Wenn die Milch vor dem Ablaufdatum bricht

  • Backenbärte wie James Onedin, aber nicht halb so spannend. Justin Vernon, Anästhesist und Chef von Bon Iver.
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    foto: standard / christian fischer

    Backenbärte wie James Onedin, aber nicht halb so spannend. Justin Vernon, Anästhesist und Chef von Bon Iver.

Die Grammy-gewürdigte US-Band Bon Iver gastierte in der ausverkauften Wiener Arena

Wien - David Lowery von der US-Band Cracker sang vor 20 Jahren, dass er einen neuen Folksänger so dringend bräuchte wie ein Loch im Kopf. Dabei herrschte damals keine so große Folkie-Schwemme wie heute. Doch die Nullerjahre bescherten der Welt eine Flut an Folksängern und Bands, deren selten originelle Kunst auch von sechsi Nomenklatur wie "Freak-" oder "Anti-Folk" nicht aufzuwerten war. Und der Boom hält an.

Ein Beleg dafür ist die US-amerikanische Band Bon Iver rund um deren Mastermind Justin Vernon. Der veröffentlichte 2008 das Album "For Emma, Forever Ago", das er während des Winters mönchisch in einer entlegenen Hütte aufgenommen hatte.

Die für Musik kunstvoll verwahrloster Bartträger empfindliche Hype-Maschine von Pitchfork Media entdeckte Bon Iver für sich, und schon hatte die Welt einen weiteren Folksänger an der Backe, der sich genussvoll im Kunstleid wand und windet. Dabei bliebe eigentlich genug Zeit, sich zwischen zwei Noten von der Welt zu befreien, aber nicht.

2011 erschien ein zweites Album, das Bon Iver gar zwei Grammys einbrachte. Mangels der Grammy-Kategorie "Schlafmittel in Moll" ereilte es jenen als bestes Alternative Music Album und illustrierte damit die Aussagekraft dieser von der Musikindustrie verliehenen Trophäe.

Am Mittwoch standen Bon Iver nun erstmals auf einer heimischen Bühne. In einer lauen Sommernacht unter dem Himmel über dem Gelände der Arena bearbeiteten gut zehn Musiker ihre Werkzeuge, um, heftig beklatscht und bejubelt, die von ihnen verbreitete Fadesse girlandenhaft zu verzieren.

Streber ohne Strom

Wie strebsame Musikschüler beim Abschlusskonzert bemühten sie ihre ganze Originalität. Diese erschöpfte sich in absehbaren Laut-leise-Spielereien, im Wechsel von mächtig zu schmächtig. Bon Iver erzeugten so einen anbiedernden Bombast-Folk, der die Milch im Kühlschrank fünf Tage vor Ablaufdatum brechen lässt.

Die Bläserfraktion schien sich bei den Soft- und Saftrockern Boston eingehört zu haben, ein paar drehbuchkonforme, brav eingeübte Ausbrüche wirkten so elektrifizierend wie höhepunktloser Sex mit Plexiglaskondom. Dazwischen musste der volle Mond am Nachthimmel impressionistische Geigenetüden erdulden, deren ausgestellte Gefühligkeit sich nicht ernsthaft vermitteln ließ.

Grundgütiger! Wann hat man zuletzt eine derartig fade Band erlebt? Okay, Sam Amidon - im Vorprogramm von Bon Iver.

Aber vielleicht ist Bon Iver ja gar keine Band, sondern bloß ein musizierendes Narkoseteam ohne Freunde auf Facebook. Nicht einmal zwei Schlagzeuger konnten so etwas wie Druck erzeugen. Die Band mühte sich im Kerzenschein durch Lieder wie "Towers", machte mit dem elektronisch veränderten Singsang in "Woods" einen Diener vor David Guetta und Justin Bieber, bevor es wieder noch fader wurde.

Bon Iver ist also so ein Rätsel, ein Negativwunder. Wie kann man mit so wenig so weit kommen? Aber da sind die ja nicht allein. Ein Blick in das Universum der Indie-Music offenbart den ganzen ideenlosen Schrecken. Alle kopieren alle, einige wenige werden mysteriöserweise so etwas wie Größen. Das sei jedem herzlich gegönnt, auch Bon Iver.

Möge die Band noch viele Grammys gewinnen, sie wird sich jeden einzelnen ehrlich verdient haben. (Karl Fluch, DER STANDARD, 3.8.2012)

 

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