Die Unansehnlichen

  • Für Radicchio aus Chioggia oder Treviso zahlt man nördlich der Alpen mit
 Goldnuggets, um ihn gegrillt, im Risotto oder als Salat zu 
assimilieren.
    foto: derstandard.at/ped/ahin

    Für Radicchio aus Chioggia oder Treviso zahlt man nördlich der Alpen mit Goldnuggets, um ihn gegrillt, im Risotto oder als Salat zu assimilieren.

Trittpflanzen vertragen einiges. Nur wenn man sie in Beeten und Kübeln ansiedeln möchte, leisten sie Widerstand

Trittpflanzen sind Pflanzen, die hin und wieder einen kräftigen Tritt vertragen. Oftmals unscheinbar, belagern sie Wege, Flussufer und Beetränder. Sie sind nieder von Wuchs, recht bedürftig des Lichts und können mit Konkurrenz schlecht umgehen. Poa annua, das einjährige Rispengras, oder Plantago major, der Breitwegerich, sind typische Vertreter dieser schwer Zertretbaren. Weil nur bedingt ansehnlich, werden sie in den meisten Fällen ausgestochen oder ausgerissen, je nach Wurzeltyp.

Es gibt aber entzückende und wohlschmeckende Trittpflanzen, die Zichorien. Besser bekannt als Hemikryptophyten, überwintern Zichoriengewächse dadurch, dass sie ihre Überdauerungsknospen knapp über der Erdoberfläche anlegen, also nur halb versteckt, wo diese von Schnee, Laub oder Erde als Witterungsschutz bedeckt ganz gut über die kalte Jahreszeit kommen.

Endivien und die Radicchio-Gruppe

Diese Zähigkeit lässt sie auf Brachland rasch Ruderalfluren bilden. Solche Zichorien sind zum Beispiel die Wegwarten. Und da schnalzt der Gärtner auch schon mit der Zunge, gehören Endivien und die Radicchio-Gruppe doch zu dieser Gruppe. Zu den kultivierten Formen von Cichorius intybus, also jenen mit guten Manieren, gehören der Chicorée, der Radicchio in all seinen Formen, die Wurzelzichorie und der Zuckerhut. Für Radicchio aus Chioggia oder Treviso zahlt man nördlich der Alpen mit Goldnuggets, um ihn gegrillt, im Risotto oder als Salat zu assimilieren. Letztendlich bleibt er ein Ziguri, wie man in Wien dazu zu sagen pflegt.

Aus diesem Eck Österreichs kommt auch die Bezeichnung Ziguriwasser für einen dünnen Kaffee. Denn die gerösteten Wurzeln dienten in weniger dekadenten Zeiten als Streckmittel oder gleich ganz als Kaffeeersatz. Wer dem bitteren Radicchio oder Chicorée nichts abgewinnen kann, erfreut sich an anderen Wegwarten.

Darunter zum Beispiel die Gemeine Wegwarte Cichorium intybus, eine wunderschön blau blühende Straßenbegleiterin, deren sternförmige Blüten von einem Licht und Strahlen sind, dass einst selbst Côte-d'Azur-erfahrene Maler angesichts einer Gemeinen Wegwarte erblassten und umgehend zum Pinsel griffen. Flora dieses Typs macht auch den Fauma ganz wucki. Absolut frosthart, hitzeresistent, kaum Laub und viele Blüten über Monate hinweg - ja geht es denn besser?

In Beeten und Kübeln

Seit Jahren versucht der ambitionierte Gartler, die Gemeine Wegwarte bei sich in den Beeten und Kübeln anzusiedeln. Doch er scheitert bei diesem Unterfangen auf höchst zeitgemäße Weise, nämlich nachhaltig. Was hat er nicht schon alles probiert. Glamourös der Versuch, zwischen Mollands und See, mitten in den schönsten Kamptaler Lagen, eine Wegwarte auszugraben. Wie kläglich und erbärmlich kann der Versuch enden, ein zähes Kraut aus der Erde zu drehen!

Aber selbst mit Stechschaufel und Kübel bewaffnet, die Pflanze samt halbem Kubikmeter Erde ausstechend, wurde die Sehnsucht nach der sekundär eigenen Wegwarte nicht erfüllt. Ähnlich dem Klatschmohn quittiert das Sensibelchen jede minimale Veränderung mit sofortigem Welken und Absterben. Und auch das Bemühen, Wegwartensamen auszustreuen, wurde nicht von Erfolg gekrönt. Faumas Flora, so scheint es, muss ohne Gemeine Wegwarten in den Beeten auskommen. Da kann auch kein Ziguriwasser darüber hinwegtrösten. (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 3.8.2012)

Share if you care