"Wir wollen hier keine Taliban"

Mali in der Krise: Angst vor einem zweiten Afghanistan

Im Norden Malis wüten Radikalislamisten, im Süden vergnügen sich die Menschen in Cafés. Der ins Chaos abgerutschte Staat braucht dringend eine starke Regierung. Sonst gerät die ehemalige französische Kolonie in Westafrika immer mehr unter die Kon trolle von Fanatikern.

Vor vier Monaten hatten sich Militärs an die Macht geputscht. Aber auf den Straßen der Hauptstadt Bamako ist von der Krise kaum etwas zu spüren. Es ist Ramadan, etwas ruhiger als gewöhnlich. Der Betrieb in den Cafés und Restaurants läuft weiter, als hätte es nie einen Putsch gegeben.

"Im Süden ist alles okay, wir haben hier keine Probleme", sagt der Taxifahrer Kaido. "Aber die Medien stellen es so dar, als ob ganz Mali in der Krise steckt." Ein anderer Bürger Bamakos fügt hinzu: "Wir sind Muslime, aber wir wollen zu nichts gezwungen werden. Wir wollen hier keine Taliban."

Furcht vor Islamisten

Der Vergleich ist passend, denn was sich derzeit im Norden Malis abspielt, ist laut Beobachtern vergleichbar mit der Situation in Afghanistan. Die Angst geht um, dass auch Teile Malis für lange Zeit zum Synonym für islamistischen Terror werden könnten.

Die in der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) organisierten Nachbarländer versuchen verzweifelt, eine Loslösung des Nordens, der sich unter der Bezeichnung "Azawad" schon unabhängig erklärt hat, zu verhindern. Sie hatten der Regierung in Bamako ein Ultimatum bis Dienstag gestellt, um eine Einheitsregierung zu bilden, und andernfalls mit der Entsendung von Truppen gedroht. Die Frist ist jedoch um zehn Tage verlängert worden, meldete das staatliche Radio.

Die Anhänger verschiedener islamistischer Gruppen, die den Norden kontrollieren, haben bereits damit begonnen, die Scharia einzuführen, und räumen jeden aus dem Weg, der sich ihrer Auslegung der islamischen Rechtsprechung in den Weg stellt.

So geschehen am vergangenen Wochenende, als ein unverheiratetes Paar zu Tode gesteinigt wurde. Menschenrechtsorganisationen verurteilten die Tat als "grausam und entsetzlich". Die Steinigung mache das "Klima der Angst" deutlich, das die Rebellen in den eroberten Gebieten geschaffen hätten, so Amnesty International.

Die Liste der neuen Vorschriften und Verbote ist lang: Männer und vor allem Frauen müssen einem strengen Kleiderkodex folgen, nichtreligiöse Musik wurde verboten, unverheiratete Paare dürfen weder gemeinsam über die Straßen laufen, noch in öffentlichen Verkehrsmitteln nebeneinandersitzen. Einschüchterungen und sogar Tötungen von Menschen, die sich dem widersetzen, sind an der Tagesordnung.

Ziel der Rebellen ist es, einen islamistischen Staat zu errichten. Nun hat sich der Hohe Islamische Rat des Landes in den Konflikt eingeschaltet, der die Mehrheit der dortigen Muslime repräsentiert. Vertreter des Rates seien in den Norden gereist, um die dortigen Machthaber zum Rückzug zu bewegen, hieß es. (Shabtai Gold, Carola Frentzen aus Bamako /DER STANDARD, 2.8.2012)

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