17 Prozent mehr arbeitslose Leiharbeiter

286.000 Menschen waren im Juli ohne Job, um 8,7 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Leiharbeiter und über 50-Jährige stark betroffen

Wien - Die Zahl der Erwerbslosen in Österreich ist per Ende Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat um 8,6 Prozent oder 18.126 Personen auf 227.869 gestiegen. Zugleich erhöhte sich die Zahl der Schulungsteilnehmer um 9,2 Prozent oder 4.869 Menschen auf 58.030. Insgesamt waren damit 285.899 Personen oder sechs Prozent der Erwerbsbevölkerung ohne Job, um 8,7 Prozent mehr als im Juli 2011, teilte das Sozialministerium am Freitag mit.

Der Anstieg der Arbeitslosigkeit betrifft nun alle Branchen und alle Bundesländer, vor allem Öberösterreich und die Steiermark. Wie seit vielen Monaten sind Leiharbeits-Beschäftigte besonders stark betroffen, dort legte die Arbeitslosigkeit um 16,8 Prozent zu. Auch im Gesundheits- und Sozialwesen lief es mit Plus 11,8 Prozent schlecht.

Niedrigster Wert der EU

Die Arbeitslosenquote lag nach österreichischer Berechnungsmethode bei 6,0 Prozent. Nach EU-Berechnung belief sich die heimische Arbeitslosenquote im Juni - das ist der aktuellste verfügbare Wert - auf 4,5 Prozent. Österreich hat damit weiterhin die mit Abstand niedrigste Arbeitslosigkeit in der EU. Im Schnitt lag die Arbeitslosenrate in der EU-27 im Juni bei 10,4 Prozent, in der Eurozone bei 11,2 Prozent.

Die Zahl der unselbstständig aktiv Beschäftigten erhöhte sich per Ende Juli im Jahresabstand um 1,2 Prozent oder 40.000 Personen auf rund 3,443 Millionen. Die Zahl der gemeldeten offenen Stellen sank laut Sozialministerium um 10,6 Prozent oder 3.800 auf 31.965.

Schwarzer Peter: Krise oder Regierung?

Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) lobte die hohe Beschäftigungszahl, räumte aber ein, dass das Beschäftigungswachstum nicht ausreiche, um einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern. Viele der wichtigsten Handelspartner Österreichs seien nämlich in eine Rezession gestürzt, und auch die Wirtschaftslokomotive Deutschland habe an Zugkraft verloren.

Nicht die Handelspartner seien das Problem, sondern die schwindenden öffentlichen Aufträge, kontert BZÖ-Arbeitnehmersprecher Sigisbert Dolinschek. Zudem sei es von Hundstorfer eine Schönfärberei, die gestiegene Beschäftigtenzahl zu bejubeln, "denn vor allem die Zahl der Teilzeitkräfte, die zum Leben zu wenig verdienen, ist deutlich gestiegen", erklärt Dolinschek.

Ins gleiche Horn stoßen die Grünen. "Dass die Regierung für die Krise in Europa nicht verantwortlich ist, hilft arbeitslosen Menschen gar nichts", meint Arbeitnehmersprecherin Birgit Schatz. Sie sieht die Regierung bei den Überstunden gefordert: "Die in Österreich geleisteten Überstunden entsprechen etwa 160.000 Vollzeitjobs, die in echte Jobs verwandelt werden können." Wie man das genau machen soll, sagt sie nicht, springt dafür aber in die nächste Bresche - nämlich für die Leiharbeiter. Man warte "immer noch auf ein Zeitarbeitsgesetz, das die Betroffenen aus dem Status moderner, von der Willkür der Unternehmen abhängiger Sklaven herausholt. Die Wirtschaftskammer blockiert einen seit Monaten versprochenen Gesetzesentwurf", so Schatz.

Lehrstellen-Lücke schrumpft

Positives berichtete Hundstorfer vom Lehrstellenmarkt. Die Zahl der Stellensuchenden lag mit 7.930 um 1,5 Prozent unter dem Vorjahreswert, und die Zahl der gemeldeten offenen Lehrstellen stieg zugleich um 3,2 Prozent auf 3.966 an; damit schrumpfte die Lehrstellen-Lücke um 248 Stellen auf 3.964. Alle Jugendlichen, die überlegen, eine Lehrstelle suchen, aber noch keine haben, sollten "am besten noch heute zum AMS gehen und sich beraten und unterstützen lassen", rät Hundstorfer.

Problem Altersarbeitslosigkeit

Mit rund 41.000 Menschen ist im Juli die Beschäftigung von Älteren (ab 50 Jahren) zwar erneut überdurchschnittlich stark gestiegen - um 5,8 Prozent auf 752.000 -, aber auch die Arbeitslosigkeit fiel mit einem Zuwachs von 13,2 Prozent auf 52.040 überaus stark aus. Damit Österreich die Arbeitsmarktchancen von Älteren und gesundheitlich Eingeschränkten verbessern kann, sollen ja in diesen Bereich bis 2016 zusätzlich 750 Millionen Euro investiert werden, erinnerte das Sozialministerium am Freitag. Nicht an diese Investitionen erinnert werden, sondern sie sehen, will BZÖ-Politiker Dolinschek: "Da gehen der Wirtschaft viel Praxiserfahrung und Know-How verloren." Hundstorfer erinnerte aber auch daran, dass vorige Woche der Entwurf zu der für diese Gruppe ebenfalls relevanten Invaliditätspensions-Reform in Begutachtung gegangen ist.

Genau hier hakt Arbeiterkammer-Präsident Herbert Tumpel ein. Aus seiner Sicht ist durch die aktuelle Reform der Invaliditätspension nämlich zu befürchten, "dass die Situation bei der Altersarbeitslosigkeit noch schwieriger wird und dass mehr gesundheitlich beeinträchtigte ArbeitnehmerInnen umgeschult werden müssen", wie er am Freitag warnte.

Leitl will System ändern

Wirtschaftskammer-Chef Christoph Leitl freut sich über mehr ältere Beschäftigte, führt aber auch Kosten- und System-Nachteile ins Treffen. Die da wären: Höherer Kündigungsschutz, höhere Löhne und weitergehendere Ansprüche als Kostenfaktor. Zudem sei das von der Politik gestaltete System nicht optimal, da die Regierung zuletzt nicht nur Arbeitslosenversicherungsbeiträge für Ältere wieder eingeführt, sondern auch die Auflösungsabgabe, die ab 2013 bei den meisten Beendigungen von Dienstverhältnissen in Höhe von 110 Euro fällig wird, beschlossen habe.

Die Auflösungsabgabe sei an die Beendigung eine Dienstverhältnisses geknüpft, so Leitl. "Während es also eine Strafzahlung bei Kündigungen auch von älteren Menschen schon gibt, fehlt bis heute ein echtes Anreizsystem, damit die Menschen länger arbeiten, statt sich bei erstbester Gelegenheit in die Pension zu verabschieden", kritisiert der Wirtschaftskämmerer. "Was Schweden mit massiven Abschlägen bei frühzeitiger Pension und ordentlichen Zuschlägen bei längerem Arbeiten gelingt, muss auch bei uns möglich sein."

Stärkerer Anstieg bei Männern

Bei Männern war der Anstieg der Arbeitslosigkeit im Juli mit +9,9 Prozent ein weiteres Mal kräftiger als bei Frauen (+7,3 Prozent). Wesentlich stärker stieg die Arbeitslosigkeit erneut bei Ausländern - um 18,1 Prozent gegenüber nur 6,6 Prozent Plus bei Österreichern; deshalb wurden hier die Integrationssprachkurse verstärkt, im 1. Halbjahr stieg die Teilnehmerzahl um 24 Prozent auf über 14.000. Die Jugendarbeitslosigkeit (15 bis 24 Jahre) legte im Juli lediglich um 6,7 Prozent auf über 36.000 Betroffene zu. Auffallend ist aber, dass all diese Jahres-Veränderungsraten im Juli höher waren als im Juni.

Die überaus starke Zunahme der Arbeitslosigkeit von Behinderten (+18,7 Prozent) liegt laut Sozialministerium vor allem an einer verstärkten Erfassung, wie sie seit Jahresbeginn vom AMS zur Vervollständigung der Daten v.a. mit Behindertenpass vorangetrieben wird. Nur so könne man die speziell zur Unterstützung Behinderter gedachten zehn Millionen Euro zugreifen.

Jobs in gemeinnützigen Projekten

Um die steigende Langzeitarbeitslosigkeit zu bekämpfen, würden verstärkt Jobs in sozialökonomischen Betrieben und gemeinnützigen Projekten geschaffen. Insgesamt 20.000 Menschen hätten so im 1. Halbjahr eine Beschäftigung gefunden, ein Plus von 3.000 geförderten Arbeitsplätzen. Im 2. Halbjahr stünden dem AMS für solche Jobs 20 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung, die erst im Juli vom Parlament beschlossen wurden. (APA, 3.8.2012)

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