Zelten bei Festivals

  • Für András Szigetvari ist das Campieren bei Musikfestivals "eine grausame Erfahrung", Colette Schmidt hingegen findet, dass "Zelten wahre Glücksgefühle" bescheiden kann.
    foto: heribert corn/ corn.at

    Für András Szigetvari ist das Campieren bei Musikfestivals "eine grausame Erfahrung", Colette Schmidt hingegen findet, dass "Zelten wahre Glücksgefühle" bescheiden kann.

"Du, in meinem Zelt ist eh Platz für zwei!" oder eine Mischung aus Schweiß und Uringeruch

Pro: Auf dem Boden der Realität
Von Colette M. Schmidt

Wenn man nicht mehr zu den ganz Jungen gehört - und das schon länger nicht mehr - kann so ein Wochenende mit Musik und ohne Sorgen wie ein Jungbrunnen locken - vor allem, wenn ein junger Mann etwas sagt wie: "Du, in meinem Zelt ist eh Platz für zwei!"

Auch wenn man schon als ganz Junge zivilisatorische Errungenschaften wie Matratzen, Bettgestelle und fließend Wasser mehr schätzte als das Flair einer Evakuierung. Auch wenn man stickigen Zelten nie etwas abgewinnen konnte und sich von den Geräuschen aus benachbarten stickigen Zelten belästigt fühlte: Zelten kann wirklich wahre Glücksgefühle bescheiden.

Nie hätte man morgens um drei noch diese Indie-Punk-Band aus der Ukraine gehört, hätte einen nicht die Aussicht auf Zelt und Schlafsack wie Red Bull (intravenös), auf den Beinen gehalten. Nie sank man seliger in das große, leere, weiche Bett daheim. Ausgestreckt in einer Wolke zart duftenden Linnens weiß man: Solch Glück spürt nur, wer ab und an auf dem harten Boden der Realität nächtigt.

Kontra: Die Mischung macht's
Von András Szigetvari

Eine Mischung aus Schweiß und Uringeruch überall, alle paar Meter speibende Jugendliche, die ihre erste Erfahrung mit Alkohol machen und dein Zelt mit ihrem verwechseln: Campieren bei Musikfestivals ist eine grausame Erfahrung.

Dabei wird die Sache nicht einmal durch diese Kapitulation vor allen Hygienestandards so unerträglich. Dafür sorgt die Durchmischung im Publikum. Festivals bieten für jeden etwas. Im Zelt rechts hocken Dreadlock-Hippies, links die Fans einer Metalband, gegenüber Neil-Young-Bewunderer, die es trotz ihres Alters (40 plus) noch mal wissen wollen. Dazwischen grölende Deutsche, weil Österreich ja "so supa" Festivals hat.

Alles Menschen, die in der freien Wildbahn nie ein Wort wechseln würden. Aber hier führen sie nächtliche Endlosdiskussionen über Alkohol und Haschisch, während eine ukrainische Hardcore-Band auf der Bühne nebenan ihre Instrumente zerlegt. Irgendwann steht fest: Ein Bier auf dem eigenen Balkon zu kippen ist eine viel erhabenere Erfahrung. Mit 40 plus kann man ja immer noch die Seiten wechseln. (Rondo, DER STANDARD, 3.8.2012)

Share if you care