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vergrößern 600x1009Georg Baselitz: "Sing Sang Zero", 2012.
vergrößern 600x856Kunst im Festspielsommer: Aug in Aug mit Alois Mosbachers Hunden (Altnöder), ...
vergrößern 900x538... Kontraste aus abstrakt und gegenständlich (Ruzicska), ...
vergrößern 800x663... Stadtanalysen von Katja von Puttkamer (Galerie UBR) ...
vergrößern 800x600... und Franz Graf bei Weihergut.
Ein Lokalaugenschein an der Salzach zur Festspielzeit.
Salzburg - Was vom Sockel bleibt, sind die hohen Hacken. Denn von den Absätzen einmal abgesehen, sind Georg Baselitz' Skulpturen bodenständig, suchen Nähe zu Terrazzo und Beton. Das monumentale Paar von hünenhaften 330 Zentimetern erinnert in seinem zerklüfteten Schwarz an eine Felswand aus bröckeligem Schiefer, die sich zum Spaziergang erhoben hat.
Sing Sang Zero titelt jenes wie ein Besucherpaar in Thaddaeus Ropacs Halle aufmarschierende Gespann. Seine Gussvorlage hat Baselitz wie immer mit der Kettensäge in Holz geschnitten; doch anders als seine sonst farbig bemalten Figuren verliert sich in der wie in Grafit gebadeten Gruppe jede Leichtigkeit, jegliches - Eckig- und leuchtender Farbigkeit geschuldete - comichafte Flair. Wie "ein archäologischer Fund aus grauer Vorzeit", schreibt Eric Darragon im Katalog.
Der Fokus liegt nun auf der Pose: etwa auf der unsicheren, Autonomie aufgebenden Geste des Unterhakens oder den staksigen Beinen. Den tragenden Extremitäten widmete sich Baselitz bereits in seiner Ekely -Serie, inspiriert von einem Munch-Porträt, das kurz unter den Knien endete. Aber selbst Baselitz porträtiert den für ihn wirkmächtigen Künstler fußlos, jedoch doppelköpfig. Das Bild gehört so wie die Porträts von Heckel, Schmidt-Rottluff oder Kirchner, zu Baselitz' Negativ-Bildern, dem neuesten und an beiden Salzburger Adressen der Galerie präsentierten Werkzyklus.
Die eigene Arbeiten wiederholende Remix-Idee wurde zum Serienprinzip, der nun auch die jüngste folgt. Darin kehrt Baselitz obendrein die Bildvorlagen in ihr fotografisches Negativ. Ein Trick, der, wie das Umdrehen, das Kopf-Unterkehren, ein weiteres Kippen des Motivs und ein Auflösen in Farbe bewirkt. Denn so sehr Baselitz' Skulptur sich auch verfestigt, seine Malerei löst sich auf.
Es scheint, als würde Baselitz eine Störung in Bilder einbringen, die nur noch "hingenommen" werden, die allzu normal geworden sind. Die Normalität seiner Bilder zeigt sich schon allein darin, dass niemand mehr wagt, den eigenen Kopf zu wenden, um das auf den Kopf Gestellte " richtig" zu drehen.
Insbesondere in den nun negativ wiederholten "Russenbildern" wirkt die Wiederholung wie ein Schlund, der ungeliebte Geschichte als ewigen Wiedergänger präsentiert. Bild um Bild wiederholt sich das, dem die Zeit bereits die Konturen geraubt hat, von dem nur diffuser Schauer bleibt, ohne dass sich Erkenntnis eingestellt hätte.
Wagnis geht man auch bei der Galerie Mauroner zur Festspielzeit nicht ein und setzt auf Bewährtes: Jan Fabre. In einem Leerstand am Waagplatz hat man temporär sein Quartier aufgeschlagen und präsentiert dort den belgischen Affektmasseur (in Wien komplementiert man mit dem frühen Fabre). Ausschweifend ist noch ein sehr blumiges Wort für den Exzess der Wiederholung bei Fabre: Es sind diesmal zwar nicht 1,6 Millionen Juwelenkäfer, die 2009 die Decke des Brüsseler Palais Royal wie ein Mosaik überzogen, aber die auf Tafelbildern versammelte Käferhorde ist durchaus opulent. Eine schillernde Krabbelei, die - aufgeladen mit Themen der Metamorphose und Vergänglichkeit - brutale Szenen aus der belgischen Kolonialgeschichte (Tribute to Hieronymus Bosch in Congo) nacherzählt.
Ein Materialrausch, der auch auf die Brillantkäfer-besetzten Kreuze mit daran geschlagenen Pelztierchen - vom Füchslein bis zum Hermelin - übergreift. Noch symbolüberfrachteter: die mit mundgeblasenen Glasaugen übersäten Organe und Figuren aus Wachs, die sich dem Ausstellungstitel nach als Opfergaben für den Gott der Schlaflosigkeit herausstellen. Auch mit Gold kann man punkten: In den Räumen in der Residenz glänzt ein kreuztragender Skarabäus und ein geflügeltes Gehirn in 24 Karat.
Dem wiederholenden Prinzip frönt dort auch Joana Vasconcelos, die einen Riesengecko mit portugiesischer Häkelspitze überzieht. Das Dekorative weist auf die typisch weibliche, aussterbende Technik hin. Ein gesellschaftspolitischer Aspekt, den Vasconcelos aber auch von der Mieze bis zur Wildkatze durchexerziert hat.
Tierisch und gut gelaunt geht es auch bei Altnöder zu: Schon früher hat Alois Mosbacher unwiderstehliche Charakterhunde auf Leinwand gebannt. Diesmal lässt er die Köter quasi als seine Stellvertreter in Szenen der Kunstgeschichte beamen. Nicht das Zeitreisen an Plätze der Geschichte und Mythologie interessiert ihn, sondern vielmehr das Gemälde als virtueller Ort, in dem der Hund unbeteiligter Fremdkörper bleibt.
Zunehmend befremdlich - aus weiblicher Perspektive - sind die neuesten Schmerzensbilder von Franz Graf. In der Galerie Weihergut erblickt man zwischen Gerüsten und anderen reglementierenden Utensilien Frauen mit verschatteten Gesichtern: Münder wirken verklebt oder übermalt, Augen wenden sich ab, Brüste und Hintern präsentieren sich. Es mag hier Einverständnis zwischen Frau und Mann herrschen, die Blicke bleiben männlich: Die machen aus dem Verletzungskörper jenen der Verführung.
Mit besonderem Augenmerk auf alltägliche Verführungen des Glücksspiels, auf Lottobuden und Stätten einarmiger Banditen, die in die unliebsamsten urbanen Gegenden einziehen, dekonstruiert Katja von Puttkamer in der Galerie UBR städtische Architekturen.
Von ihren luftigen Gouachen lässt sich leicht zu der Gruppenschau in der Galerie Nikolaus Ruzicska überleiten. Denn in Strukturen und Formen der Stadt vereinen sich Gegenständlichkeit und Abstraktion. Diese beiden Stoßrichtungen zeigt Künstler Gerold Miller als Kurator der Schau Take off your silver spurs and help me pass the time. Gemäß dem Songtitel Summertime eine anregende Schau, die Junges und Arriviertes vereint und auch sonst Spannung aus Kontrasten zieht. Wie Sporen graben sich eine Leuchtarbeit von Anselm Reyle und Objekte von Katja Strunz in die Erinnerung. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 2.8.2012)
Adressen:
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