Musikrundschau mit Unverfrorenheit

    2. August 2012, 17:26
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    Neue Alben von Foxygen, Purity Ring, Sleep und den Beach Boys

    FOXYGEN Take The Kids Off Broadway (Jagjaguwar/Trost) Sam France und Jonathan Rado sind 22 Jahre junge US-Musikanten. Sie verehren Musik von Leuten, die ihre beste Zeit mindestens zehn, eher 20 Jahre vor ihrer Geburt hatten: David Bowie zu seiner "Glamrock"-Zeit, die psychedelischen Kinks, Rolling Stones in deren "satanischer" Phase, Lou Reed und Velvet Underground, das übliche Opa-Zeug. In Sachen übliches Opa-Zeug behaupten Opas gern, dass nichts besseres nachkommt. Foxygen zeigen sich von den historischen Vorgaben insofern begeistert als sie den Rockkanon nicht einfach stur nachbeten, sondern daheim im Wohnzimmer beherzt hoppertatschig wie energiegeladen neu für sich entdecken. Das rumpelt und kracht, fiepst und uh-la-la-t, scheppert und holzt. Ein zweites Album wird man von Foxygen wahrscheinlich nicht besitzen wollen - weil dieses hier perfekt in seiner Unverfrorenheit des ersten Mals ist und eigentlich nur noch Professionalisierung und Soundglättung folgen können.

    BEACH BOYS That's Why God Made The Radio (Capitol/EMI) Mike Love, Al Jardine und Bruce Johnston haben sich als Überlebende der Original Beach Boys anlässlich des 50-jährigen Bandjubiläums noch einmal mit Mastermind Brian Wilson zusammengetan. Trotz des gemächlich wie zart schlingernden und schunkelnden Titelsongs über ein von heutigen jungen Leuten eher gar nicht mehr so intensiv genutztes Medium und die Segnungen einer einstigen Revolution ("He waved his hand, gave us Rock'n'Roll, the soundtrack of falling in love") und trotz reichlich Füllmaterial ist es eine würdige, sehr wahrscheinlich als Abschiedsalbum konzipierte Arbeit geworden. Während der drei letzten Songs geht schließlich die kalifornische Sonne unter: From There To Back Again, Pacific Coast Highway und Summer's Gone: "Summer's gone, I'm gonna sit and watch the waves. We laugh, we cry, we live then die. And dream about our yesterday. Danke, Beach Boys.

    PURITY RING Shrines (4AD) Sängerin Megan James und Elektroniker Corin Roddick kommen aus der kanadischen Provinz Alberta und produzieren unterkühlten, klassischen, allerdings auf dem Mischpult gelegentlich heftig geschredderten Synthie-Pop für jene Teile der Weltjugend, die sich gern mit düsterer Erdton-, Herbstlaub- und Unterarmaufschneid-Lyrik im Gedenken an Cocteau Twins oder Dead Can Dance und "kalten" synthetischen Sounds auseinandersetzen. Das wird die Gothic-Mädchen für ewig auf die Tanzflächen von Depeche-Mode-Clubbings treiben. Wer sich bei vergleichbaren zeitgenössischen Acts wie Zola Jesus oder The Knife zu sehr fürchtet, ist bei Purity Ring gut aufgehoben, weil das im Wesentlichen völlig harmlos dahinplätschert. Den Purity Ring tragen übrigens nordamerikanische Mädchen gern, wenn sie sich für die Ehe "aufsparen" wollen. Diese Musik ist mit Ausnahme einer Rap-Einlage von Gast-MC Young Magic und hübschen Liedermacher-Dubsteppereien im Geiste James Blakes allerdings definitiv nicht mehr als jungfräulich einzuordnen. Winter is coming.

    SLEEP Dopesmoker (Southern Lord/Trost) 1994 spielten drei junge Black-Sabbath-Verehrer aus San Francisco eine 63-minütige Ode an ihre Lieblingsdroge ein, die nach einer gekürzten und erst 1999 veröffentlichten Fassung nun erstmals in voller Länge vorliegt. Es handelt sich dabei um ein Meisterwerk des Metal, das trotz der kindischen Lyrik bis heute nichts von seiner Wucht verloren hat. Schüttle dein Haupthaar zu Sleep.
    (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 3.8.2012)

    • Foxygen rumpeln 
charmant durch den Rockkanon.
      foto: jagjaguar / trost

      Foxygen rumpeln charmant durch den Rockkanon.

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