Bilharziose: Durch die Haut in die Leber

  • Das Waten im Fluss kann Reisenden zum Verhängnis werden.
    foto: miroslaw/pixelio.de

    Das Waten im Fluss kann Reisenden zum Verhängnis werden.

Immer mehr Touristen sind von der Bilharziose betroffen - Auslöser ist ein Parasit, der sich im menschlichen Körper ansiedelt

Europäer wären schockiert, doch in vielen Regionen Afrikas ist es Alltag: Man erleichtert sich, und der Urin ist rot gefärbt. Hierzulande sucht man schleunigst einen Arzt auf, anderswo wundern sich Kinder sogar, wenn einer von ihnen quasi farblos Wasser lässt. Bilharziose ist vielerorts noch immer ein Volksleiden. Die auch Schistosomiase genannte Krankheit wird von Würmern der Gattung Schistosoma ausgelöst und kann bei chronischem Verlauf manchmal tödliche Folgen haben. Meist indirekt.

Die Wissenschaft unterteilt die Parasiten in insgesamt sechs Arten mit unterschiedlichen Merkmalen und Verbreitungsgebieten. Die berüchtigtste, Schistosoma haematobium, verursacht den bereits erwähnten blutigen Urin. Sie kommt in Afrika und Teilen des Mittleren Ostens vor. Die ebenfalls häufige Spezies S. mansoni tritt auch im afrikanischen und arabischen Raum auf sowie in der Karibik, Venezuela, Brasilien und Surinam. S. japonicum findet man heute noch in China, Indonesien und auf den Philippinen, S. mekongi in Teilen von Laos und Kambodscha. Die selteneren S. guineensis und S. intercalatum sind in den tropischen Regenwäldern Afrikas beheimatet.

Allen Arten gemeinsam ist ein zentraler Aspekt ihres Lebenszyklus: Die Tiere praktizieren einen Generationswechsel mit geschlechtlicher und ungeschlechtlicher Fortpflanzung. Aus den Eiern schlüpfen zunächst spezielle, schwimmende Larven, die in Süßwasserschnecken eindringen. Dort wachsen sie und vermehren sich durch Teilung. Anschließend verlassen die Larven des zweiten Stadiums, sogenannte Zerkarien, die Schnecke. Auch sie sind flinke Schwimmer. Einmal draußen, suchen die Jungwürmer schnellstens ihren nächsten Wirt - einen Menschen. Angelockt von Duft und Bewegungen schlängeln sie auf ihn zu und bohren sich kurzerhand durch die Haut. Über die Blutbahn gelangen die Eindringlinge in die Lunge und später in die Leber. Doch auch dies ist nur eine Zwischenstation.

Enge Zweierbeziehungen

Die Leber dient den jungen Egeln gewissermaßen als Hort zum Heranwachsen. Sie ziehen als erwachsene Würmer aus und suchen sich einen Partner. Schistosomen werden auch "Pärchenegel" genannt, weil die Tiere besonders enge Zweierbeziehungen eingehen. Das deutlich größere Männchen trägt das Weibchen zeitlebens in einer Bauchfalte herum. Die getrauten Parasiten lassen sich entweder in den Blutgefäßen der Harnwege (S. haematobium) oder des Darmkanals (alle andere Schistosoma-Spezies) nieder. Befruchtete Eier werden im Urin oder im Stuhl abgegeben. Gelangen diese in Gewässer, schließt sich der Kreis.

Bilharziose ist normalerweise keine akut gefährliche Krankheit. Bei starkem Befall können die Würmer ihren Wirt jedoch erheblich schwächen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt auch vor den ökonomischen Schäden, die Schistosoma in Entwicklungsländern verursachen dürfte. Die betroffenen Menschen sind in ihrer Arbeitskraft beeinträchtigt, Kinder leiden unter Blutarmut, Wachstumsstörungen und verringerter Leistungsfähigkeit. Die wirtschaftlichen Verluste lassen sich nicht beziffern.

Eine Schistosomiase im Darmbereich macht sich häufig durch Bauchschmerzen, Durchfall und Blut im Stuhl bemerkbar. Leber und Milz können vergrößert sein. S. haematobium verursacht durch Schädigung der Venen im Urogenitalbereich Gewebeverhärtungen. Eventuell treten auch Nierenschäden auf. In einigen Fällen lösen die Egel die Entstehung von Blasentumoren aus. Bei Frauen können Geschwüre und Blutungen in der Vagina auftreten, was das Risiko für eine HIV-Infektion erhöhen könnte.

Auch wenn Schistosoma-Befall ein typisches Leiden der "Dritten Welt" ist - seit Jahren trifft es auch Europäer. Ursache sind veränderte Reisegewohnheiten. Touristen dringen in entlegene Tropenregionen vor. Im Pool oder am Meeresstrand holt man sich keine Bilharziose, beim Waten durch einen Fluss mitunter schon. Viele Globetrotter sind sich dieses Risikos nicht bewusst. "Wir bekommen heutzutage regelmäßig Fälle zu Gesicht", berichtet zum Beispiel Sebastian Dieckmann vom Berliner Institut für Tropenmedizin. Die Behandlung ist relativ einfach. Das Medikament Praziquantel, das auch zur Prophylaxe eingenommen werden kann, eliminiert die Parasiten. Eine einzige Dosis genügt normalerweise. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 6.8.2012)

Wissen

Daten und Fakten

Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO dürften weltweit jährlich mindestens 230 Mio. Menschen von Schistosoma-Würmern befallen sein. Diese Zahl ist jedoch umstritten. Manche Experten meinen, dass es global sogar knapp 600 Mio. Betroffene geben könnte. Die durch Bilharziose verursachte Mortalität wird auf 150.000 bis 200.000 Todesfälle pro Jahr geschätzt. Es handelt sich hierbei fast ausschließlich um eine indirekt ausgelöste Sterblichkeit. Blasenkrebs ist eine der Hauptursachen. In Ägypten, wo S. haematobium weit verbreitet ist, gehören Blasentumoren deshalb zu den häufigsten Karzinomen.

Rund 85 Prozent der Betroffenen leben in Afrika. Kinder gelten als besonders gefährdet, ebenso wie Fischer und, in Asien, Reisbauern. Die WHO versucht, Bilharziose vor allem durch regelmäßige Entwurmungskampagnen zu bekämpfen. Die Zahl der Behandelten steigt stetig. 2006 wurden weltweit 12,4 Mio. Patienten mit Praziqantel versorgt, 2010 waren es 33,5 Mio.

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20 Postings
In den frühen

80er-Jahren wurde bei uns in der AHS ein Film über Bilharziose im Biologieunterricht gezeigt. Die Aufnahmen mit den Würmern haben mich total traumatisiert, mir ist diese Gefahr also durchaus bewusst. Lernt man in den Schulen heute denn gar nichts mehr?

Die Behandlung ist relativ einfach. ... Eine einzige Dosis genügt normalerweise.

und warum bitte, gibt es dann das problem in afrika noch?

warum wird dieses heilmittel nicht massenweise verteilt?
der nutzen müsste doch 100x größer sein, als die kosten.

Wird es eh.
Aber verteil das mal an alle von der 1 Milliarde Betroffenen Jährlich. Auch in den Unruhegebieten. Der Preis ist weniger das Problem, eher die Logistik.

Noch dazu besteht ja auch das Risiko einer Wiederinfektion

oh, sry, uraltpost, ich entschuldige mich hiermit ganz offiziell für die leichenschändung ... ;)

"1 Milliarde Betroffenen Jährlich"

ist glaub ich einkalkuliert, oder?

Menschen ohne Geld haben keinen Marktwert!

Daher ist es völlig uninteressant, ob sie krank oder gesund, tot oder lebendig sind.

Der Markt regelt alles! Ist das nicht wunderbar?

Klingt hart aber leider ist es wahr...

Die Gefahr die von diesen Schnecken ausgeht

entsteht nur in ruhigen Binnen-Gewässern ohne nennenswerte Strömung. In Flüssen meist kein Problem.

wenn die infizierten

z.b. in einem einheimischen see (versehentlich!) ein bißl ins wasser ludeln, können sich die tierchen dann über heimische wasserschnecken vermehren?

3 x schnell hintereinander "Schistosomiase" sagen ;O)

Nein. Die sind auf ganz bestimmte tropische Schnecken angewiesen.

hat was beruhigendes!

Aber jetzt was Beunruhigendes:
Es gibt Wasservogelschistosomiasis in unseren Breiten.
Kann auch den Menschen betreffen. Zb bei Schwimmern in der alten Donau in Wien.

Finde es interessant, dass die WHO sich so auf den wirtschaftlichen Schaden versteift. Wenn die Leute wenigstens nur früh sterben würden, ohne an Arbeitskraft einzubüßen vorher wäre es wohl in deren Augen nicht so schlimm.

Grauslich! Werde nie wieder baden!!

Grundvernünftig.

Zweimal abkehren pro Monat reicht völlig und hilft Trinkwasser sparen.

Werde nie wieder baden!!

na dann duschen sie wenigstens. ihre umgebung wird es ihnen danken.

Baden ist sowieso für die Fische.

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