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vergrößern 800x787Herr Rodolfo (Piotr Beczala) in einem unbeschwerten Moment mit seiner lieblichen Mimi (Anna Netrebko).
Salzburg - Surreal verrückt sind hier die Raumdimensionen. Doch auf surrealen Märchenzauber legt diese im Grunde nüchterne Produktion keinen Wert. Paris ist ein toilettenpapierartig ausgerollter Ausschnitt eines Stadtplans, auf dem Gebäude in Minimundus-Format auch zu Bartischen werden. Auf dem Paris-Plan tänzelt auch die Massenszene, die zur weihnachtlichen Geschenkorgie an die (ihre Pakete raschelnd enthüllenden) Kleinen wird.
In diesem Auspacktumult des zweiten Bildes erspäht man dann aber auch jene jungen Pariser Feierkünstler, die sich mit Überschwang ins Leben stürzen. Sie steigen von hoch oben herab: Ihre Mansarde liegt vor einem übergroßen Regenfenster und ist eine desolate Bude mit minimaler Matratzenausstattung. Reichtum ist hier nur die Freude an Leichtsinn und juveniler Verspieltheit.
Jene junge Dame, die hier zufällig Feuer suchend hereinchaotelt, ist bei Regisseur Damiano Michieletto von Anbeginn an ein zerbrechliches Persönchen, das beim Erzählen schnell ein paar Taschentücher verbraucht. Die Liaison mit Rodolfo verleiht ihr zwar Unbeschwertheit. Umso tiefer ist jedoch der Fall in die Krise, deren Szenen sich um eine billige Imbissbude abspielen, welche an einer Pariser Vorortestraße (wieder wie Klopapier entrollt) steht.
Sopranistin Anna Netrebko kauert da hinter dem Gastro container und hört als frierendes Häufchen Elend Rodolfos wenig optimistische Beziehungsprognose, die an Marcellos entsetztes Ohr dringt (profund: Massimo Cavalletti). Doch, doch: Innerhalb recht flüssig organisierter Regiekonventionen stattet Netrebko Mimi mit ausreichend deutlichen Facetten aus, um in diesem (Szenenwechsel erschwerenden) Riesenraum (Bühnenbild: Paolo Fantin) nicht unterzugehen.
Ist auch nötig. Dieses Ambiente verdichtet die Emotionen weniger als es sie neutralisiert. Auch vokal kommt Netrebko allerdings damit klar: Da ist jene Pracht der hohen, samtigen Töne, denen, je nach Bedarf, romantische Größe oder delikate Intimität verliehen wird. Und wie es ans Sterben geht, vermag Netrebko auch jenen fahlen Klageton zu erzeugen, in dem die Ahnung vom langsam verlöschenden Leben mitschwingt.
Neben einer solch souveränen Gesamtperformance muss man als Gegenüber einiges an Qualität mobilisieren, um nicht als Herr der Opernerschöpfung dazustehen. Tenor Piotr Beczala überrascht dann als Rodolfo mit dem leichtfüßigen Porträt eines nicht uneitlen Typen, der keine länglichen Umwege geht, um ans amouröse Ziel zu gelangen oder die daraus vielleicht erwachsende Verantwortung wegzuargumentieren. Bis es zu spät ist.
Wie Netrebko steht zwar auch Beczala bei ariosen Höhepunkten uninszeniert herum (an einer hohen Stelle reißt ihm ein Tönchen ab). Immerhin aber beinhalten seine Strahletöne jenen reizvollen Mix aus Vitalität und Edelsound, der Puccinis melodische Highlights der übergroßen Gefühle erst zu Ohrencharmeuren macht. Auch wenn man den Tenor früher noch stabiler gehört hat.
Dass in dieser Partitur weit mehr verborgen ist als Ansätze von Wunschkonzertkitsch, nämlich eine raffiniert durchkomponierte, schnelle Erzählung von dramatischer Wucht und ernster Poesie - diesen Beweis will Dirigent Daniele Gatti antreten. Er stürzt sich denn auch mit den Wiener Philharmonikern ein bisschen überambitioniert in die Beweisführung und vernachlässigt schließlich die intimen Aspekte. Es fehlt, trotz der vielen markanten Akzente, die nötige Balance zwischen Drama und Schwärmerei. Letztere wirkt etwas anämisch, obwohl die Wiener Wohlklangkünstler hier ihren Sommerdienst verrichten.
Klar: Es sind in diesem Riesenfestspielhaus mit solch üppiger Bühnenlösung große Distanzen zu überwinden. Die Koordination zwischen Orchester und Sänger erleichtert das nicht gerade. Und sicher raubt es der instrumentalen Sanftheit etwas von ihrer Aura.
Das Naserümpfen über die Anwesenheit dieser Oper darf dennoch in Salzburg zum Museumsstück werden - auch die Stimmen von Alessio Arduini (als Schaunard) und Carlo Colombara (als Colline) leisteten in diesem Sinne gute Dienste. Nino Machaidze (als Musetta) schafft hingegen nur bei Spitzentönen Klarheit, in den Tiefen klingt sie etwas rostig-verbraucht. Der Applaus umwehte indes alle Beteiligten dieser Koproduktion mit dem Opernhaus Schanghai. Auch die Regie bekam für ihren adretten Erzählstil Lob. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 3.8.2012)
Nachtkritik:
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Piotr Beczala war in Teil 1 noch hörbar angekratzt und hat Spitzentöne im ersten Teil nur sehr vorsichtig angetippt, fand aber im 2. Teil doch noch zu stimmlich sehr guter Form. Die Regie empfand ich als schlich. Sie verstand es aber sehr gut, mit Perspektive und Proportionen zu spielen. Von meinem erhöhten Platz aus kam ich mir manchmal vor wie vor einer Computeranimation als sich Achsen drehten und Winkel verschoben. - Toll!
Anna Netrebko war der überragende Star des Abends. Ihre Leistung kann ich nur als "Wunderbar!" bezeichnen.
Sehr gut gefallen hat mir auch Massimo Cavalletti als Marcello, sowohl im Spiel als auch musikalisch. Am wenigsten zugesagt hat mir Nino Machaidze als Musetta. - Sie war zeitweise stimmlich dünn.
Salzburg pfui Breitenseer Lichtspiele hui
http://www.youtube.com/watch?v=3... e=youtu.be
"an einer hohen Stelle reißt ihm ein Tönchen ab"
Wenn wir nicht die KritikerInnen hätten. Mir wäre das ja entgangen. Ehrlich!
Ich bin eher ein Fein des Regietheaters und kann mich noch gut an den Schrecken einer Rosenkavalieraufführung in Salzburg erinnern.
Diese Regie hat mir überraschend gut gefallen. Irgendwie hat sie für mich die Zeitlosigkeit des Themas unterstrichen. Ich gestehe, es war das erste Mal, dass mich Boheme berührt hat. Gegen programmiertes Weinen bin ich sonst sehr allergisch.
Die Netrebko hat mir besser als sonst gefallen. Aber selbstverständlich ist mein Text hier nur eine rein subjektive Einzelmeinung.
Was gut ist, werden die KritikerInnen schon zu bestimmen wissen. Fast so gut wie Rating-Agenturen.
Mir war Netrebko bisher immer ziemlich unsympathisch, aber in dieser Vorstellung hat sie mir gefallen (ihre Stimme ist für Puccini viel besser geeignet als etwa für Mozart) - vielleicht auch weil sie durch ihre schrecklich unvorteilhafte Aufmachung ein bisschen menschlicher gewirkt hat...
Ist das nicht jene Sängerin, welche 2012 einen gewissen Herrn Putin bei seiner Wiederwahl unterstützt hat?
Zitat: "Und wie es ans Sterben geht, vermag Netrebko auch jenen fahlen Klageton zu erzeugen, in dem die Ahnung vom langsam verlöschenden Leben mitschwingt."
Ist das jetzt eine zynische Ode an das syrische Volk, denn dieses ist Putin seit eineinhalb Jahren so etwas von wurscht? Und Pussy Riot? Und zahllose Dissidenten in Russland?
Abartig ist diese Form des Kulturbetriebs, in dem jegliche Verantwortung für REALES Leid, Verfolgung und Tod so perfekt ausgeblendet wird.
Und als russische Sängerin, die in Russland aktiv sein will, wird sie sich einer entsprechenden Anfrage (und man kann davon ausgehen, dass es diese gegeben hat) von Putin nur schwer entziehen können. Das darf man kritisch sehen, aber ein schwerwiegender Moralvorwurf ist hier lächerlich.
Und das System Putin ist - bei aller gerechtfertigter Kritik, etwa an den Schauprozessen - nicht ein System wie der Nationalsozialismus, bei dem man eigentlich nicht einmal anstreifen darf.
Wenn es Ihnen aber wirklich um Putin geht, dann kümmern sie sich um Österreichs Politik und Wirtschaft - die können da mehr ausrichten, als Opernsängerinnen.
Wenn die Antworten auf die grundsätzlichen Fragen nicht zur Be- (und in eindeutligen Fällen auch: Ver-) urteilung von aktuellen Situationen taugen, dann sind sie wertlos.
Ganz abgesehen davon - welche grundsätzliche Frage stellt die "Bohème"?
Menschen wie Mimi aber waren ein Spielzeug und nicht mehr. Darin liegt die Sozialkritik, aber dazu muss mehr gelesen werden, als das Libretto und ich gebe ihnen Recht, wer nur die Bühnen-Boheme anschaut, hat es schwerer auf grundsätzliche Fragen zu stossen. Obwohl, so weit ist die dargestellte Situation von unserer auch nicht weg!
Komischerweise war erst jüngst der spanische König Juan Carlos in Moskau und hat sich lächelnd mit Putin fotografieren lassen.
Ich bin zwar auch gegen Putin und für Pussy Riot, aber dass man hier von Künstlern - die keine Staaten, keine Organisationen, keine Armeen hinter sich haben - eine supermoralische Haltung verlangt, die von keinem Politiker gefordert wird, ist doppelte Moral und Heuchelei.
Noch dazu wäre es denkbar, dass so manche "Unterstützung" für Putin eher widerwillig, sicher nicht freiwillig erfolgte - es findet sich schließlich immer etwas, womit man Menschen zu etwas drängen kann... Und dass Netrebko in Wien und New York wohnt und lebt, nicht im Putin-Reich, sollte als eindeutige Botschaft genügen...
Vielleicht erwartet man heute einfach von Künstlern eine höhere Moral als von Politikern (was ja nicht so schwer zu erfüllen ist).
Und Juan Carlo ist ja ein Paradebeispiel für ihren Standbpunkt: Wer nimmt schon ein Staatsoberhaupt ernst, das sich auf der Großwildjagd selber anschießt (mal abgesehen von ein paar anderen dunklen Punkten in seinem Lebesnlauf).
Gerade weil Frau N. nicht mehr in Putins Machtbereich lebt, kann ihr Eintreten für ihn nicht als Ergebnis eines von ihm ausgeübten Druckes gewertet werden.
Gehört eigentlich nicht ins Kultur-Forum, aber:
Wenn sie sich mit der jüngeren spanischen Geschichte befassen würden, könnten sie erfahren, dass es ganz wesentlich Juan Carlos (als Person) zu verdanken ist, dass Spanien in den 80ern nicht wieder in eine Diktatur geputscht wurde.
Er hat sich damals - was niemand erwartet hatte - in bemerkenswerter Weise (und mit einigem persönlichen Risiko) ganz deutlich gegen die Putschisten gestellt.
Und das wiegt lächerliche Fehltritte wie Jagden oder Affären locker auf...
Was immer sie als "äußerst fragwürdig" sehen - bei etwaigen Beweisen/Hinweisen melden sie sich bitte bei der spanischen (notfalls auch der österreichischen) Polizei. Die sind für mutmaßliche Verschwörungen/Morde zuständig.
Ich bleib bis dahin mal lieber bei den belegbaren Fakten...
Putin ist eine politische Tatsache, und die anderen Politiker werden dafür bezahlt, auch mit widerwärtigen Tatsachen umzugehen.
Wir bezahlen ja auch Fachkräfte für den Umgang mit stinkenden Bestien.
Wenn allerdings eine Sängerin sich eine solche als Haustier zulegt, dann muss sie damit rechnen, dass wir in Hinkunft lieber auf ihre Nähe verzichten; zumindest diejenigen unter uns, die keine stinkenden Bestien mögen.
Respekt vor dem Talent von Anna Netrebko, aber ich finde es nicht ok, dass sie als österreichische Staatsbürgerin nach wie vor Interviews auf Englisch gibt, es absolut nicht der Mühe wert findet und kein einzig deutsches Wort in den Mund nimmt!
Andere, die seit Jahren hier und bestens integriert sind und oft besser Deutsch können als viele Österreicher selbst, die schiebt man ab, obwohl man auf der anderen Seite den Facharbeitermangel beklagt!
Netrebko hin oder her, mir ist sie absolut nicht sympathisch, im Gegenteil!!!
Ja, Netrebko spricht nach wie vor nur sehr schlecht Deutsch. Unter anderem, weil sie zwar (auch) in Wien lebt, aber die meiste Zeit international unterwegs ist. Und zudem bei den Festspielen internationale Presse anwesend ist, womit ein auf englisch geführtes Interview leichter verwertbar ist.
Die Verbindung mit der - diskussionswürdigen - österreichischen Staatsbürgerschaftspolitik ist hier aber verfehlt. Jeder Staat nimmt sich das Recht, grundsätzliche Regeln für den Erwerb der StB aufzustellen, diese aber in besonderen Einzelfällen auch auszusetzen.
Und das aus gutem Grund - wenn man hofft, von dieser StB-Verleihung als Staat (unmittelbar) massiv zu profitieren.
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