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vergrößern 645x430Glucksen, sirren, knistern: Im Sommer hat im Mündungsdelta des Mackenzie River die Natur das Sagen.
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vergrößern 500x361Anreise & Unterkunft
Flug: mit Austrian / Air Canada via Calgary weiter nach Yellowknife für rund 1280 €. Von Yellowknife aus Flüge mit First Air oder Canadian North mehrmals wöchentlich in zwei Flugstunden nach Inuvik; Tickets rund 700 €. Übernachtung z. B. im Arctic Chalet ab ca. 80 €, im MacKenzie Hotel ab ca. 150 € pro Doppelzimmer. Pick-up-Truck-Wohnmobil bei Canusa Touristik ab Whitehorse/Yukon ab ca. 450 € / Woche. Weitere Infos: Northwest Territories Tourism, Tel. 001/867/8735007, www.spectacularnwt.com.
Die Luft flirrt über dem stillen, breiten Fluss, und nur ein Kanu durchschneidet diesen Nachmittag einen Moment lang das glasklare Wasser. Fast lautlos zieht es in vierzig Meter Entfernung vorbei und gleitet nordwärts Richtung Eismeer, während ein paar Wildgänse aufflattern und Kurs nach Westen nehmen. Ein paar hundert Meter weiter springen Kinder über die sonnenbeschienenen dicken Kieselsteine am Ufer, gehen bis zur Hüfte im keine zehn Grad warmen Wasser baden, spritzen einander nass - und kreischen und lachen abwechselnd. Die Eltern picknicken derweil am Ufer, haben eine Decke ausgebreitet und ihr persönliches Buffet aus geräuchertem Caribou-Schinken und ein paar Salaten aufgebaut. Und wenn alles aufgegessen ist, werden sie anfangen zu singen. Die Gitarre liegt offen auf der Ladefläche ihres Pick-ups, der zwei Dutzend Meter abseits am Ende der Sandpiste zum Fluss geparkt ist.
Ein Stück weiter sind es nur noch die Bienen, die man hört, wenn sie in Geschwaderstärke in den Blüten zigtausender kaum zeigefingerhoher violetter Veilchen turnen: Sommer in der Arktis, Juli und August im Mündungsdelta des Mackenzie River hoch oben, wo der Kontinent endet und noch weiter nördlich nur noch die arktischen Inseln kommen.
Die kanadischen Northwest Territories erstrecken sich ungefähr von der Hudson Bay im Osten bis zur Grenze Alaskas im Westen und umfassen 1.140.835 Quadratkilometer. Bewohnt sind die an Bodenschätzen reichen Territories von nur rund 41.500 Menschen. Wirtschaftlich lebt die riesige Region von Öl- und Gas-Exploration bzw. -Förderung, von Diamantenminen und dem Uranbergbau. Und von den Urlaubern, die es vor allem im kurzen Sommer hier herauf zieht.
Das absolute Sommerglück
Für die Einheimischen aus der Delta-Hauptstadt Inuvik, gerade 3500 Einwohner stark, sind Tage wie diese Inbegriffe des Sommerglücks. Aller Schnee, alles Eis, all die vielen endlos langen Winterabende sind dann vergessen. Die Weite der Tundra ist im kurzen Sommer in ein violettes, gelbes und cremefarbenes arktisches Blütenmeer verwandelt. Nicht nur die Natur explodiert binnen kürzester Zeit - auch die Menschen sind ganz aus dem Häuschen, wenn das Thermometer plötzlich die Zwanzig-Grad-plus-Marke überschreitet.
Sie stellen selbst in den Siedlungen des Nordens Möbel vor die Haustür, hocken auf Stühlchen an der Zufahrt zum eigenen Anwesen. Sie genießen es, dass die Sonne erst nach Mitternacht für Momente untergehen wird, dass sie bis spätnachts draußen sein, den inneren Akku endlich mit Licht aufladen können.
Es ist ein bestimmter Menschenschlag, der hier oben lebt und arbeitet: herzlich und zugleich hart im Nehmen, ein bisschen knorrig, nicht ganz so offen wie anderswo in Kanada, aber sehr hilfsbereit, wenn es darauf ankommt. Es sind Leute, deren Leben noch etwas von den Pioniertagen hat, als Menschen mit allem Hab und Gut auf einem Planwagen loszogen, ohne zu wissen, was und wer sie hinter der nächsten Hügelkette erwartet.
Es werden nach und nach mehr Urlauber, die ein bisschen davon und auch das sicherheitshalber nur auf Zeit nachempfinden möchten, wenn sie im Juli und August über den neunhundert Kilometer langen und nur streckenweise asphaltierten Dempster Highway mit ihren Miet-Wohnmobilen von Dawson City im touristisch weit besser bereisbaren Yukon Territory aus nach Inuvik rollen, dabei zweimal mit Fähren den gewundenen Lauf des Mackenzie River kreuzen müssen. Der Dempster ist die einzige Straße nach Inuvik. Und wenn sie angekommen sind, sieht man sie am Fluss: erst mal eine Hand in diesen, stolzen, breiten, abgelegenen Strom halten. Oder den Fuß. Oder beide. Im kalten Wasser über die Kiesel waten - all das, um wirklich zu spüren, wie sich der Sommer im Norden so weit abseits allen Weltgeschehens anfühlt.
Stille tanken
Sie kurven dann weiter - ein, zwei Weggabelungen nur. Dann sind sie mitten in Inuvik, parken vorm Northern-Supermarkt, erstehen sündhaft teure Tomaten, dazu Blattsalat zu Juwelierpreisen, außerdem Steaks, einen Sack Grillkohle, Kartoffeln - und fahren zurück an den Fluss, um ihr Lager aufzuschlagen. Sie tanken Stille. Wie schade nur, dass das Handy auch hier inzwischen ein Netz hat.
Hierher gehört das Glucksen des Wassers, das Surren der Bienen, das Knistern der Kohle. Auch die Gitarrenmusik vom improvisierten Grillplatz eine Flussbucht weiter nördlich. Es wird lauter. Urplötzlich. Geht mit einer Staubwolke einher, ist von Hecheln und gelegentlichem Bellen untermalt. Und ist genauso schnell wieder vorbei, nachdem sie kurz herübergewinkt hat: Judi Falsnes aus Inuvik auf ihrem Hundeschlitten. Sie kann auch im Sommer nicht davon lassen, hat Rollen unter die Kufen montiert und rumpelt so im Juli und August mit ihren Huskys über Sand, Gras und Gestein durch die Region. Welche Jahreszeit sie lieber mag? "Den Winter", ruft sie: "Natürlich!" Es ist eine kluge Wahl. Er ist weitaus länger. Diese Festlegung verhindert Traurigkeit, wenn der kurze arktische Sommer in seiner Pracht allzu schnell wieder vorbei ist. (Helge Sobik, Rondo, DER STANDARD, 3.8.3012)
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