", sagt Marlene, und das Trauma heißt bei ihr, ganz im akademischen Duktus, "der durch die Flucht bedingte Abriss". Abriss heißt, man kann nicht anknüpfen. Niemand hier wird verstehen, woher du kommst, und niemand dort wird begreifen, wohin du gegangen bist. Und du selbst wirst dazwischen sein, wirst nicht mehr zu denen gehören wollen, die du verlassen hast.

Marlene erinnert sich an das erste Essen im goldenen Westen, es gab 30 Mark Begrüßungsgeld und einen Karton. Mach ihn auf! Es war Hühnchenbrust darin und Tomaten, das erinnert sie genau: "Und es schmeckte nicht." Sie schluckt immer noch schwer vor Enttäuschung und Entsetzen, wenn sie daran denkt. Denn es war September, die Zeit, in der doch alles reif ist. Aber es schmeckte nicht. Die Freiheit ist ein Monster.

Man kämpfte sich durch das übliche Spätaussiedlerschicksal. Erst Übergangslager, dann eine winzige Wohnung, in der Marlene mit der Mutter lebte, später kam noch die nachgereiste Großmutter hinzu. Und ewig kreiste man um das Problem, ausgelebt in "dramatischen Heulsessions": "Wir müssen das Kind herausholen." Marlene hatte ihre Mutter, sie hatte den Westen, sie hatte den besseren Part erwischt. Aber er schmeckte nicht. Immer wollte die Mutter zurückfahren, das Kind holen, die verlorene, die ge opferte Tochter. Die vorhandene Tochter wurde zum Mann-Ersatz. Sie musste kühlen Kopf bewahren, es übernimmt ja jeder eine der notwendigen Rollen im Drama. Schon seit dem Tod des Vaters, noch in Rumänien, hatte Marlene immer Angst um die Mutter. "Ich dachte mir: Wenn die mir jetzt auch noch abhandenkommt, dann ist das selbst für meine Omnipotenz zu viel."

Dreizehn und riesig

Nach drei Jahren endlich konnte Theresa ausreisen. Es war ein komplizierter Deal, im Grunde wurde sie gegen eine Ladung Fleisch getauscht. 13 Jahre war sie jetzt und riesig, 1,74 Meter groß. "Nachdem ich in Deutschland war, bin ich nicht mehr weitergewachsen", sagt Theresa trocken. Sie wollte eigentlich nicht in den Westen. Sie hatte ihr Leben in Rumänien, sie hatte sich gewöhnt, sie hatte sich verliebt, sie war jetzt mitten in der Pubertät.

Als sie auf dem Flughafen in Frankfurt ankam, war die Mutter nicht da. Man hatte sich verpasst. Theresa stand allein mit ihrem roten Koffer unter der großen Uhr in der Flughafenhalle. Noch heute kann sie plötzliche Panikattacken bekommen auf Bahnsteigen und in Flughäfen, so als könne sie jederzeit verlorengehen.

Am roten Koffer haben Schwester und Mutter sie schließlich erkannt. Theresa fiel der Mutter um den Hals, sie zog an ihren Haaren, weil die so komisch aussahen, und hielt eine Perücke in Händen. Alle lachten wie erleichtert. Die Mutter trug tatsächlich eine Perücke.

Wie ist es, wenn das zu lang Erwartete eintritt? Unter die Freude legt sich ein kühler Hauch nicht aufzuhebender Fremdheit - als sei das Glück schal geworden, wie versehrt durch den Aufschub. Aber niemand darf das benennen. Dass das, was einmal verloren ist, nicht wiedergefunden werden kann, auch wenn man es dann erneut in Händen hält, davon erzählt diese Geschichte auch.

"Sie war so groß", sagt Marlene. "Sie rauchten und sie redeten Hochdeutsch", erzählt Theresa, die Hochdeutsch nur als Amtssprache kannte. Sie bewunderte fortan und für lange Zeit ihre große Schwester, die zur einzigen Orientierung wurde im Westen. Und für Marlene war die wiedergewonnene Kleine ein Geschenk. "Was ich ihr alles zeigen kann", dachte sie. Zu Hause lebte die Familie in der verordneten Harmonie wiedergefundener Einheit. Aber in der Schule war Theresa unbezähmbar, verwildert irgendwie und "bis an die Grenzen der Unverschämtheit frech".

Der richtige Schmerz kommt, wie die Wahrheit, immer erst später. Lange hat Theresa die Geschichte aus der Perspektive ihrer Mutter erzählt. Dass es so richtig war, dass es keine andere Chance gab. Auch für Marlene ist das so. Sie hat nicht entschieden. Aber wenn sie hätte entscheiden müssen, hätte sie - "ich glaube", sagt sie - "ähnlich gehandelt" wie die Mutter.

Erst viel später, als Theresa 30 war, kam die Wut. Es ist eine Wut, die Marlene nicht verstehen kann. "Dieses Bohren, dieses Nicht-Aufhören-Wollen", sagt sie, "Theresa forderte, dass die Mutter sich entschuldigt. Aber die hatte doch nur das Gute gewollt." Theresa begann Familienfeste zu stören, die ausgewanderten Angehörigen mit der unguten NS-Vergangenheit zu konfrontieren. Es ist das Aufbegehren der Kleinen, das gegen die Vernunft rast, das die Schuld wittert, die hinter jeder Ordnung steckt und den Preis benennt, der zu zahlen war.

Das Privileg zu rasen

Denn irgendwie musste auch der Mutter klar gewesen sein, dass Gefahr für Theresas Ausreise bestand. Mindestens vorbewusst, als böse Ahnung musste die Mutter gefühlt haben, dass sie den Verlust der Tochter notfalls in Kauf nahm, um den Auftrag ihres Mannes und des "Familienrates" zu erfüllen. Ihn an der Tochter zu exekutieren. "Ich bin nicht mitgenommen worden", heißt das ewige Rasen Theresas. Wut hilft gegen Verzweiflung. Man hat sie stehenlassen, schon zur Beerdigung des Vaters ist sie nicht mitgenommen worden. In ihr vermischt sich sein Tod mit dem Verlassenwerden von später. Und nun will sie, dass die Mutter sich entschuldigt. Sie hat das schmerzliche Privileg der Emotionalität, das Privileg zu rasen gegen alle anderen.

Diese Erlaubnis hat Marlene nicht, sie musste auf die Seite der Vernunft. Hätte sie tauschen wollen? Möchte man tauschen? "Ich hatte das Gefühl: Es ist halt so", sagt Marlene und dann weint sie. "Warum würdigt eigentlich niemand meine Schmerzen, die da drinhängen?" Der Schmerz, dieser Schmerz, ist nicht wegzuwischen. Man hätte aber damals, für nichts in der Welt, darüber reden können.

Vielleicht war die Kleine, Theresa, ja nicht nur die Geisel des rumänischen Staates, sondern auch ein Pfand der Mutter. Ein Symbol für etwas, das da bleiben durfte, nicht weggehen musste. Denn es gibt ja immer die beiden Seiten, und wie soll man entscheiden, wenn man gegen die Logik der Welt das eine will und das andere auch. Die Heimat und die Fremde. Das Beständige und die Chance. Das Gefühl und die Vernunft. Die Kleine und die Große.

Was heißt es, wenn die eine die Mutter ganz für sich bekommt und die andere sie verliert? "Wir waren wie ein Karussell, die Frage war immer, wer von uns dreien rausfliegt", sagt Theresa. Es geht rund. Notfalls lass los, du kennst das schon. "Ich stand immer mitten im Konflikt zwischen ihr und der Mutter", sagt Marlene. Halt aus, halte zusammen, was sonst auseinanderbricht.

Hat die Mutter die Töchter geliebt? Auf jeden Fall, sagt Marlene, ohne zu zögern, und wird dann genauer: "Ich war geschätzt-geliebt. Theresa war geliebt-geliebt." Es klingt nichts Bedauerndes dar in, sie ist eben die Leistungssportlerin, Theresa der Sonnenschein. Das zurückgelassene Kuckuckskind blieb für die Mutter immer das Symbol einer Ungebundenheit, eines Eigensinns. "Letztlich liebte mich meine Mutter dafür", sagt Theresa, "es ist paradox, den Auftrag zu haben, frei zu sein."

Manchmal möchte sie sich an der mächtigen großen Schwester rächen, immer noch, und sie weiß auch, wie das geht. Die Kleinen haben ihre Mittel, auch wenn sie schon erwachsen sind. Schon früh gab es die Szenen böser Kämpfe, Theresa soll ihre Schwester mit einem großen Kellerschlüssel k. o. geschlagen haben. Das erinnert sie selber nicht, es wurde erzählt, "aber möglich ist es", meint sie. Tauschen möchte auch sie nicht.

Keine der Schwestern möchte tauschen. Aber man fragt sich schon, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn die Große in Rumänien geblieben und die Kleine nach Deutschland mitgegangen wäre. Das ergäbe eine komplett andere Erzählung.

Es gab die Phasen der Gleichgültigkeit, der Symbiose, der Wut und Abgrenzung zwischen den Schwestern. Heute sind sie eng verbunden miteinander in jeweils ihrer Weise, die Konkurrenz hat aufgehört, die Streite nicht immer. "Sie ist der wichtigste Mensch", sagt Marlene. Komisch, dass die Älteren die Jüngeren vielleicht mehr brauchen als umgekehrt. Die Schwestern verreisen gemeinsam, sie sehen sich oft, obwohl sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr in derselben Stadt und nicht im selben Land wohnen. Marlene lebt immer noch in Deutschland, doch sie richtet ihr Leben so ein, dass sie jederzeit auch wegkönnte. Theresa ist schon vor etlichen Jahren nach Österreich gezogen. Keine der Schwestern hat eine neue Familie gegründet.

Die rumänische Landschaft bleibt für beide die Heimat, sie weckt ein Gefühl, das nichts anderes auslösen kann. Wenn sie dort ist, tanzt Theresa über die Wiesen. 2003 sind die Schwestern mit der schwerkranken Mutter gemeinsam hingefahren, es war wie ein Aufbruch. Kurz vor ihrem Tod hat die Mutter sich bei Theresa entschuldigt. "Sie hat nicht gesagt, ich täte ihr leid, sondern es tue ihr leid", sagt Theresa, das sei der entscheidende Unterschied.

Familienzusammenführung

Die Mutter ist drüben begraben, in Rumänien, und genau das wollen die Schwestern auch. Sie haben einen Pakt geschlossen, dass sie sich dort unter die Erde bringen lassen, gemeinsam mit Vater und Mutter. "Es ist eine Familienzusammenführung übers Grab", sagt Theresa, und das klingt ganz zuversichtlich und fröhlich. Als ob das Karussell dann zum Stillstand käme, als ob drüben im Osten der Kreis sich schließe, als ob nur das Ende den Anfang heilen könne. (Andrea Roedig, DER STANDARD, 4./5.8.2012)

Andrea Roedig, geb. 1962 in Düsseldorf, ist promovierte Philosophin. Sie leitete von 2001 bis 2006 die Kulturredaktion der deutschen Wochenzeitung "Freitag" in Berlin. Seit 2007 lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Wien.

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    Mädchen, allein in Rumänien: Die zurückgelassene Zehnjährige will die Mutter rasch nachholen. Der Plan geht nicht auf.

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    Siebenbürgen, Rumänien: Die Mutter ist drüben begraben, und genau das wollen die Schwestern auch.

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